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Krieg untrennbar verknüpft?

Welt

Am vergangenen Wochenende hat ein iranisches Frachtschiff im Kaspischen Meer einen schweren Treffer erlitten, offenbar durch eine ukrainische Kamikazedrohne. Dabei kam nach Angaben aus Teheran ein Seemann ums Leben. Obwohl manche Stimmen aus dem iranischen Regime nach Vergeltung riefen, konnten die Chefdiplomaten der beiden Länder die Angelegenheit entschärfen. Der ukrainische Aussenminister Andri Sibiha versicherte, dass hinter dem Todesfall keine Absicht stehe und sein Land keine Eskalation wünsche. Diese Erklärung schliesst nicht aus, dass die ukrainischen Drohnentruppen auch künftig iranische Schiffe ins Visier nehmen, sofern sie Hinweise auf eine militärische Fracht haben. Russland und Iran sind enge militärische Partner, und über das Kaspische Meer fliesst Nachschub in beide Richtungen. Schon als im Januar der iranische Frachter «Rona» vor der Küste Turkmenistans sank, gab es Mutmassungen über eine ukrainische Urheberschaft. Seither ist die Route über dieses Binnenmeer für beide Länder noch wichtiger geworden. Weil die Strasse von Hormuz immer wieder gesperrt ist, sucht Iran andere Handelswege. Ebenso ist Russland, wegen der Bedrohungslage im Schwarzen Meer, auf Ausweichrouten angewiesen. Das Handelsvolumen im Hafen Astrachan am Nordufer des Kaspischen Meeres ist nach Angaben der Regionalbehörden in der ersten Jahreshälfte um 80 Prozent gestiegen. Die USA und Israel ziehen eine Trennlinie Die wachsende Symbiose zwischen Russland und Iran liegt weder im Interesse der Russland-Gegner noch in jenem der Iran-Gegner. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass sich Letztere zu einer Allianz gegen die Achse Moskau–Teheran zusammenschliessen wollen. Der Feind meines Feindes ist nicht zwangsläufig mein Verbündeter, sagen sich namentlich die USA und Israel mit Blick auf die Ukraine. Sie ziehen eine klare Linie zwischen Ukraine- und Iran-Krieg. Dabei gab es schon vor dem Zwischenfall vom Wochenende unzählige Querverbindungen zwischen den beiden Konflikten. Die von Russland gegen die Ukraine monatlich zu Tausenden eingesetzten Shahed-Drohnen stammen ursprünglich aus Iran. Umgekehrt kommt die verbesserte russische Version davon nun laut Geheimdiensterkenntnissen auch bei iranischen Angriffen auf amerikanische Ziele zum Einsatz. Iran soll von Russland zudem Satellitenbilder und andere nachrichtendienstliche Erkenntnisse zu Stützpunkten der USA am Golf erhalten haben. Umgekehrt ist auch die Ukraine zum Akteur im Mittleren Osten geworden. Sie will mehreren Golfmonarchien Abfangdrohnen und Know-how zur Bekämpfung iranischer Fluggeräte liefern. Von ukrainischen Innovationen profitieren auch die USA. So haben die Amerikaner Mitte Juli erstmals mit Kamikazebooten einen iranischen Hafen angegriffen, offensichtlich inspiriert vom Erfolg der ukrainischen Marinedrohnen. Die Perspektive der Ukraine in dieser Situation ist klar: Sie hat ein Interesse daran, die USA erneut als Verbündeten im Kampf gegen Russland zu gewinnen. Dass Präsident Donald Trump 2025 die Militärhilfe an Kiew gestoppt und sich auf eine Position der Neutralität zurückgezogen hat, nützt vor allem Russland. Für die Ukrainer ist deshalb jedes Argument willkommen, das sie in den Augen der USA als Partner attraktiv machen könnte – von Drohnentechnologie bis hin zur Blockierung militärischer Nachschublinien von Russland nach Iran. Gleichzeitig geht es darum, Trump davon zu überzeugen, dass das Putin-Regime auch ein Feind Amerikas ist. Nicht zufällig erneuerte Präsident Wolodimir Selenski vor seinem Besuch im Weissen Haus den Vorwurf, dass Russland Iran mit Geheimdienstinformationen für Angriffe auf amerikanische Stützpunkte versorge. Trump nimmt Russland in Schutz Selenski dürfte Trump bei dem einstündigen Gespräch am Dienstag nicht überzeugt haben. Der amerikanische Präsident verfolgt in solchen Fragen eine klare Linie: Er