Krisenforscher: "Wir sollten es vermeiden, gar keine Angst zu haben"
Wir lesen von Toten und Verletzten in der Ukraine – und scrollen weiter. Warum gewöhnen wir uns an Krieg und Leid? Katastrophenforscher Henning Goersch spricht über nachlassende Aufmerksamkeit für Konflikte. Und über die Frage, wie viel Angst eine Gesellschaft braucht, um zu handeln. Ein Interview von Joana Rettig 437. So hoch ist die Zahl der getöteten Zivilisten in der Ukraine – und das nur im vergangenen Juli. Das sind nach Angaben der Vereinten Nationen in etwa so viele wie zuletzt im Mai 2022. 437 Tote. Eine Zahl, die groß genug ist, um zu erschrecken. Und doch offenbar klein genug, um zwischen den nächsten Nachrichten wieder zu verschwinden. Der russische Krieg gegen die Ukraine dauert seit Jahren an. Was 2022 noch Ausnahmezustand war, ist mittlerweile Nachrichtenalltag. Wir lesen von Toten, Verletzten, Angriffen. Und scrollen weiter. Was macht diese Gewöhnung mit der Gesellschaft? Verlieren wir den Blick für das Leid? Und vielleicht auch den Antrieb, etwas dagegen zu tun? Im Interview erklärt der Krisen- und Katastrophenforscher Henning Goersch, warum wir Ängste von uns schieben, ein gewisser Grad an Verunsicherung aber förderlich sein kann. Herr Goersch, schon 2022 hat der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck gesagt: "Auch die mediale Berichterstattung zieht weiter und dann sind die Sommerferien oder der Tankrabatt oder die Fußball-Bundesliga irgendwann wichtiger, als wie viele Tote jetzt an einem Tag wieder zu beklagen sind." Ist so eine Aussage nicht problematisch? Henning Goersch: Meiner Ansicht nach trifft diese Aussage zu. Wir beobachten bei Krisen, Schadensereignissen oder Kriegen immer wieder das Phänomen der vergessenen Krisen. Sie verschwinden nicht nur wieder aus den Nachrichten, sondern es gibt auch viele Krisenherde und Kriege, die es gar nicht erst in die Nachrichten schaffen – oder wirklich nur unter "ferner liefen". Das ist vielleicht ein bisschen plakativ dargestellt, aber im Kern ist da schon viel Wahrheit drin. Wir haben es zum Beispiel bei der Nachrichtenberichterstattung häufig mit Agenda-Setting zu tun. Das heißt, es gibt eine Reihenfolge von Nachrichten und die verändert sich ständig. Das ist bekannt, auch aus der Forschung. Wie meinen Sie das? Für einige Krisen wird extrem viel gespendet, andere sind in dem Sinne gar nicht bekannt. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab – etwa wie lange die Krise schon vorherrscht, aber auch wie weit sie von uns entfernt ist, ob es eine kulturelle Nähe gibt, und vieles mehr. Die Ukraine ist aber nicht weit entfernt von uns und es gibt eine kulturelle Nähe. Dennoch hat bereits Mitte 2022 das Interesse nachgelassen. Kommen wir als Gesellschaft nicht in ein moralisches Dilemma, wenn Leid zum Alltag wird? Ja, absolut. Es ist auf jeden Fall ein Dilemma. Meine These ist aber, dass wir Leid gleichberechtigt sehen müssen. Es verändert sich nicht über die Zeit, es verändert sich nicht über die Entfernung. Wenn es irgendwo Leid gibt, braucht es Gerechtigkeit. Aus meiner Perspektive als Katastrophenforscher und gleichzeitig als Hilfskraft in unterschiedlichen Einrichtungen ist es ein Grundsatz, Leid gleichwertig anzuerkennen. Das ist eine große Aufgabe. Inwiefern? Wir wissen zum Beispiel durch psychologische Phänomene wie Habituation oder Emotionsregulation, dass wir uns nicht so gern mit Krisen und Leid beschäftigen oder uns daran gewöhnen. Aber aus einer kognitiven Perspektive müssten wir dem entgegenwirken und das weiterhin auch als Problem definieren und letztlich bearbeiten. Das merken wir auch in der Katastrophenvorsorge. Was genau? Es ist wirklich ein Problem, dass wir uns nicht vorstellen können, dass wir auch mal leiden werden. Was dazu führt, dass Menschen ungern vorsorgen. Es ist vielleicht ein bisschen plakativ, aber ich glaube, man muss die Bevölkerung ein wenig verunsichern. Wir müssen Klartext reden an solchen Stellen und uns ehrlich um Lösungen kümmern. Sie haben das Thema Habituation angesprochen, also die Anpassung an eine spezifische Krise. Haben wir diesen Mechanismus im Ukraine-Krieg bereits etabliert? Man kann sich dagegen nicht hundertprozentig wehren. Dazu gibt es auch Kennzahlen. Zu Beginn des Krieges hatten wir hierzulande eine extreme Spendenbereitschaft – mehr als eine Milliarde Euro. Das zeigt erst einmal, dass wir uns extrem erschreckt und stark mitgefühlt haben. Dann ist diese Bereitschaft in den laufenden Jahren immer weiter gesunken. Teilweise ganz massiv. Es findet also in gewisser Weise eine Gewöhnung statt, der Krieg wird zum Alltag. Gleichzeitig