Kylie Jenner bei Victoria's Secret: Was hinter dem Streit um den 50-Millionen-Dollar-BH steckt
Leben
Streit um Kylie Jenners Fantasy-Bra bei Victoria's Secret: Hat sie es verdient, den 50-Millionen-Dollar-BH zu tragen?
Kylie Jenner trägt den Fantasy Bra von Victoria's Secret – ein Schmuckstück im Wert von 50 Millionen US-Dollar. Der Auftritt soll Glamour und Aufmerksamkeit zurückbringen. Doch die Marke kämpft weiterhin mit ihrem Image: wegen Sexismus-Kritik, der Verbindung des früheren Eigentümers zu Jeffrey Epstein und Vorwürfen zu Arbeitsbedingungen in der Lieferkette. Wie zeitgemäß ist Victoria's Secret heute noch?
Eine Modemarke, die an Relevanz verloren hat, und eine Unternehmerin, die immer wieder in der Kritik steht – Kylie Jenner lief bei der diesjährigen Victoria's-Secret-Show im teuersten BH der Welt über den Laufsteg. Wie zu erwarten war, wird nun Jenners Talent als Model auf Social Media kritisiert.
Dabei eröffnen sich gleich mehrere, tatsächlich gesellschaftsrelevante Fragen: Sollte ein einzelnes Kleidungsstück wirklich so viel Geld kosten? Braucht es Dessous-Shows wie die von Victoria's Secret heutzutage noch? Und kann sich das Unternehmen nach all den Krisen der vergangenen Jahre seine Relevanz zurückerarbeiten?
Was ist der Fantasy Bra überhaupt?
Der Fantasy Bra ist ein aufwendig gestaltetes Schmuckstück, das bei der Victoria’s-Secret-Show als Höhepunkt präsentiert wird. Die Tradition begann 1996: Damals trug Claudia Schiffer für ein Shooting, jedoch nicht auf dem Laufsteg, ein Modell, das mit rund einer Million US-Dollar bewertet wurde. In den folgenden Jahren wurden die Designs immer spektakulärer. Gisele Bündchen präsentierte 2000 einen mit Rubinen besetzten BH im Wert von 15 Millionen Dollar.
2018 wurde der Fantasy Bra zuletzt auf dem Laufsteg gezeigt. Das diesjährige Modell entstand in Zusammenarbeit mit dem Schmuckunternehmen Jacob & Co. und besteht aus Gold und 4410 natürlichen Diamanten. Im Zentrum sitzt ein gelber Diamant mit 75,54 Karat. 15 Kunsthandwerker:innen sollen mehr als 1000 Stunden an dem Stück gearbeitet haben. Victoria's Secret beziffert den Wert auf 50 Millionen US-Dollar.
Der Aufwand ist Teil der Inszenierung: Der BH soll nicht einfach Unterwäsche sein, sondern ein luxuriöses Kunstobjekt, das Aufmerksamkeit erzeugt, heißt es bei der "Vogue". Dass er tatsächlich alltagstauglich wäre, ist dabei kaum der Punkt. Der Fantasy Bra ist vor allem ein Marketinginstrument – und eines, das auch nach acht Jahren Pause noch für Schlagzeilen sorgt.
Warum durfte Kylie Jenner den Fantasy Bra tragen?
Kylie Jenner ist nicht das klassische Victoria's Secret-Model. Dass ausgerechnet sie den Fantasy Bra tragen durfte, stößt deswegen auf Kritik. Denn zum einen ist Jenner dieses Jahr zum ersten Mal bei der Mode-Show von Victoria's Secret mitgelaufen. Etabliertere "Angels", wie die Models des Modeherstellers genannt werden, mussten derweil teils Jahre darauf warten, den Fantasy Bra tragen zu dürfen.
Dass sie ausgesucht wurde, ist jedoch kein Zufall. Adam Selman, Chief Creative Officer der Marke, beschrieb sie gegenüber der "Vogue" als "cultural powerhouse" – also als eine Persönlichkeit mit großem kulturellem Einfluss.
Der Auftritt ist also weniger eine Auszeichnung für Jenners Modelkarriere als eine geschickte Marketingentscheidung. Ihre Bekanntheit sorgt dafür, dass auch Menschen über die Show sprechen, die sich sonst vielleicht nicht für Dessous interessieren. Gleichzeitig verbindet die Marke ihr eigenes Comeback mit einer prominenten Persönlichkeit, die bereits eine große Fangemeinde mitbringt.
Victoria's Secret: Vom Kultlabel zum Imageproblem
Um zu verstehen, warum der Fantasy Bra so aufgeladen ist, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte der Marke. Victoria's Secret machte die jährliche Modenschau seit den 1990er-Jahren zu einem globalen Popkulturereignis. Die "Angels" mit ihren Flügeln, aufwendigen Kostümen und stark normierten Körperbildern wurden zu Markenzeichen. Die Show war nicht nur eine Präsentation von Unterwäsche, sondern ein Spektakel aus Mode, Musik und Prominenz.
