Künstliche Intelligenz und Berufe: Welche Jobs haben Zukunft
1. Nicht verzagen!
Künstliche Intelligenz kann das Leben dramatisch verbessern. Sie hilft dabei, dass Forscher viel schneller neue Kandidaten für Medikamente finden. Sie hilft Unternehmen dabei, aus weniger Arbeit und Ressourcen mehr Produkte zu machen. Und sie hilft Ärzten, Routinearbeiten zu vermeiden und sich mehr um die Patienten zu kümmern. Doch Künstliche Intelligenz macht auch viel Angst, vor allem jungen Leuten. Seit Monaten ist zu hören, dass KI die Arbeitsplätze von jungen Leuten verdränge. Da warnt Enzo Weber, Ökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: „Lassen Sie sich nicht verrückt machen. Vieles von dem, was gerade groß diskutiert wird, hat nicht so einen harten Hintergrund.“
So viel ist sicher: Der Arbeitsmarkt wird sich verändern. Aber ob das so ein Problem wird, das weiß heute noch niemand.
Vor genau zehn Jahren empfahl einer der Erfinder der modernen Künstlichen Intelligenz namens Geoffrey Hinton: Von jetzt an sollten keine Radiologen mehr ausgebildet werden, weil die Künstliche Intelligenz deren Aufgabe – nämlich Röntgenbilder und MRT-Aufnahmen zu begutachten – bald viel besser erledigen könne als die Radiologen selbst. Tatsächlich arbeiten heute viele Radiologen zumindest in den USA mit Systemen, in denen die Künstliche Intelligenz auf den MRT-Aufnahmen relevante Stellen markiert. Doch gleichzeitig arbeiten in den USA so viele Radiologen wie nie zuvor. Tausende Stellen sind unbesetzt, die Gehälter steigen. Schließlich will kein Patient seine Röntgenbilder mit einer KI besprechen.
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„Jevons-Paradox“ nennen es Betriebswirte, Ökonomen kennen das Phänomen schon lange als Teil von Angebot und Nachfrage: Wenn Technik eine Aufgabe erleichtert, dann kann es zwar durchaus passieren, dass dort in Zukunft weniger Arbeit anfällt. Es kann aber auch sein, dass die Aufgabe so viel billiger wird, dass die Nachfrage kräftig in die Höhe schießt und hinterher viel mehr Menschen in dem betroffenen Beruf arbeiten als vorher. Ein Forscherteam um den Ökonomen Ajay Agrawal aus Toronto hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass Menschen in KI-betroffenen Berufen im Moment eher länger arbeiten als früher.
2013 hatten der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey und der Ingenieur Michael Osborne gemeinsam festgestellt, dass sich rund die Hälfte aller damaligen Berufe theoretisch automatisieren ließe. In der Praxis sind die meisten dieser Berufe noch da, und den Arbeitsmärkten geht es gut.
Der Konzern, der hinter Whatsapp und Instagram steckt, heißt Meta. Im vergangenen Jahr hat er nicht nur eine Entlassungswelle wegen Künstlicher Intelligenz losgetreten. Doch laut dem letzten Finanzbericht Ende März ist die Mitarbeiterzahl in den zwölf Monaten zuvor von 76.834 auf 77.986 gewachsen. Meta hat in anderen Aufgabenbereichen noch mehr Mitarbeiter eingestellt.
Welcher Beruf welches Schicksal erleiden wird, das steht heute noch nicht fest. Im Moment erschwert die Krise der Industrie in Deutschland für viele die Suche nach einer Stelle. „Die Jobchancen für Berufseinsteiger sind schlechter geworden, aber die für andere auch“, sagt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. Sicher ist aber auch: In den kommenden fünf Jahren gehen in Deutschland sehr viele Babyboomer in Rente. Seit Jahren warnen Ökonomen vor dem Arbeitskräftemangel, der dann auf das Land zukommt. Da wäre es sogar eine Erleichterung für Deutschland, wenn KI den einen oder anderen Arbeitsplatz überflüssig machte. Ob es wirklich so kommt? Und welche Berufe jetzt besonders zukunftsfähig sind? Niemand weiß es wirklich. Aber es gibt einige Anhaltspunkte.
2. Tun Sie, was Ihnen Spaß macht
Tatsächlich ist der Arbeitsmarkt für junge IT-Entwickler schwieriger geworden als vor einigen Jahren. Mancher hatte für die Zeit nach dem Abschluss auf eine goldene Zeit gehofft und muss sich jetzt nach einem Arbeitsplatz strecken – zumindest wenn er sich nicht auf Künstliche Intelligenz spezialisiert hat. Umgekehrt haben in den Vereinigten Staaten plötzlich die Philosophie-Absolventen bessere Arbeitsmarktchancen. Inzwischen gibt es weniger arbeitslose junge Philosophen als ITler – offenbar, weil Philosophen eine Art von kritischem Denken mitbringen, das in Zeiten aufkeimender Künstlicher Intelligenz gefragt ist.
