Kurz vor dem Saisonstart Eisschnelllauf-Streit: Sonnekalb droht mit Abwanderung
Ein Ultimatum durch die Verbandsspitze, Ungewissheit und Zukunftsangst, ein merkwürdiges Unterstützerschreiben - Finn Sonnekalb ist kurz vor dem Start der neuen Eisschnelllauf-Saison nur noch frustriert.
Dem besten deutschen Läufer droht wie allen seinen Erfurter Teamkollegen im Dauerstreit mit der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) um ihren Präsidenten Matthias Große eine Nicht-Berücksichtigung für die Nationalmannschaft und der Entzug ihres Kaderstatus – und damit eine Saison beispielsweise ohne Starts bei Weltcups oder Weltmeisterschaften. Der 19 Jahre alte Sonnekalb zieht deswegen mehr denn je drastische Konsequenzen in Betracht: die Flucht ins Ausland.
"Ich habe Angebote aus den USA und Holland. Ich habe Gespräche gehabt, ich bin im Austausch", sagte Sonnekalb im Interview mit der Sportschau. "Es gibt Leute, die wollen mich haben, und wenn die mich hier nicht haben wollen, dann kann ich’s nicht ändern", ergänzte er.
"Dann bin ich halt raus"
Im Kern geht es um einen Streit, der bereits seit Monaten tobt. Erfurter Athleten wollen die für einen Weltcup-Start unter dem Dach der DESG notwendige Athleten-Vereinbarung nicht unterschreiben, da diese eine erhebliche Schwächung ihres Heimat-Standorts Erfurt vorsieht. Die besten deutschen Eisschnellläufer sollen nach Willen der DESG-Führung unter Präsident Matthias Große künftig vor allem in Berlin – dorthin wurde unter anderem Sonnekalb beordert – und Inzell zusammengezogen werden. Diese Ansage kam, obwohl am Standort Erfurt der bei weitem erfolgreichste Olympia-Stützpunkt für Eisschnellläufer beheimatet ist und viele der besten Kader-Athleten dort trainieren.
"Ich fühle mich unter Druck gesetzt, möchte deswegen diese Athletenvereinbarung nicht unterschreiben und auch nicht unter Druck meine Heimatstadt verlassen", sagt Sonnekalb: "Dann bin ich halt raus, dann sollen sie es ohne mich machen."
Der größte Hoffnungsträger des Verbandes liebäugelt vor allem mit einem Wechsel in ein niederländisches Team und in die Eisschnelllauf-Hochburg Heerenveen. Auch hierfür müsste er seiner Heimat Erfurt den Rücken kehren. Er sieht aber einen entscheidenden Unterschied zu einem möglichen Wechsel an den Standort Berlin: "Was ich hier in Betracht ziehe, ist freiwillig."
Erfurt biete ihm die besten Bedingungen, die ein Standort überhaupt haben kann, sagt Sonnekalb, und eine Flucht ins Ausland sieht er als einzige Alternative. Er würde dann auch davon profitieren, in den Niederlanden "mit den besten Sportlern der Welt trainieren" zu können.
Vertrauen "komplett zerstört"
Insgesamt 16 Athletinnen und Athleten haben nach ARD-Informationen die von der DESG im Juni vorgelegte Athletenvereinbarung, das entscheidende Vertragswerk zwischen Verband und Sportler, bis zum Donnerstag nicht unterschrieben. Ihnen stellte die DESG nun erneut ein Ultimatum, übermittelt Ende vergangener Woche. In wortgleichen Schreiben an die Erfurter Athleten hieß es: "Wir geben Ihnen daher letztmalig Gelegenheit, uns die beigefügte Athletenvereinbarung, die Ihnen bereits seit Juni 2026 vorliegt, bis spätestens Donnerstag, 08.10.2026, 20:00 Uhr, vollständig unterzeichnet und ohne Änderungen, Ergänzungen oder einseitige Bedingungen per E-Mail an das Präsidium des DESG e. V. zu übermitteln." Das Schreiben liegt der Sportschau vor. Zu Kaderlehrgängen zur Vorbereitung der aktuellen Saison hatten Erfurter Athleten von DESG-Seite zuvor bereits keine Einladung erhalten und durften nicht an Maßnahmen teilnehmen.
Nach ARD-Informationen wollen viele der Erfurter Athleten die DESG-Athletenvereinbarung unter Protest unterschreiben. Die von der DESG angestrebte Konzentrierung auf die Standorte Inzell und Berlin sowie die Abwertung von Erfurt wäre selbst dann allerdings längst nicht automatisch vollzogen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat den Stützpunkt in Thüringen erst jüngst als "Profil 1"-Standort bewertet – einen Standort, der durch diese Einstufung auch Eliteathleten entwickeln muss.