Doch dieses Bild geriet zunehmend in die Kritik. Die Marke stand für ein sehr enges Schönheitsideal: überwiegend schlanke, normschöne Frauen, deren Körper einer bestimmten Vorstellung entsprachen. In einer Zeit, in der immer mehr Marken mit Diversität und Körperakzeptanz warben, wirkte das zunehmend aus der Zeit gefallen.
2018 sorgte außerdem ein Interview des damaligen Marketingchefs Ed Razek für Empörung. Er äußerte sich abwertend über die Idee, Transgender- und Plus-Size-Models in die Show einzubeziehen. Im selben Zeitraum geriet die Verbindung zwischen dem damaligen Eigentümer Les Wexner und Jeffrey Epstein stärker in den Fokus. 2019 wurde die Show schließlich abgesagt.
Bei der Rückkehr der Show 2024 bemängelten laut "Vogue" jedoch einige Beobachter:innen, dass die neue Inszenierung zwar vielfältiger wirken sollte, aber noch keine überzeugende neue Identität gefunden hatte. Andere vermissten gerade das übertriebene, glamouröse Spektakel, das die Marke früher ausgemacht hatte.
Die Epstein-Verbindung: Was ist belegt?
Die Verbindung zwischen Jeffrey Epstein und Les Wexner ist ein zentraler Teil der belasteten Unternehmensgeschichte. Wexner baute Victoria's Secret zu einer der bekanntesten Dessousmarken der USA aus. Epstein war über Jahre sein Finanzberater und erhielt weitreichende Vollmachten über Wexners Vermögen.
In den veröffentlichten Epstein-Unterlagen taucht Wexners Name vielfach auf. Wexner bestreitet, von Epsteins Sexualstraftaten gewusst oder daran mitgewirkt zu haben. Er selbst wurde in diesem Zusammenhang nicht wegen Beteiligung an Epsteins Straftaten angeklagt.
Die Verbindung ist für Victoria's Secret trotzdem relevant: Epstein soll seine Bekanntschaft mit Wexner und seine Nähe zur Marke genutzt haben, um sich gegenüber jungen Frauen als einflussreiche Person in der Modelbranche darzustellen. Berichte über Frauen, die mit Versprechen auf Modelkarrieren angelockt und sexuell ausgebeutet worden sein sollen, haben das Image der Marke zusätzlich beschädigt.
Wer näht die Dessous – und unter welchen Bedingungen?
Victoria's Secret steht noch wegen eines weiteren Punktes in der Kritik: den Arbeitsbedingungen entlang ihrer Lieferkette. Konkret wirft ein tragischer Fall Fragen zu den Arbeitsbedingungen bei einem Zulieferer von Victoria's Secret auf. Paramasivam Pushpalatha, eine 44-jährige Mutter von zwei Kindern, starb am 10. Oktober 2025, nachdem sie sich während ihrer Schicht in einer Fabrik des Unternehmens Brandix in Sri Lanka unwohl gefühlt hatte, berichtete unter anderem "WWD".
Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen zufolge klagte sie über Brustschmerzen und Schwindel und wollte früher gehen, um medizinische Hilfe zu bekommen. Das sei ihr jedoch zunächst verweigert worden.
Brandix widerspricht dieser Darstellung: Es gebe keine Belege dafür, dass Pushpalatha um Erlaubnis gebeten habe, die Arbeit zu verlassen. Das Unternehmen erklärte, sie sei zunächst in der betrieblichen Krankenstation beobachtet und später ins Krankenhaus gebracht worden. Die genauen Umstände ihres Todes werden untersucht.
Nach dem Tod erhoben Gewerkschaften zudem Vorwürfe der Einschüchterung gegen Beschäftigte, die über den Fall sprechen wollten. Brandix weist die Anschuldigungen zurück. Victoria's Secret erklärte, die Sicherheit der Beschäftigten in der Lieferkette ernst zu nehmen, den Fall unabhängig geprüft zu haben und den Bericht der zuständigen Menschenrechtskommission abzuwarten.
Ist Victoria's Secret heute noch zeitgemäß?
Die Antwort ist komplizierter, als es die Rückkehr des Fantasy Bra vermuten lässt. Einerseits wirkt das alte Markenbild – makellose Körper, Flügel, Luxus und eine sehr bestimmte Vorstellung von Weiblichkeit – angesichts der jahrelangen Kritik überholt. Andererseits ist genau diese Ästhetik ein Teil der Markenidentität, die viele Fans mit Victoria's Secret verbinden.
Die Show von 2024 zeigte, wie schwierig der Spagat ist: Einerseits wollte die Marke diverser und zeitgemäßer auftreten, andererseits fehlte manchen Zuschauer:innen der frühere Glamour. 2025 versuchte das Unternehmen, beides zu verbinden. Die diesjährige Rückkehr des Fantasy Bra führt diese Strategie weiter: mehr Nostalgie, mehr Übertreibung und ein Promi-Auftritt, der für möglichst viel Aufmerksamkeit sorgen soll.