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Krise: Warum gibt es trotz Hitze und Dürre keinen Aufschrei für mehr Klimaschutz?

Wissenschaft

Diesen Donnerstag hat Fridays for Future zu einer Demo vor dem Kanzleramt aufgerufen. Das Motto: »Wo bleibt der Hitzeplan?«. Das ist insofern erstaunlich, als die Forderung nicht lautet: »Wo bleibt eine ehrgeizige Klimapolitik?«, was eigentlich einmal das ursprüngliche Anliegen der Klimaaktivisten war. Doch zu klassischen Klimaschutz-Demos kommen inzwischen so wenige Menschen, dass selbst Fridays for Future umsteuert: von der Ursachen- zur Symptombekämpfung. Fordern Demonstranten einen Hitzeplan, der alte und kranke Menschen schützt, so vielleicht die Hoffnung der Fridays, hören mehr Menschen zu. Es klingt halt nicht so abstrakt wie: Lasst uns jetzt CO₂ einsparen, damit wir in 20 Jahren weniger schwitzen. Verständlich – und doch offenbart das ein Grunddilemma der Klimakommunikation: Jahrzehntelang wurden die Folgen der Erderwärmung kleingeredet, ihre Mahner – Aktivisten wie Klimaforschende – als Panikmacher abgetan. Jetzt ist die Krise längst spürbar. Rehabilitiert werden die Mahner trotzdem nicht, und ihr eigentlicher Appell, die Verbrennung von Öl, Kohle und Gas zu stoppen, verhallt weiter ungehört. Was bleibt, ist die Suche nach kurzfristiger Linderung. Auch 40 Grad Celsius in Großstädten, tropische Nächte, historisches Niedrigwasser und Zehntausend Hitzetote lösen keinen Aufschrei danach aus, die Klimaerwärmung so schnell wie möglich zu stoppen. Selbst Menschen, denen das Problem der Klimakrise schon lange bewusst ist, bekennen dieser Tage, dass sie mit der 40-Gradmarke »so schnell« gar nicht gerechnet hätten. Klimaschutz ist überall abgesagt Eine Langzeitstudie der Universität Hamburg , die 2018 startete, registriert seit 2023 einen deutlichen Einbruch beim Klimathema: Für viele sinkt die Priorität, zugleich wird der Klimawandel wieder vermehrt geleugnet. Außerdem informieren sich die Menschen seltener über Klima und Klimapolitik – und sprechen online wie im Alltag spürbar weniger darüber. Oder wie es ein Urbanistik-Forscher in einem Beitrag meiner Kollegen zur Absage von Klimaplänen in Kommunen formuliert: »Der gesellschaftliche Stellenwert von Umweltschutz und Klimaanpassung hat sich verändert« (den ganzen Beitrag lesen Sie hier ). Die Hoffnung, Menschen über die spürbaren Folgen der Klimakrise – Hitze, Dürre, Extremwetter – wieder für Klimaschutz zu gewinnen, zerschlägt sich gerade. Das spüren nun auch die Aktivisten selbst: Apokalypse erzeugt offenbar keine Wut, sondern Apathie. Dabei war die Anpassung an den Klimawandel lange ein Tabu-Thema in der Klimabewegung. Denn rechte, liberale und konservative Kräfte argumentierten, es werde schon nicht so schlimm kommen. Man werde dann einfach Klimaanlagen einbauen und andere technische Lösungen finden, um das Problem in den Griff zu bekommen. Geradezu legendär ist die Markus-Lanz-Sendung im ZDF vom November 2022 . Moderator Lanz attackiert die damalige Letzte-Generation-Sprecherin Carla Rochel, ihre Forderungen nach mehr Klimaschutz seien »Erpressung«. Die Eile beim Klimaschutz sei nicht nötig, schließlich habe sich die Menschheit »schon immer angepasst«. Als 20-Jährige müsse sie doch »optimistisch« sein. Rochel hält dagegen: An ein so schnell eskalierendes Klima lasse sich nicht »einfach« anpassen. Rochels Argumente waren wissenschaftlich korrekt. Trotzdem gibt es die Letzte Generation nicht mehr. Markus Lanz hat weiter seine Sendung. Und Rochels Aktivisten-Kollegen fordern in ihrer Not nun selbst eine schnellere Anpassung. Alles auf Anpassung und Krisenbewältigung Wie stark die Szene mittlerweile in die akute Krisenbekämpfung eingestiegen ist, zeigt auch das sogenannte »Kollapscamp 2026« , das dieses Wochenende in Nordbrandenburg stattfindet und von der übrig gebliebenen Klimaaktivisten-Szene organisiert wird. Dort gibt es fünf Tage lang Workshops über »innere Anpassung« und die psychologische Vorbereitung auf den Krisenfall, Crashkurse dazu, was man als Helfer in Katastrophengebieten beachten muss oder »Nachhaltige Nahrungsmittelversorgung« von Gemeinschaften, die berechnen, wie sich aus einer Fläche möglichst viele Kalorien gewinnen lassen. Im Ankündigungstext heißt es: »Selbst, wenn Katastrophen nicht mehr verhindert werden können, wollen wir uns für Gerechtigkeit einsetzen und Leid reduzieren.