"Was auch immer jetzt passiert: Das Vertrauen zwischen uns und dem Verband ist komplett zerstört", sagte Hendrik Dombek, der Sprecher der Erfurter Athleten, der Sportschau.
Versuch der Streitbeilegung krachend gescheitert
Von ihrer in dem Schreiben an die Erfurter Athleten formulierten Drohung, die Sportler bei Nicht-Unterzeichnung der Athletenerklärung auch von den deutschen Meisterschaften in Inzell (30. Oktober bis 1. November) auszuschließen, ist die DESG laut Dombek mittlerweile abgerückt. Ein Ausschluss würde nach Darstellung der Erfurter Gruppe eindeutig der verbandseigenen Wettkampfordnung widersprechen.
Schon Anfang Juli hatten sich neun Erfurter Athleten in der ARD mit einem im deutschen Sport beispiellosen Hilferuf in dem nicht enden wollenden Streit mit der DESG-Spitze an die Öffentlichkeit gewandt. Der Bundesstützpunkt in der thüringischen Landeshauptstadt, dessen Athleten und die dortigen Sportpolitiker hatten sich schon vor den jüngsten Streitereien häufig lautstark und auch öffentlich mit der DESG-Führung auseinandergesetzt.
Der Zwist eskalierte erstmals bei den Olympischen Spielen in Mailand. Unter anderem erteilte die DESG dem Erfurter Fridtjof Petzold ein Startverbot wegen laut Große "verbandsschädigender Äußerungen" am Ende der Spiele. Auch eine DESG-kritische ARD-Berichterstattung, gegen die Große und der Verband mehrere Verfügungsklagen erhoben und fast alle verloren, wurde von zahlreichen Erfurter Sportlern als korrekt bestätigt.
Auch deshalb vermuten viele Erfurter in den sportfachlich fragwürdigen Maßnahmen der DESG einen Racheakt des Dachverbandes. Thüringische Landespolitiker laufen seit Monaten Sturm gegen Großes Vorhaben. Zahlreiche Sportler sollen nun ausgerechnet an den Standort Inzell wechseln, wo Großes langjährige Begleiterin Claudia Pechstein erst kürzlich als Bundestrainerin installiert wurde.
TERV beantragt Abwahl des Präsidiums
Für Große und sein Präsidium steigt vor der Außerordentlichen DESG-Mitgliederversammlung am 17. Oktober in Dresden der Druck. Der Thüringer Eis- und Rollsportverband (TERV) hat bereits einen Antrag zur Abwahl des Präsidiums eingereicht. Beide Seiten hatten sich zuletzt gegenseitig vorgeworfen, die Regeln eines Moratoriums gebrochen zu haben. In dieser vereinbarten mehrwöchigen Ruhephase, in der öffentliche Störgeräusche von beiden Seiten unterbleiben sollten, wollten DESG und die Thüringer unter Mithilfe des DOSB und sportpolitischer Stellen den Streit über die Strukturreform beilegen. Das Vorhaben ist krachend gescheitert.
Nun erhielten zuletzt Athleten eine "Unterstützungserklärung für das Präsidium der DESG und ihren Präsidenten Matthias Große". Sportler sollen mit ihrer Unterschrift unter das Schreiben Sätze wie diese bestätigen: "Aus meiner Erfahrung mit früheren Führungen der DESG bin ich überzeugt, dass weder meine persönlichen Erfolge noch die deutlich positive Leistungsentwicklung im deutschen Eisschnelllauf ohne Matthias Große möglich gewesen wären. Für den weiteren Weg in Richtung der Olympischen Winterspiele 2030 hat das Präsidium daher meine volle Unterstützung."
Der Berliner Adrian Kaiser, Nachfolger von Hendrik Dombek als Athletenvertreter der DESG, schrieb daraufhin eine Mail an alle Sportler, die der Sportschau vorliegt. "Ich würde euch deutlich bitten, solche Dokumente nicht zu unterschreiben!!!!", heißt es darin unter anderem: "Meiner Meinung nach solltet ihr euch nur auf euren Sport konzentrieren müssen und die DESG dazu da sein, euch den Rücken zu stärken und dabei zu unterstützen. Momentan legt sie euch aber nur Steine in den Weg."
Auf eine Sportschau-Anfrage an Große und das Präsidium zur Situation in der DESG, vor allem zu Hintergründen dieser "Unterstützungserklärung", antwortete ein Rechtsanwalt: Die DESG werde sich "bis Ablauf des Jahres 2026 an das vereinbarte Moratorium halten". Bis dahin werde es "keine weitere Stellungnahme zu den von Ihnen aufgeworfenen Einzelfragen" geben.