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Kurt Molzer: Von Rennwagen und fragwürdigen Gschichten

Unterhaltung

Treffen mit einem Schwerverbrecher? Ganz so schlimm ist es nicht. Kurt Molzer ist kein Fall für Den Haag. Eher ein Schwerenöter. Aber ein Mann mit Manieren. Er kann auch gut erzählen. Aber was er einst tat und wie er schrieb, das gilt heute als verpönt, um es milde zu sagen. Die Zeiten waren andere. Und, oh Wunder, was auch immer Journalismus genau ist: Man schrieb auch anders über andere Themen. Kurt Molzer war nie auf einer Journalistenschule, hat auch nie etwas studiert, etwas mit Medien schon gar nicht. Ja, er hat nicht einmal Abitur, pardon: Matura. Man merkt es keinem seiner Sätze und keiner seiner Zeilen an. Das zeigt, dass das alles auch nicht unbedingt nötig ist. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen „Herr Molzer, das können wir aber besser“ Im Alter von 16 Jahren begann Molzer als Volontär für die Motorradzeitschrift „Superbike“ zu schreiben. Dann bewarb er sich bei der Österreich-Ausgabe der „Bunten“. Man bat ihn, drei Textvorschläge einzureichen. Er schlug einen Artikel über jene österreichischen Intellektuellen vor, die sich giftig über ihr eigenes Land äußerten: die „Nestbeschmutzer“. Das kam gut an. Molzer führte auch einige Interviews, aber an den medienscheuen Thomas Bernhard kam er nicht heran. Seinen Text reichte er ein; der Chefredakteur zerriss ihn vor seinen Augen und sagte: „Herr Molzer, das können wir aber besser.“ Molzer schrieb mehrfach um, dann erschien der Artikel – und er war engagiert. Im Alter von 18 Jahren wurde er „fester freier“ Mitarbeiter der „Bunten“ in Wien. Die Sache mit Bernhard ließ ihm keine Ruhe. Ein Freund seines Vaters, der Fotograf war, erzählte ihm, in welchem Kaffeehaus der Schriftsteller regelmäßig die F.A.Z. las. Sie passten ihn an der Straßenbahn ab. Thomas Bernhard stieg tatsächlich aus, sagte aber gleich „Lassen Sie mich in Ruhe!“ Doch Molzer ließ nicht locker, bis Bernhard stehenblieb und sich auf ein Gespräch einließ, schließlich habe er selbst auch als junger Gerichtsreporter anderen Leuten mit seinen dämlichen Fragen die Zeit gestohlen. Wenige Monate nach dem Interview starb Bernhard Molzer erinnerte an den damaligen Skandal um den „Heldenplatz“. Bernhard hatte die Österreicher als ein Volk von sechs Millionen Debilen bezeichnet. So fragte er den Dichter 1988, und das wurde auch die Überschrift der Geschichte: „Sind Sie debil, Herr Bernhard?“ Der antwortete: „Natürlich bin ich debil. Nur der liebe Herrgott ist nicht debil, weil: Den gibt's ja nicht.“ Bernhard habe sogar noch eine Homestory mit Fotos angeboten, aber der junge Molzer („Ich Trottel“) lehnte ab; er habe schon genug und müsse noch in die Redaktion. Wenige Monate später war Bernhard tot. Molzer schrieb noch einige aufsehenerregende Geschichten à la Baby Schimmerlos, etwa über einen Baulöwen in Österreich, wollte bald raus aus Wien und rief Franz Josef Wagner an, damals Chefredakteur der „Bunten“ in München (viel später täglicher Briefeschreiber in der „Bild“-Zeitung). Gäbe es eine Möglichkeit, von Wien nach München zu kommen? „Ja, über die Westautobahn.“ Ein Wiener Kollege brachte ihn schließlich als Chefreporter der „Bild“-Zeitung nach Halle. 7000 Mark plus „Schmutzzulage“, so wurde er gelockt, plus zwei Heimflüge im Monat. „Ich konnte in Halle nichts ausgeben, Kost und Logis waren frei.“ Da Flüge nach Paris günstiger waren als nach Wien, flog er übers Wochenende dorthin. Sein Chef sagte: „Wir kommen als Erlöser.“ DDR-Bürger, die von der Stasi gedemütigt wurden, standen Schlange. So erreichte er den Umzug eines Bonzen aus einer Villa in eine kleine Plattenbauwohnung. Doch die „Bild“-Zeitung sei auch schlimm gewesen. So überbrachte er einmal einer Mutter die Nachricht vom Tod ihres Sohns, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. „Da dreht es einem den Magen um.