« Darin steckt viel Resignation, aber auch Pragmatismus. Die Klimabewegung, die einst mit Millionen Menschen auf der Straße die Politik vor sich hertrieb, verwaltet nun jene Krisen, die sie vorhergesagt hat. Damit steht sie nicht allein da: Sozialen Bewegungen ist es oft eigen, gerade dann an Bedeutung zu verlieren, wenn ihre Prophezeiungen eintreten oder ihr Thema politisch heiß wird. Die globalisierungskritische Bewegung etwa, die um die Jahrtausendwende SPIEGEL-Titel füllte, hatte in der Finanzkrise 2008/2009 komplett an Bedeutung verloren – obwohl ihre Vordenker genau davor gewarnt hatten. In der Folge gab es zwar einige halbgare Beschlüsse zur Kontrolle von Kapitalbewegungen und Investmentfonds, bis heute aber fehlt etwa eine globale Finanztransaktionssteuer; Gewinne werden weiterhin privatisiert, Verluste oft vergesellschaftet. 25 Jahre nach den Massendemonstrationen der Globalisierungskritiker gegen neoliberale Politik sind Multimilliardäre wie Elon Musk und Peter Thiel, die den Staat zerstören und Unternehmen die Macht geben wollen, im Grunde der Wirklichkeit gewordene Albtraum dieser mittlerweile komplett vergessenen Bewegung. Kassandras, die warnen, wird selten gedankt. Und die Annahme, dass Menschen erst dann etwas tun, wenn die Krise sichtbar ist und sie die Folgen im Alltag spüren, erfüllt sich selten. Zu hoffen bleibt nun nur noch, dass andere Argumente die Politik überzeugen, endlich den Klimaschutz anzugehen: Statt apokalyptischer Kollapswarnungen sind die neuesten Zahlen zu wirtschaftlichen Verlusten bei Hitzetagen oder steigende Spritpreise aufgrund der Dürre vielleicht überzeugender für die aktuelle Regierung. Der SPIEGEL berichtet für Sie über die Klimakrise. Alle Beiträge finden Sie immer laufend aktualisiert hier. Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier. Die SPIEGEL-Beiträge zur Klimakrise: Deutschland hat ein Problem mit Niedrigwasser – jetzt sollen Lösungen her In den großen Flüssen des Landes ist derzeit viel zu wenig Wasser, nötiger Regen ist nicht in Sicht. Verkehrsminister Steffen Bilger lädt nun zum Krisengespräch. Industrie- und Schifffahrtsverbände haben vorab klare Forderungen. Der Sommer wird in den Alpen zum Risiko – was die Orte dagegen tun Ein Gipfel zerbricht, auf Hütten fehlt das Wasser, in den Tälern drohen Gerölllawinen: In den Alpen zeigt sich der Klimawandel im Zeitraffer. Doch es gibt Möglichkeiten, Bergregionen widerstandsfähiger zu machen. Hilft Baggern, wenn den Flüssen das Wasser fehlt? Das dramatische Niedrigwasser am Rhein bedroht die Binnenschifffahrt – und damit wichtige deutsche Industriezweige. Einige Politiker fordern, Fahrrinnen schnellstmöglich zu vertiefen. Die Idee hat aber einen Haken. So stark könnte die Dürre die Spritpreise erhöhen Die extremen Niedrigpegel am Rhein gefährden die Lieferketten der Industrie. Ökonom Thilo Schaefer sagt, was das für Autofahrer und das Wirtschaftswachstum bedeuten könnte. So gehen die Länder mit Niedrigwasser um Wenn die Flüsse kaum Wasser führen - wie kühlt man dann das AKW? Rumänien drückte auf den Sprengknopf, Ungarn ruft seine Bürger zum Stromsparen auf. Verkehrsminister Bilger ist besorgt wegen des Rheins. Das Klima muss warten Schwerin, Bottrop, Jena und viele andere Städte kassieren ihre ehrgeizigen CO₂-Einsparziele. War der »Klimanotstand« nur Gerede? Bleiben Sie zuversichtlich! Ihre Susanne Götze Redakteurin Wissenschaft

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