Umgekehrt: Als die F.A.S. im vergangenen Jahr das Schicksal von Ausbildungsberufen untersuchte, stellte sie fest, dass in KI-betroffenen Berufen die Zahl der neuen Ausbildungsverträge tatsächlich zurückgegangen ist. In der krisengebeutelten Industrie dagegen war die Zahl der Ausbildungsverträge unverändert.
All das ist nur eine Momentaufnahme. Die Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz ändern sich ständig – und wie schon besprochen, ist es schwierig abzuschätzen, ob ein KI-betroffener Beruf in Schwierigkeiten kommt oder gerade aufblüht, weil die Mitarbeiter plötzlich so produktiv und gefragt sind, dass ihre Gehälter steigen. Da bleibt ein Satz ganz sicher: Wer einen Beruf vor allem deshalb wählt, weil er sich gute Arbeitsmarktchancen verspricht, der hat am Ende vielleicht auf den falschen Bildungsgang gesetzt. In dieser Unsicherheit muss der Spaß am Beruf eine größere Rolle spielen als früher.
Das kann sogar dann gut sein, wenn ein Beruf wirklich unter Künstlicher Intelligenz leidet. Der Ökonom David Autor hat festgestellt: In den zurückliegenden technologischen Revolutionen gab es zwei Typen von Berufen – in den einen wuchs die Zahl der Köpfe, aber die Löhne stiegen nicht so stark. Die anderen verloren zwar Köpfe, aber die Löhne für die verbliebenen Leute schossen nach oben. Das heißt: Auch wer in einem Beruf landet, in dem KI die Arbeitslosigkeit steigert, der kann viel gewinnen – wenn er Spaß und Talent mitbringt.
„Nehmen Sie den Job, für den Sie sich begeistern können und die besten Voraussetzungen haben“, sagt Enzo Weber, Ökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Aber: Man solle die Augen offen halten. „Gehen Sie zur Berufsberatung, verlassen Sie die ausgetretenen Pfade. Es gibt viel mehr Berufe als die typischen Männer- und Frauenjobs. Schauen Sie nicht nur, was man in einem Beruf jetzt gerade macht – sondern wählen Sie einen, mit dem Sie sich weiterentwickeln.“
Auch Monika Schnitzer, die Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen, findet: „Niemand kann heute verlässlich sagen, welche Berufe in zehn oder zwanzig Jahren besonders sicher sind. Deshalb sollte man nicht versuchen, einen vermeintlich ‚KI-sicheren‘ Beruf zu wählen, sondern vor allem neugierig und anpassungsfähig bleiben.“
3. Es muss nicht unbedingt ein KI-Job sein
Damit der eigene Job sicher ist, muss man nicht unbedingt tagein, tagaus mit der KI arbeiten. Es ist eher unwahrscheinlich, dass alle Friseure arbeitslos werden, obwohl sie mit der Technologie wenig am Hut haben. Die noch bessere Nachricht ist: Auch die Friseure können von der KI-Revolution finanziell profitieren.
Dabei hilft ihnen ein Effekt, der lange Zeit eher als Problem gesehen wurde, aber jetzt womöglich vielen Menschen ganz recht kommt. Der Ökonom William Baumol hat ihn als „Kostenkrankheit“ bezeichnet. Wenn wesentliche Bereiche einer Volkswirtschaft produktiver werden, dann steigen nicht nur die Löhne in diesen Bereichen, sondern auch in allen anderen. Obwohl der Friseur also nicht mehr Haare schneiden kann als vorher, kann er ein höheres Gehalt bekommen. Vielleicht schneidet er die Haare von jemandem, der in einem KI-Unternehmen arbeitet, der kann sich den teureren Haarschnitt jetzt leisten.