“ Kurze Rückkehr zur „Bunten“ Nach zwei Jahren kam ein Anruf aus München. Molzer, Mitte 20, kehrte für 10.000 Mark im Monat zur „Bunten“ zurück. Bis ihm eröffnet wurde, dass er gehen müsse („Wenn du ein Tonband mitlaufen lässt, ist das vor Gericht nicht verwertbar“). Er zeige der Chefredakteurin zu offensichtlich, dass er mit ihr nicht ins Bett wolle. Darauf Molzer: „Das wird teuer.“ – „Das wissen wir.“ – „Das wird sehr teuer.“ – „Das wissen wir auch.“ So erzählt es Molzer. Heute sagt er: „Das waren meine schönsten Weihnachten.“ Die damalige Verschwiegenheitsverpflichtung hat Molzer offensichtlich nicht interessiert. Es wurde noch besser. Molzer bekam ein Angebot von „GQ“ („Gentlemen's Quarterly“), die damals, so hieß es, allein am Kiosk pro Ausgabe 60.000 Mal verkauft wurde. Molzer schrieb zunächst über Autos. Es gab einen Chefredakteurswechsel und wieder zurück. Molzer machte einen Themenvorschlag: Ich möchte 100 wildfremde Frauen fragen, ob sie mit mir schlafen wollen. Das kam an. Molzer stellte also 100 Frauen, die er in München, Hamburg und Berlin zufällig traf (und die ihm gefielen), immer die gleiche Frage: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie anspreche, aber ich finde Sie schön und wahnsinnig erotisch. Möchten Sie mit mir schlafen?“ In seinem Artikel beschreibt er alle 100 Szenen knapp: Ort, Kurzbeschreibung der Frau und ihre Reaktion. „Für so einen Spruch bin ich noch viel zu nüchtern“ Die Reaktionen waren gemischt: „Nee, will ich nich'.“ – „Wollen Sie mich verarschen?“ – „Warum gehen Sie nicht gleich zu einer Prostituierten?“ – „What did you say, bloody bastard?“ – „Soll ich die Frage an meinen Mann weitergeben, du perverser Mistbock?“ – „Nein, Sie sehen aus wie ein Türke.“ Aber auch: „Das muss ich mir überlegen.“ – „Für so einen Spruch bin ich noch viel zu nüchtern.“ – „Sie könnten mir gefallen, aber mein Mann kommt gleich.“ – „Das haben Sie nett gesagt.“ Einige wollten seine Telefonnummer, sich später mit ihm treffen, doch das zählte in dieser Versuchsanordnung nicht, das war „nicht meine Religion“, wie Molzer sagt. Immerhin sieben Frauen gingen sogleich mit ihm. Das liest sich dann so: „60. Paris-Bar. Intellektuelle mit kurzen Haaren, Endlosbeinen, Ende 30. ,So direkt bin ich das noch nie gefragt worden. Das müsste ich mal ausprobieren.' Wir haben's mal ausprobiert. In ihrer Wohnung, Kantstraße. Beim Frühstück umarme ich sie und denke an Nummer 61.“ Das war der Beginn einer Reihe von Geschichten, in denen Molzer in verschiedene Rollen schlüpfte („Kurt versucht's wieder“), um die Damenwelt zu erobern: als Priester verkleidet, als Rosenverkäufer und als Callboy. Oder er versuchte es – ganz er selbst – mit einer Polizistin, einer Politikerin und einer Frau, die eigentlich Frauen liebt. Heute, eine Ehe und zwei Kinder später, wirkt er domestiziert. Jedenfalls, was dieses Thema angeht. Seine zweite, oder auch erste Leidenschaft, nämlich Autos mit vielen Pferdestärken, pflegt er weiter. Die wohl grenzwertigste Story trug den Titel „Vier Räder für ein Halleluja“ und wurde so angeteasert: „Wenn Vollgas eine Religion ist, dann ist GQ-Mann Kurt ,Thunder' Molzer ihr Prophet. Seine Mission: Fahre in weniger als vier Stunden von München nach Hamburg – inklusive Tankstopps.“ Warum nur? Molzer war einst in Brasilien, sein Idol ist der tödlich verunglückte Formel-1-Fahrer Ayrton Senna. Als er einen Angeber aus Deutschland prahlen hörte, wie der mit seinem AMG-Mercedes von München nach Hamburg in viereinhalb Stunden gebrettert sei, wollte Molzer das so nicht stehen lassen. Er ließ einen Ferrari 575 Modificata Maranello kommen, damals einer der schnellsten Serienwagen der Welt: Zwölfzylinder, 575 PS, 325 Kilometer in der Stunde Spitze. In einer Nacht von Samstag auf Sonntag düste er in München los. Nach 15 Minuten war er in Ingolstadt, nach zwei Stunden 45 Minuten in Hildesheim. Drei Tankstopps. Am ersten schrieb er: „Der Rote knistert von der Treterei wie ein offener Kamin. Seine heiß gewordenen Innereien verbreiten das scharfe Aroma von mehreren gleichzeitig brennenden Fernsehern. Ich stelle mich dicht an ihn ran und atme tief den Gestank ein. Es macht mich glücklich.