nimmt Russland konsequent in Schutz. Auf eine Reporterfrage zur mutmasslichen Geheimdienstkooperation zwischen Moskau und Teheran wiegelte Trump ab. Er glaube das nicht, aber er werde Putin fragen. Wenn so etwas geschehe, so sicher nicht auf hoher Ebene und ohne grosse Folgen. Kurz zuvor hatte Trump bereits über seinen Kurznachrichtendienst Truth Social betont, dass die Präsidenten Chinas und Russlands ihm beide versichert hätten, keine Waffen an Iran zu liefern. Er widersprach damit seinem Verteidigungsminister Pete Hegseth, der vor einer Woche unter Eid im Kongress erklärt hatte, dass beide Grossmächte Iran in seinem Kampf eine gewisse Unterstützung leisteten. Über Trumps Beweggründe lässt sich nur spekulieren. Zum einen scheint er aufrichtig davon überzeugt zu sein, dass er einen guten Draht zu Staatsführern wie Putin und Xi Jinping pflegt und diese es nicht wagen würden, ihn zu belügen. Dagegen hat er eine tiefsitzende Antipathie gegenüber Selenski, allen Berichten über ein angeblich wärmeres Verhältnis zum Trotz. Sie geht zurück auf sein Skandaltelefonat mit dem Ukrainer im Jahr 2019, das Trump ein Impeachment einbrachte. Zum anderen gibt es handfeste politische Gründe dafür, die russische Gefahr herunterzuspielen. Würde Trump die Realität einer feindlichen Achse Moskau–Teheran anerkennen, müsste er seine gesamte Aussenpolitik umkrempeln. Die Aufgabe, Russland einzudämmen, will er den Europäern überlassen. Seinen Feldzug gegen Iran hat er sich ursprünglich als Blitzkrieg vorgestellt; würde daraus nun ein Kräftemessen mit Irans Helfern Russland und China, liefe das auf eine viel komplexere Konfrontation hinaus. Im Wahlkampf war er ausdrücklich mit dem Versprechen angetreten, Amerika vor neuen «endlosen Kriegen» zu bewahren. Auch Netanyahu scheut Konflikt mit Russland So behandelt Trump die Ukraine und Iran strikt als getrennte Probleme. Seine Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner vermitteln zwar in beiden Konflikten, aber separat und ohne den geopolitischen Gesamtblick. Wäre Trump daran gelegen, die Ukraine in eine Allianz gegen Iran einzureihen, hätte sich am Dienstag eine Gelegenheit geboten. Stattdessen empfing er Selenski und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu hintereinander, nicht gemeinsam. Auch Netanyahu will die beiden Kriege nicht vermengen. Für das Argument, dass Israel sich aus strategischen Gründen für die Ukrainer engagieren sollte, zeigte er nie Gehör. Militärhilfe an Kiew lehnte er stets ab. Zu Selenski pflegte er schon ein distanziertes Verhältnis, als dieser 2019 an die Macht kam – dabei herrschte damals die kuriose Situation, dass die Ukraine neben Israel das einzige Land mit einem Präsidenten und einem Ministerpräsidenten jüdischen Glaubens war. Obwohl Russland Iran traditionell mit Rüstungsgütern beliefert und selbst nach der Terrorattacke vom 7. Oktober 2023 noch Hamas-Vertreter in Moskau hofierte, wollte Netanyahu Russland nie als Teil einer feindlichen Koalition wahrhaben. Israel hat zwar im März den iranischen Hafen Bandar Anzali am Kaspischen Meer bombardiert, aber nie die dort anlegenden russischen Frachtschiffe. Kein Wendepunkt Einen Wendepunkt bringt deshalb wohl auch der ukrainische Beschuss eines iranischen Schiffes nicht. Allerdings wird die Ukraine im kaspischen Raum zweifellos weiter zuschlagen. Seit dem ersten Angriff in der rund 1000 Kilometer entfernten Region im November 2024 ist klar, dass ihre Drohnen über genügend Reichweite verfügen. Der russische Militärhafen Kaspisk, Kriegsschiffe und die 2016 von Putin persönlich eingeweihte Erdölplattform Filanowski werden regelmässig Ziel von ukrainischen Angriffen. Ins Visier könnten auch künftig iranische Schiffe geraten, je nach ihrer Fracht. Die iranischen Möglichkeiten einer Vergeltung sind begrenzt, denn die knappen Vorräte an Mittelstreckenraketen muss Teheran primär für Israel reservieren.

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