Krieg: „2027 werden in der europäischen Politik die Nerven blank liegen“, sagt Ivan Krastev
Audioplayer wird geladen Anzeige Der bulgarische Politikwissenschaftler und Philosoph Ivan Krastev hält das Jahr 2027 für ein „entscheidendes“ in Europa. Wichtige Wahlen in Frankreich, Polen, Italien und Spanien könnten zu einer Situation führen, die Russlands Präsident Wladimir Putin in die Karten spiele. „Ich nenne es: das lange Jahr 2027“, erklärte er im Interview mit dem „Stern“. „Es könnte sein, dass das rechte Spektrum Wahlen gewinnt, aber eine Regierungsbildung der Konservativen nur mit Rechtsextremen möglich ist.“ Dabei würden rechtsextreme Parteien entstehen, die wesentlich radikaler seien als „das, was wir bisher unter rechtsextrem verstanden“ hätten. „Hier geht es um regelrecht braune Gesellen“, so Krastev. Anzeige Lesen Sie auch Als Beispiel nannte Krastev Gruppen rechts der nationalkonservativen PiS in Polen und die Bewegung des italienischen Ex-Generals Roberto Vannacci rechts der Lega. Wenn „solche Typen“ an die Macht kämen, während „über Verteidigungsausgaben oder das Budget der EU-Kommission entschieden wird, geraten wir in gewaltige Schwierigkeiten.“ Krastev verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Situation in Deutschland. Die Aufrüstung wecke in den Nachbarländern Ängste, weil zugleich die AfD stärker wird. „2027 werden in der europäischen Politik die Nerven blank liegen“, warnte Krastev. Man könne nicht einmal sicher sein, „ob die deutsche Regierung nächstes Jahr noch dieselbe ist wie jetzt.“ Anzeige Diese Situation könne Putin ausnutzen. „Vielleicht spekuliert Putin auf diese Volatilität im Wahljahr 2027.“ Der russische Präsident habe derzeit mehr Anlass, darauf zu hoffen, dass sich Europa selbst zerlege, „als auf einen Kollaps der Ukraine“. Gleichzeitig zeigten das Beispiel der Ukraine, die seit vier Jahren dem russischen Angriffskrieg widersteht, und die Abwahl Viktor Orbáns in Ungarn, dass „die Zukunft offen“ sei. „Wir müssen bereit sein, uns selbst zu überraschen.“ Lesen Sie auch Das Problem sei allerdings, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs „keine Sprache finden, in der sie ihrer Bevölkerung erklären können, wie sehr die Welt sich verändert“. Denn es sei „eine Illusion zu glauben, wir könnten wieder zu Verhältnissen wie vor 2022 oder vor 2014 zurückkehren, zu der Art von stabilem Frieden, wie wir ihn in Europa lange gekannt haben“. Lesen Sie auch So wie der Krieg von heute nicht dem Krieg der Vergangenheit gleiche, müsse sich auch das Bild vom Frieden wandeln. „Frieden wird auf Jahre hinaus nicht mehr sein als ein Zustand ständiger Ungewissheit.“ Ivan Krastev ist Politikwissenschaftler, Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. lfb