Krieg im Schwarzen Meer: Nato steht nach Attacken vor der Küste unter Druck
Krieg im Schwarzen Meer
Jetzt schlagen Drohnen in der Nähe des Goldstrands ein
Eine Analyse von Anna von Stefenelli
Aktualisiert am 14.10.2026 - 16:55 UhrLesedauer: 6 Min.
Der Ukraine-Krieg weitet sich zunehmend aufs Schwarze Meer aus. Dabei trifft der Kampf um die Handelsrouten auch Staaten, die selbst nicht am Krieg beteiligt sind. Die Nato steht vor einem Problem.
Mitten in der Nacht ist an Bulgariens Schwarzmeerküste ein lauter Knall zu hören. Gegen 1 Uhr nehmen Anwohner der Küstenstadt Schabla laut dem Bürgermeister Marijan Schetschew eine Explosion wahr. Eine Anwohnerin erzählte dem Fernsehsender Nova, sie habe das laute Grollen in der Nacht zum 13. Oktober gehört und es zunächst für Regen gehalten. Wenig später wurde bekannt: Rund 30 Kilometer vor der Küste war der Frachter "HS Dignity" nach einem Drohnenangriff gesunken.
Es ist bereits das zweite Schiff innerhalb von acht Tagen, das vor Bulgarien nach einem Drohnenangriff gesunken ist. Nur fünf Minuten vor dem Angriff auf die "HS Dignity" hatten drei Drohnen einen weiteren Frachter getroffen. Die Besatzung überlebte, mehrere Seeleute wurden verletzt.
Bulgarien ist Nato- und EU-Mitglied und für viele Deutsche vor allem ein Urlaubsland. Aktuell laufen in Burgas die Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest 2027. Doch inzwischen ist der Krieg um das Schwarze Meer näher Richtung Westen gerückt: bis vor die Küste des Bündnis-Staates. Während sich der Krieg im Schwarzen Meer ausweitet, kann die Nato nur wenig tun. Denn die Angriffe spielen sich außerhalb ihres Territoriums ab. Das Bündnis steht vor einem Dilemma.
Mehrere Angriffe innerhalb weniger Tage
Die am Dienstag getroffene "Chelsea 3" war ohne Ladung vom türkischen Hafen Giresun zum moldauischen Hafen Giurgiulești unterwegs. Das Schiff fährt unter maltesischer Flagge und gehört einem ukrainischen Eigner. Alle 15 Menschen an Bord konnten gerettet werden. Auch die gesunkene "HS Dignity" hatte keine Ladung an Bord. Sie war auf dem Weg von Algerien zum rumänischen Hafen Brăila. 5 ihrer 16 Besatzungsmitglieder überlebten, die übrigen 11 werden vermisst.
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Bereits am 6. Oktober war rund 130 Kilometer vor Bulgarien die "Alfa Watan" nach einem Drohnenangriff gesunken. Die Suche nach den vermissten Seeleuten blieb erfolglos. Ein zweites Schiff geriet in Brand, seine 18 Besatzungsmitglieder wurden gerettet. Schon am Vortag waren beim Brand eines Frachters vor Rumänien zwei Seeleute ums Leben gekommen. Die Ukraine machte einen russischen Drohnenangriff dafür verantwortlich, rumänische Behörden bestätigten die Ursache zunächst nicht.
Wer hinter den jüngsten Angriffen steckt, ist bislang ungeklärt. Die Ukraine beschuldigt ebenfalls Moskau. Bulgariens Ministerpräsident Rumen Radew erklärte ebenfalls, die Angriffe kämen Russland zugute. Dass die Ukraine eigene Schiffe angreife, sei nicht logisch. Eindeutige Beweise für eine russische Beteiligung fehlen jedoch. Bislang konnten auch keine Drohnentrümmer geborgen werden, die Hinweise auf die Herkunft der Fluggeräte geben könnten. Untersuchungen durch die bulgarischen Behörden laufen.