gibt es in Umfragen noch immer hohe Zustimmungswerte zur Unterstützung der Ukraine. Im ZDF-Politbarometer sind es mehr als 60 Prozent der Befragten. Die Gesellschaft sieht also auf verhältnismäßig hohem Niveau, auch auf einer nicht-emotionalen Ebene, die Notwendigkeit einer Unterstützung. Sie haben die multiplen Krisen und Kriege in der Welt angesprochen. Gewöhnen wir uns auch daran, weil unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist? Es ist heute fast nicht mehr möglich, Krisen im klassischen Sinn zu betrachten. Also dass man sagt: Hier fängt eine Krise an, da hört sie auf. Wir sprechen von entgrenzten Krisen, manchmal werden sie auch als Polykrisen bezeichnet. Verschiedene Krisen befeuern sich selbst, lösen einander aus, bedingen sich. In der Gesellschaft streiten wir teilweise darüber, ob etwas überhaupt eine Krise ist. Haben Sie ein Beispiel? Etwa der Klimawandel: Die einen sagen, es ist gar keine Krise, die anderen sagen, es ist aber jetzt fünf vor zwölf. Also, wir streiten sehr viel darüber, und gleichzeitig haben wir hybride Bedrohungen und andere schwierige Situationen, die nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Demnach: Ja, es ist Aufmerksamkeitsökonomie, es ist auch eine Emotionsregulation. Dennoch müssen wir uns damit beschäftigen. Wir müssen uns um diese Krisen kümmern, wir müssen Leid reduzieren, aber ohne uns davon vollständig vereinnahmen zu lassen. Wie soll das gehen? Ich versuche das immer mit dem Versicherungswesen zu vergleichen. Wenn ich eine Gebäudeversicherung für mein Wohnhaus habe, dann gehe ich nicht davon aus, dass das jetzt sofort abbrennt. Sondern ich schließe eine Versicherung ab, weil es sinnvoll ist und weil ich weiß, dass das passieren kann. Wenn ich krankenversichert bin, heißt es auch nicht, dass ich unbedingt damit rechne, krank zu werden. Wir brauchen eine relativ unemotionale Analyse der Situation. Wir sollten es als Verpflichtung sehen, hier erstmal auf uns selber zu schauen, aber auch in die Welt – und dann tätig werden. Ich glaube auch, dass wir uns ein bisschen von der Berichterstattung lösen müssen. Wie meinen Sie das? Ohne mich persönlich erhöhen zu wollen, aber die Wissenschaft kann darauf Antworten geben, weil wir eine verhältnismäßig unemotionale Analyse dessen liefern, was kritisch ist und was zu tun ist. Sie können aber nicht davon ausgehen, dass sich die Gesellschaft als Ganzes regelmäßig wissenschaftliche Paper durchliest. Deswegen sind neue und zugänglichere Kommunikationsformate wichtig, also Übersetzungsprozesse. Die Wissenschaft muss sich selbst mit leicht verdaulichen Informationen einbringen in solche gesellschaftlichen Diskussionen und das eben nicht aus dem Elfenbeinturm heraus. 2022 hatte die Autorin Viktoria Morasch in ihrem Essay "Wider das Gewöhnen" geschrieben: "Je weniger Details ich kenne, desto weniger erschüttert mich ein Konflikt." Sollten wir nicht erschüttert bleiben? Vor allem auch, um unsere eigene Verteidigungsfähigkeit und Vorsorge zu stärken? Da würde ich grundsätzlich zustimmen. Die Fachcommunity – also Gefahrenabwehr, Bevölkerungsschutz, Zivilschutz, bis in den militärischen Bereich – ist schon sehr aufmerksam, was die Ukraine anbelangt. Wir schauen da sehr genau hin und lernen etwa auf Veranstaltungen von den Erfahrungen in der Ukraine. Und natürlich sollte auch weiterhin detailliert berichtet werden, sofern es hilft, Situationen möglichst realitätsnah abschätzen zu können. Das wirkt natürlich auch den eingangs besprochenen vergessenen Krisen entgegen. Resilienz soll uns helfen, Angst, Wut oder Trauer besser zu bewältigen. Wenn wir uns aber an diese Gefühle gewöhnen, laufen wir nicht Gefahr, die Ursachenbekämpfung zu vergessen? Empfehlungen der Redaktion Strategiewechsel: Kiew will weniger Infos zu russischen Raketenangriffen geben Drei gute Nachrichten, die Hoffnung machen "Es genügt nicht, nach schweren Fällen Betroffenheit zu äußern" Die mediale Berichterstattung ist tatsächlich ziemlich voll mit angsterfüllten Themen. Da ist es verständlich, dass wir eine Vermeidungsstrategie fahren, zumindest tendenziell. Gleichzeitig ist Angst ein guter Indikator und Motivator, um tätig zu werden. Wir sollten es vermeiden, gar keine Angst zu haben. Wir sollten es vermeiden, uns abstumpfen zu lassen. Wir dürfen aber auch nicht in Stockstarre verfallen. Zwischen diesen Polen liegt ein guter Raum, den wir nutzen können. Diese Angst zu verspüren, aber sie als aktivierende Form der Angst wahrzunehmen, die vielleicht eher als Sorge zu bezeichnen ist. Um daraus eine Selbstwirksamkeit abzuleiten, also Handlungsstrategien zu entwickeln.