“ Durch die Geschwindigkeit verformt sich die Motorhaube Ab Hannover fährt er auf der schnurgeraden Autobahn „konstant 0,25 Mach, also 300 km/h, und mehr. Irgendwann geht es drei bis vier Minuten lang ununterbrochen mit Topspeed 325 dahin. Wie sich das anfühlt? Du nimmst nicht mehr wahr, was links und rechts von dir passiert. Links und rechts ist verschwommen. Was du dafür umso klarer siehst, ist dieses verdammt schmale, graue Band vor dir, das in Wirklichkeit eine sehr breite Autobahn ist.“ Plötzlich ging die Warnlampe „Motorhaube offen“ an. „Ich seh' das Ding schon hochfliegen und mich in dem Ferrari Purzelbäume bis nach Sylt schlagen. Aber nach dem ersten Schreck ist mir klar, was da passiert: Die Luftgeschwindigkeit oberhalb der Motorhaube ist bereits so hoch, dass Unterdruck entsteht. Der Unterdruck verformt die Motorhaube (wenn auch nur um Millimeter) und löst so die Warnlampe aus. Es besteht nicht die geringste Gefahr. Ein blöder Gedanke kommt mir trotzdem noch bei dem Höllentempo: ,Was mach' ich eigentlich, wenn jetzt ein Reifen platzt?' Die Antwort ist einfach: ,Nichts mehr.' 5.09 Uhr. Ich überfahre in Hamburg-Harburg die Stadtgrenze, nach 760 gefahrenen Kilometern. Seit der Abfahrt aus München sind exakt drei Stunden und 34 Minuten vergangen.“ Das Laden verdreifacht die Fahrtzeit Pointe: Unlängst machte er dieses Experiment noch einmal, für das Auto-Magazin „Ramp“, mit einem Elektroauto. Für einen wie Molzer, mit Benzin im Blut, klingt das wie Auto-Scooter. Er bekam freilich einen Audi e-tron GT mit 476 PS serviert. Sein Sohn war dabei, denn Molzer weiß gar nicht, wie man so ein Ding lädt. Immerhin: exzellente Beschleunigung. Aber das Laden . . . Die Enttäuschung steht ihm auf den Bildern ins Gesicht geschrieben. Kurz gesagt: Für München-Hamburg brauchten die beiden dieses Mal mehr als zehn Stunden. „Mit dem Ferrari wäre ich die Strecke in der Zeit dreimal gefahren“, sagt er. „Aber es war ein anderes Auto und eine andere Epoche.“ Kurt Molzer, ein Auslaufmodell? Warum schreibt er eigentlich nicht mehr über Frauen? „Ich bin Ende Fünfzig.“ Na und? 60 ist doch das neue 40. „Das wäre unglaubwürdig“, sagt er. Und: „Du würdest heute sofort eine Rüge vom Presserat bekommen und eine Strafanzeige. Und jeder würde fragen: Warum suchst du dir nicht eine Frau im Internet?“ Im Grenzbereich war Molzer immer gern unterwegs. Für die „Bunte“ war er 1993 in Sarajewo – serbische Artillerie und Scharfschützen schossen auf alles, was sich auf den Straßen blicken ließ. Das Hotel konnte man nur durch den Hintereingang verlassen, einige Journalisten kehrten nicht zurück. Dem Männer-Magazin „Wiener“ gab Molzer kürzlich ein mit sich selbst geführtes Interview. Wer denn die wenigen seien, die heute noch seine Artikel läsen? „Es sind Leute, die wissen, dass ein zerlesener Franz Werfel mit vergilbten Seiten mehr Seele hat als ein ganzes beschissenes Silicon Valley.“ Das Schreiben, das Ringen um jeden Satz, so sagt er, brauche er wie die Luft zum Atmen. „Die Welt wird immer dümmer, regiert von Algorithmen und KIs, die keine Erektionsstörungen haben. Da braucht es jemanden, der noch mit echtem Herzblut scheitert. Eine KI weiß nicht, wie sich der dritte Martini am Nachmittag anfühlt. Ich schon.“ Sein jüngstes Werk ist eine Biographie des österreichischen Rennfahrers, nein nicht Niki Lauda, sondern Klaus Klaffenböck. Wer? Er gewann dreimal das Rennen, das als das gefährlichste der Welt gilt – die Isle of Man TT. Die Motorradfahrer rasen mit bis zu Tempo 300 durch kleine Orte. Klaffenböck wurde dort zur Legende. Sogar eine Sonderbriefmarke gibt es zu seinen Ehren. Molzers Titel ist programmatisch: „Sterben tun die anderen“.

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