Wegen seines Verdachts bestellte Radew am Dienstag die russische Botschafterin ein. Denkwürdig ist das auch deshalb, weil die neue Regierung in Sofia in Teilen als russlandfreundlicher gilt als ihre Vorgänger. Sie erklärte jedoch, ihr lägen keine Informationen über russische Angriffe vor, und brachte eine Provokation Dritter ins Spiel.
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Die Angriffe treffen zivile Frachter auf internationalen Handelsrouten. Betroffen sind damit zunehmend auch Länder, die nicht am Krieg beteiligt sind.
Russland und die Ukraine kämpfen um Einnahmen
Die zunehmenden Angriffe haben vor allem wirtschaftliche und militärische Gründe. Für beide Kriegsparteien ist das Meer eine wichtige Handelsroute. Über seine Häfen werden Getreide, Pflanzenöl, Metalle und Erdöl verschifft. Wer diese Wege blockiert, schwächt die Ökonomie des Gegners und damit auch dessen Fähigkeit, Krieg zu führen.
Russland versucht bereits seit 2022, die ukrainischen Häfen abzuschneiden. Doch die Ukraine setzte der weit größeren russischen Schwarzmeerflotte mit Raketen und Sprengbooten zu. Moskau musste Kriegsschiffe von der besetzten Krim abziehen. Im August 2023 eröffnete Kiew einen eigenen Exportkorridor entlang der westlichen Küste.
Auch die Handelsschifffahrt geriet immer wieder unter Beschuss. Russische Angriffe brachten den Güterumschlag in ukrainischen Schwarzmeerhäfen im Juli 2026 zeitweise zum Erliegen. Dadurch gewannen Ausweichrouten über die Donau und entlang der rumänischen und bulgarischen Küstenlinie an Bedeutung.
Gleichzeitig nimmt die Ukraine verstärkt russische Schiffe und Hafenanlagen ins Visier. Besonders hart traf es Öl- und Getreideexporte rund um Noworossijsk: Nach einer Analyse des polnischen Zentrums für Oststudien (OSW) lagen die russischen Getreide- und Rohölausfuhren über Häfen am Schwarzen und Asowschen Meer im August mehr als 50 Prozent unter dem Vorjahreswert.
Die Analysten Iwona Wiśniewska und Filip Rudnik vom Zentrum für Oststudien (OSW) in Warschau sehen darin erheblichen wirtschaftlichen Druck auf Moskau. Dass Putin deshalb einlenkt, erwarten sie allerdings nicht.
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Warum die Nato nicht einfach eingreift
Dass die Nato nicht direkt eingreift, hat auch geografische Gründe: Die "HS Dignity" sank etwa 17 Seemeilen vor Bulgarien. Die Hoheitsgewässer reichen aber nur 12 Seemeilen, gut 22 Kilometer, vor die Küste. Dahinter liegt die sogenannte ausschließliche Wirtschaftszone, in der Bulgarien bestimmte souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse hat. Staatsgebiet ist sie nicht.
Die Angriffe lösen deshalb nicht automatisch den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nato-Vertrags aus. Dafür müsste ein bewaffneter Angriff auf einen Bündnispartner vorliegen. Die getroffenen Frachter fuhren nicht unter den Flaggen von Nato-Staaten. Zudem ist die Täterschaft ungeklärt.
Gerade die schwierige Zuordnung solcher Angriffe macht eine Reaktion des Westens kompliziert. Der Militärexperte Gustav Gressel erklärte dazu bereits im September im Gespräch mit t-online: Die Frage, ab wann aus Angriffen ein tatsächlicher Krieg werde, sei eine politische Entscheidung. Bei verdeckten Drohnenoperationen sei es besonders schwierig, eine russische Beteiligung nachzuweisen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Nato die Hände gebunden sind. Im Fall von Bulgarien kann sie auch ohne Bündnisfall aufklären, Drohnenbewegungen überwachen und dem Land bei der Sicherung seiner Küste helfen.
