Kubickis Scheitern: Die Bauchlandung des Alphatiers
Dass es bei Wahlen auch Verlierer geben muss, liegt in der Natur der Sache. Aber nur selten kommen Niederlagen so dermaßen ungelegen, wie an diesem Abend für Wolfgang Kubicki.
Seine Partei gibt auch in Sachsen-Anhalt ein desaströses Bild ab und verpasst den Einzug in den Landtag deutlich. Nach ersten Zahlen verliert sie dabei nach der CDU die zweitmeisten Stimmen an die AfD. Es ist, man muss es so deutlich sagen, die Bauchlandung eines politischen Alphatiers.
Denn wie wichtig diese Wahl werden würde, darüber war man sich in der FDP ungewöhnlich einig: Sollten die Liberalen die drei Ostwahlen verlieren, dann werde es wirklich düster. Denn dann, so die Sorge, könnten die Freidemokraten endgültig in der Versenkung versinken.
Sicher, im September lässt sich kaum das ganze Wahljahr bewerten. Aber eines lässt sich konstatieren: Die Feuerprobe ging daneben – und eine dauerhafte Wiedergeburt der FDP ist damit unwahrscheinlicher geworden.
Kubicki selbst gab sich zunächst gelassen. Es sei ein bitterer Tag für ihn und seine Partei, sagte er in Berlin. Er wolle sich aber dadurch nicht von seinem Weg abbringen lassen, „die Freien Demokraten wieder zu einer bedeutenden politischen Kraft zu machen“.
Doch dieser dürfte weit werden. Denn die FDP hat bereits zwei Jahre zum Vergessen hinter sich. Nach einer aufreibenden Zeit im Ampel-Fleischwolf flogen die Freidemokraten 2025 krachend aus dem Bundestag und beschäftigten sich nach dem Rückzug des alten Zugpferds Christian Lindner ein gutes Jahr lang vor allem mit sich selbst.
Ohne nennenswertes Ergebnis. Die FDP scheiterte zunächst in Hamburg. Unter dem neuen Christian, diesmal Dürr mit Nachnamen, folgten die Niederlagen bei den Landtagswahlen im liberalen Stammland Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Und selbst dem letzten Liberalen wurde klar, dass die Partei schleunigst in die Spur kommen müsste, wenn sie so etwas wie eine Zukunft haben wollte.
Diese Spur hatte einen Namen: Wolfgang Kubicki, 74, seit mehr als einem halben Jahrhundert Freidemokrat. Ein etwas eigentümlicher Neuanfang – aber letztlich einer, aus dem der Fatalismus einer Partei am Abgrund spricht. Wenn es ihm nicht gelinge, die Liberalen binnen eines Jahres in ruhige Fahrwasser zu führen, drückte Kubicki selbst die Gemengelage aus, „dann können wir den Laden abschließen“. Kubicki oder Exitus, könnte man sagen.
Eine gravierende Richtungsentscheidung
Der Kieler sah seine Aufgabe dabei vor allem in der Öffentlichkeit. Er wollte die Partei mithilfe seiner Gravitas, seiner – Zitat Kubicki – „Volksfest-Bekanntheit“ kurzfristig wieder über den Durst hieven.
Das funktionierte zwar kurzfristig, in den Wochen nach Kubickis Wahl kletterte die Partei zumindest im Bund für wenige Wochen von drei auf viereinhalb Prozent. Doch spätestens mit der erneuten Wahlschlappe dürfte der „Kubicki-Effekt“, auf den die Liberalen setzen, Geschichte sein.
Dabei könnte es sich rückblickend noch als fatal herausstellen, wie weit sich die Partei für den Wolfgang-Weg selbst verbiegen musste. Denn mit Kubickis Wahl traf die FDP auch eine gravierende Richtungsentscheidung.
Es war immer klar, dass die FDP unter Kubicki eine andere werden würde. Angriffslustiger, libertärer und ja, auch deutlich weiter rechts. Eine Partei, die nicht mehr unverrückbar in der politischen Mitte steht. Sondern eine, die neu definieren will, was die Mitte bedeutet. Das gefiel schon im Mai nicht allen – und die kritischen Stimmen dürften nun noch lauter werden.
Denn Kubicki lehnt, wie auch sein Generalsekretär Martin Hagen, die Brandmauer kategorisch ab und betont, er wolle im Zweifel auch mit der AfD reden. Die Meinungsfreiheit sieht er akut bedroht. In seiner Antrittsrede sprach er von „faktischen Sprechverboten“ und einem „erschreckend großen Willen“ in Deutschland, „anderslautende Stimmen kleinzumachen“.
Kubickis Kalkül schien klar: Möglichst viele der rund 800.000 zur Bundestagswahl an die AfD abgewanderten FDP-Wähler sollten zurückgewonnen werden.
Damit ist der FDP-Chef kolossal gescheitert. Womöglich, weil kaum jemand zur FDP blickt, wenn es etwa um Migrationsfragen geht. Sicher auch, weil Aufmerksamkeit eben noch lange keine Stimmen bedeutet.
Und letztlich scheiterte diese Wahl auch daran, dass Kubickis Lautsprecher-Wahlkampf so gar nicht zur Spitzenkandidatin Lydia Hüskens passte, die als Digitalministerin in Sachsen-Anhalt nicht nur die letztverbliebene Liberale mit Regierungsauftrag war. Sondern vor allem auch eine ruhige und bedachte Fachpolitikerin, die am ehesten über Sachthemen punkten kann. Am Sonntag kündigte sie ihren Rücktritt vom FDP-Landesvorsitz an.
Dass Hüskens sich vor gut einer Woche für eine Stunde an eine Tankstelle stellen musste, um im Rahmen einer FDP-Aktion literweise Sprit mit einem Rabatt zu verscherbeln, kam einer politischen Vorführung gleich. Womöglich muss Kubicki eben doch noch lernen, dass nicht die ganze FDP Wolfgang heißt.
Die Zeit dazu dürfte er bekommen. Hört man sich am Sonntagabend unter führenden Liberalen um, vernimmt man wenig Lust auf einen erneuten Wechsel an der Spitze. Kubicki, heißt es, dürfe seinen Weg erst einmal weitergehen. Doch an den Kubicki-Effekt glaubt nach diesem Abend kaum mehr jemand.