Dieser Effekt wird noch durch einen anderen verstärkt: Wenn Menschen reicher werden, verändern sie, wie sie ihr Geld ausgeben. Wer doppelt so viel verdient, wird eher nicht doppelt so viel für Lebensmittel ausgeben. Die Menge, die ein Mensch essen kann, ist begrenzt, die Zahl der Fernseher, die man sich in die Wohnung stellt, auch. Stattdessen verschieben sich die Ausgaben in Bereiche, in denen die Nachfrage noch viel mehr wachsen kann, vor allem in den Dienstleistungssektor. Dann profitieren plötzlich Berufe von der KI-Transformation, die damit eigentlich nichts zu tun haben, weil die Leute in den KI-Firmen öfter ins Restaurant gehen oder teurere Urlaube buchen. Dienstleistungsjobs könnten so zu den KI-Gewinnern gehören.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Da könnte es sogar von Vorteil sein, dass man gerade nicht alles automatisiert hat. Denn Menschen schätzen Exklusivität und Handgemachtes, erklären der Londoner Ökonom Luis Garicano und zwei Kollegen in ihrem Buch „Messy Jobs“. Die KI-gestützte Wein-App kann einem zwar besser als jeder Mensch die perfekte Rebsorte zum Abendessen empfehlen, trotzdem leisten sich gute Restaurants einen Sommelier – weil den Gästen der persönliche Kontakt bares Geld wert ist. Menschen sind bereit, höhere Summen für Kunstwerke auszugeben, von denen sie wissen, dass sie Einzelstücke sind. Und Livemusik erlebt einen Boom trotz günstiger Streaming-Abos.
Die entscheidende Frage, die man sich für die Zukunft des Arbeitsmarktes stellen müsse, sei: „Was wird in Zukunft knapp sein?“, schreibt der Verhaltensökonom Alex Imas, der zugleich Chefökonom von Google Deepmind ist. Das sind eher nicht mehr die kognitiven Aufgaben, die die KI übernimmt, sondern all das, was die KI auch in Zukunft nicht hinbekommt.
4. Handwerker? Nicht unbedingt!
Das ist im Moment ein beliebter gedanklicher Kurzschluss: Künstliche Intelligenz kann keine Heizung installieren, deshalb werde ich Installateur.
So viel ist an diesem Gedanken wahr: Es gibt eine einfache Faustregel dafür, wie betroffen ein Beruf von der aktuellen Form der Künstlichen Intelligenz ist. Die heißt: Die KI wird im Prinzip genau die Teile der Tätigkeit fundamental verändern, die sich derzeit im Homeoffice erledigen lassen, allein vor dem Computer. Je Homeoffice-tauglicher ein Beruf ist, desto größer die Veränderungen in den kommenden Jahren. Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen. Die Übereinstimmung ist so groß, dass Forscher gerade darüber streiten, ob es mehr die KI ist oder mehr das Homeoffice, das den Berufseinstieg junger Menschen durcheinanderwirbelt. Und Handwerker sind tatsächlich sehr selten im Homeoffice.
Gut ist an dieser Idee außerdem, dass heute schon im Handwerk an allen Enden Mitarbeiter fehlen.
Allerdings arbeiten viele Unternehmen mit großer Energie an Robotern, die sich dank Künstlicher Intelligenz inzwischen auch viel schneller entwickeln als früher – einerseits. „KI plus Robotik – das dauert nicht mehr lange, dann ist die KI auch in der physischen Welt angekommen“, sagt Arbeitsmarktforscher Weber. Und andererseits weiß noch niemand, was passiert, wenn immer mehr Leute ihre Heizung selbst reparieren, und zwar entlang der Anweisungen ihres Lieblings-Chatbots.
5. Gehen Sie nicht ins Backoffice
Die meisten Tätigkeiten in der Wissensökonomie bestehen aus einem „Sandwich“ aus drei Schritten, argumentieren die Princeton-Wissenschaftler Arvind Narayanan and Sayash Kapoor: „entscheiden, ausführen und abliefern“. Der Teil, den die KI nun übernimmt, ist der mittlere, die Ausführung. Damit bleiben aber noch zwei ganz zentrale Aufgaben für die Menschen.
Es ist der Grund, warum Nvidia-Chef Jensen Huang sagt: Wegen der KI brauchen Unternehmen nicht weniger Softwareingenieure, sondern mehr. Die Künstliche Intelligenz ist zwar sehr gut darin geworden, Programmiercode zu schreiben. Aber Softwareingenieure verbringen ohnehin nur zwischen neun und 61 Prozent ihrer Zeit mit dem Schreiben von Code.
Manche dieser Fähigkeiten könnten in der Zukunft eher noch seltener werden und damit umso wertvoller. Die Boston Consulting Group warnte vor Kurzem davor, dass in den Unternehmen ein „Deskilling“ drohe, wenn alle nur noch KI benutzen, statt selbst nachzudenken. Am gefährdetsten sind laut einer Umfrage unter Managern: Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit.
Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Wer einen sicheren Job will, sollte tunlichst solche Berufe vermeiden, in denen man nur ausführt. Klassische Backoffice-Aufgaben, in denen man anderen zuarbeitet, ohne selbst viele Entscheidungen zu treffen, sind am ehesten von Automatisierung bedroht. Sie werden auch eher nicht vom Jevons-Effekt profitieren, denn ein Unternehmen braucht in der Regel nicht unendlich viele Buchhalter.
Je „unsauberer“ Berufe sind, so argumentieren Luis Garicano und seine Kollegen, desto höher ist die Hürde, sie zu automatisieren: wenn einzelne Aufgaben sich nicht eindeutig voneinander trennen lassen, weil so viel implizites Wissen nötig ist. Eine Krankenpflegerin muss fachliche Erfahrung mitbringen, aber auch Einfühlungsvermögen für die Patienten und ein Verständnis für die Prozesse im Krankenhaus.
6. Werden Sie ein guter Chef
Erinnern wir uns noch mal an das unerwartet gute Schicksal der Radiologen. Warum ist es ihnen so gut ergangen? Einerseits dürfte auch hier das Jevons-Paradox eine Rolle spielen. Die Radiologie wird effizienter, deshalb steigt die Nachfrage. Aber es kommt noch ein zweiter Effekt hinzu: So gut die Künstliche Intelligenz ist, am Ende muss jemand auf Basis der MRT-Bilder eine Entscheidung treffen und für diese Entscheidung geradestehen.
Diese Art von Verantwortung zu übernehmen, ist traditionell die Aufgabe von Führungskräften. Im KI-Zeitalter ist sie umso wichtiger für jeden, der sich unersetzbar machen will.
Hinzu kommt eine ganze Menge von dem, was gemeinhin als „Soft Skills“ bezeichnet wird: emotionale Intelligenz, soziales Geschick im Austarieren von Bedürfnissen. Unternehmen sind komplexe Gebilde, die auch deshalb funktionieren, weil nicht jeder Mitarbeiter nur stumpf wie ein Algorithmus ein Regelwerk befolgt. Da spielt viel implizites Wissen eine Rolle.
Und das kennen wir schon von der Künstlichen Intelligenz: Als Erste profitieren diejenigen, die über eine Aufgabe viel implizites Wissen haben, das die Künstliche Intelligenz nicht aus Lehrbüchern lernen kann – sie sind von KI nicht ersetzbar, aber können sie anleiten.
Aber Vorsicht: „Soft Skills“ sind nicht genug. Es gibt so einige Berufe, die von der sozialen Interaktion leben und trotzdem nicht sicher sind. Der Kassierer an der Supermarktkasse oder die Rezeptionistin im Hotel interagieren den ganzen Tag über mit anderen Menschen. Trotzdem kann ihre Tätigkeit auch eine Selbstbedienungskasse oder ein Online-Check-in übernehmen. Erst wenn zu den sozialen Fähigkeiten auch kognitive, „harte“ Fähigkeiten hinzukommen, entsteht ein Wert, den die KI schwer ersetzen kann.
7. Machen Sie sich selbständig
Wer jetzt trotzdem noch fürchtet, dass ihn niemand einstellen wird, dem sei gesagt: Es gibt noch einen anderen Weg zu wirtschaftlichem Erfolg, nämlich die Selbständigkeit. Dank Künstlicher Intelligenz muss niemand erst mehrere Leute einstellen oder sich Fachwissen in Marketing, Steuerrecht und Grafikdesign zulegen, um ein Unternehmen zu gründen. Es reicht schon eine gute Idee.
Die Konsequenz: Es war vielleicht noch nie so leicht, als Selbständiger reich zu werden. Das zeigen zumindest Zahlen, die der Zahlungsdienstleister Stripe gerade veröffentlicht hat. Stripe nutzen viele Unternehmer zum Beispiel für die Zahlungsabwicklung in ihren Onlineshops. Seit 2023 habe es einen „substantiellen Anstieg“ an Solounternehmern gegeben, die mehr als 100.000 Dollar Umsatz machen, und einen „noch größeren Anstieg“ in höheren Einkommensgruppen, heißt es in dem Bericht. Doppelt so viele Soloselbständige nahmen 2025 mehr als eine Million Dollar ein, dreimal so viele erreichten die Schwellen von fünf und zehn Millionen Dollar als noch zwei Jahre zuvor.
Den Stripe-Analysten zufolge spielt dabei KI eine wichtige Rolle. Das führen sie auf das Nutzungsverhalten der Selbständigen zurück. Auf die Software des Dienstleisters lässt sich über eine KI-Schnittstelle zugreifen. Der Anteil der Kunden, die das tun, hat sich binnen eines Jahres verdreifacht.