Bulgariens Ministerpräsident Radew bat Nato-Generalsekretär Mark Rutte bereits um Unterstützung bei der See- und Luftraumüberwachung. Rutte kündigte an, das Bündnis werde seine Abschreckung und Verteidigung an der Ostflanke bei Bedarf anpassen. Einen Kampfeinsatz stellte er nicht in Aussicht.
Ein solcher Schritt wäre mit weit größeren politischen und völkerrechtlichen Risiken verbunden. Sollten Nato-Einheiten dabei mit russischen Streitkräften in einen direkten Konflikt geraten, könnte der Krieg weiter eskalieren.
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Wie schwierig ein größerer Einsatz wäre, zeigt auch die Rolle der Türkei. Sie kontrolliert Bosporus und Dardanellen, die Verbindung zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer. Für Kriegsschiffe gilt dort das Abkommen von Montreux aus dem Jahr 1936. Seit 2022 schränkt Ankara insbesondere die Durchfahrt von Kriegsschiffen der Kriegsparteien ein. Zudem dürfen Kriegsschiffe von Ländern ohne eigene Schwarzmeerküste nur begrenzte Zeit in der Region bleiben.
Der Osteuropaexperte Thomas de Waal vom Thinktank Carnegie Europe sieht deshalb Ankara in einer Schlüsselrolle. Wer die Ukraine zur See unterstützen wolle, müsse eng mit der Türkei zusammenarbeiten, argumentiert er in einer Analyse aus dem Juli 2026. Eine große Nato-Flotte lässt sich also nicht nach Belieben ins Schwarze Meer schicken. Die drei Nato-Staaten an dessen Küste – Bulgarien, Rumänien und die Türkei – verfügen aber über eigene Marineeinheiten.
Welche Folgen die Angriffe haben
Durch den Krieg ist die Schifffahrt gefährlicher und auch teurer geworden. Reedereien müssen höhere Risiken einkalkulieren, wenn sie das Schwarze Meer befahren. Nach Angaben des Branchendienstes S&P Global sind die Risikozuschläge bei Tankertransporten in der Region zuletzt gestiegen. Werden wichtige Handelsrouten länger unterbrochen, könnten auch die Preise für Öl und Lebensmittel steigen.
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Besonders kritisch ist die Lage für Länder, die auf Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine angewiesen sind. Das Welternährungsprogramm warnt, dass Störungen wichtiger Seewege Lebensmittel verteuern und die Versorgung insbesondere ärmerer Staaten gefährden können. Auch die Umwelt ist bedroht: Ein schwer beschädigter Öltanker könnte große Mengen Öl verlieren und damit Küsten mehrerer Länder verschmutzen.
Die drei Nato-Anrainerstaaten versuchen bereits, ihre Zusammenarbeit zu verstärken. Bulgarien, Rumänien und die Türkei bekämpfen bereits gemeinsam Seeminen. Im Juli vereinbarten sie, ihre Mission auf den Schutz wichtiger Unterwasseranlagen auszuweiten. Nach den jüngsten Angriffen beraten sie nun darüber, wie sich die Schifffahrt besser schützen lässt. Ob das Schwarze Meer wieder sicherer wird, hängt allerdings vor allem davon ab, wie lange Russland seinen Krieg gegen die Ukraine fortsetzt.
Verwendete Quellen
Nachtrichtenagenturen dpa und AFP
carnegieendowment.org: "Managing Montreux: Turkey and the Russia-Ukraine War in the Black Sea" (englisch)
efe.com: " La UE ve "inaceptables" los ataques a cargueros y denuncia una escalada en el mar Negro " (spanisch)
osw.waw.pl: "Ukraine’s Black Sea attacks take a toll on Russia’s economy" (englisch)
nato.int: "Collective defence and Article 5" (englisch)
Quellen anzeigen
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