Krieg, Klimawandel, Inflation: Wie Krisen den Alltag bestimmen
Es ist ein Grundgefühl der Gegenwart: Kontrollverlust. Die Krisen stapeln sich nicht nur, sie werden auch zum Dauerzustand. Wie verändert die wachsende Verunsicherung unseren Blick auf die Zukunft? Das hat ZDF-Moderator Christian Sievers für eine Doku aus der Reihe "Am Puls" untersucht und dazu mit Entscheidungsträgern und Familien gesprochen:
Anesa Eisenbraun, Sozialarbeiterin aus Düren
Anesa Eisenbraun kann sich kaum losreißen von den Eilmeldungen auf ihrem Handy: Meldungen über Kriege und Klimakatastrophen.
schrieb sie Christian Sievers, nachdem er für seine Doku einen Aufruf gestartet hatte.
Globale Konflikte beunruhigen sie sehr. Und dann brannten im Sommer hinter der belgischen Grenze ganze Wälder, nur wenige Kilometer von ihrem Wohnort Düren entfernt.
Als ihr Sohn Adam geboren wurde, sagte sie: "Willkommen auf dieser schrecklichen Welt." Heute geht er in die Kita. Seit sie Mutter ist, fühlt sie sich "noch angreifbarer". Und sie fragt sich: Wie viele Waldbrände und Flutkatastrophen wird Adam noch erleben? Ein zweites Kind? Eigentlich spricht alles dagegen. Früher hatten sie und ihr Mann Benedikt von zwei, drei, sogar vier Kindern gesprochen. "Da sind wir jetzt super weit weg von", sagt er.
Die Eisenbrauns stehen für einen Trend. Laut einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ist der Kinderwunsch von 18- bis 39-Jährigen zwischen 2022 und 2025 gesunken: bei Frauen um 8,65 Prozent, bei Männern um 7,87 Prozent. Als Hauptgrund nennen die Befragten Krieg und Krise.
Boris Pistorius, Verteidigungsminister
Was tun mit der Angst? Im Osten Litauens, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt, probt die Nato unter deutschem Kommando den Ernstfall. Die Bundeswehr soll hier zeigen, dass sie zur Verteidigung Europas bereit ist.
Für Verteidigungsminister Boris Pistorius geht es dabei auch um den Nachweis, dass die stark gestiegenen Verteidigungsausgaben Wirkung zeigen: Von 46,9 Milliarden Euro im Jahr 2021 sind sie auf 108,2 Milliarden Euro im Jahr 2026 gestiegen.
Christian Sievers fragt ihn zu der diffusen Angst vieler Menschen. Pistorius meint:
Und Pistorius räumt ein: Manchmal wisse auch er abends nicht, was am nächsten Morgen sein wird. Was nachts auf Truth Social oder anderswo gepostet werde.
Wilhelm Hahn, Geschäftsführer Wiha im Schwarzwald
Wie unberechenbar die Lage für sie ist, zeigt der Werkzeughersteller Wiha im Schwarzwald, ein typischer "Hidden Champion". Wiha macht rund 30 Prozent seines Umsatzes in den USA.
Geschäftsführer Wilhelm Hahn beginnt den Tag mit dem Blick aufs Handy: Hat Donald Trump wieder etwas gepostet? Bei jeder Zolldrohung muss Wiha überlegen, ob es Lieferungen vorzieht oder verschiebt. Rund drei Millionen Euro an Zollgebühren hat Wiha im vergangenen Jahr bezahlt. Geschäftsführer Hahn sagt:
Die Stimmung im Land spiegelt das: Nur noch 20 Prozent der Deutschen beurteilen die Wirtschaftslage im September 2026 als gut oder sehr gut. Im Januar 2022 waren es noch 62 Prozent.
Doch manchmal setzt sich die Ordnung im Chaos doch noch durch. Für Wiha kam sie durch ein Urteil des Obersten US-Gerichtshofs, das die Zölle im Februar 2026 für rechtswidrig erklärte. Hahn rechnete daraufhin mit Jahren, bis Geld zurückfließt.
Doch "völlig aus dem Nichts" kam ein Bescheid, und zwei Tage später war ein einstelliger Millionenbetrag zurück auf dem Konto. Einen Großteil der gezahlten Zölle hat Wiha inzwischen wieder. Auch wenn das den Wiha-Geschäftsführer freut: Es bleiben chaotische Zeiten für Unternehmer.
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