Landtagswahlen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern: Die Hauptstadt der Pleiten und das Land der kleinen Krisen
In Berlin gibt es besonders viele Kleinst- und Jungunternehmen. Foto: imago images
Berlin und Mecklenburg-Vorpommern: Die Hauptstadt der Pleiten und das Land der kleinen Krisen
In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird ein neuer Landtag gewählt. Eine exklusive Insolvenzanalyse zeigt, warum in der Hauptstadt so viele Firmen scheitern, während es an der Küste nur wenige Großpleiten gibt.
ImIm Berliner Wahlkampf spielte die Wirtschaft eher eine Nebenrolle. Klar, die Wohnungsmieten taugten zum Thema auf den Wahlplakaten der Parteien: „Immobilienkonzerne enteignen“, forderte die Linke. SPD-Kandidat Steffen Krach versprach: „Der Mietenwahnsinn endet jetzt.“ Aber sonst?
Volt rief: „unf*ck Berlin“. AfD-Kandidatin Christin Brinker irritierte mit einem Plakat, auf dem mehrere frühere Bürgermeister Berlins wie Willy Brandt neben ihr zu sehen waren. Und CDU-Spitzenkraft Stefan Evers stellte in Wowereit’schem Duktus fest: „Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so.“ Ein anderer Spruch des früheren SPD-Bürgermeisters wäre womöglich die bessere Vorlage gewesen. Als „arm, aber sexy“, hatte Klaus Wowereit die Stadt 2003 beschrieben.
„Arm, aber sexy“ – Wowereits Formel bringt das Berliner Spannungsverhältnis im Grunde noch immer auf den Punkt: Die Hauptstadt ist attraktiv, gründungsfreudig, zugleich aber auch besonders pleiteanfällig. Das zeigt eine Analyse der Unternehmensberatung Falkensteg. Im vergangenen Jahr kamen hier auf 10.000 Unternehmen 105,7 Insolvenzverfahren – der höchste Wert aller Bundesländer. Der Bundesdurchschnitt lag bei 58,8.
Standort Deutschland
Alle 20 Minuten eine Pleite, alle vier Minuten ein neues Unternehmen
Kommentar von Henryk Hielscher
Das wirkt zunächst widersprüchlich: Berlins Wirtschaft wuchs 2025 preisbereinigt um 1,1 Prozent und damit deutlich stärker als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Warum also ist die Insolvenzquote in der Hauptstadt so hoch? Ein Vergleich mit Mecklenburg-Vorpommern, wo diesen Sonntag ebenfalls gewählt wird, liefert eine Erklärung.
Nach der temporären Aussetzung der Insolvenzantragspflicht in der Corona-Zeit sind die Insolvenzzahlen in den vergangenen Jahren in beiden Ländern deutlich gestiegen.
Auch seit Jahresbeginn 2026 setzte sich die Entwicklung fort. Deutschlandweit stieg die Zahl der Unternehmenshavarien weiter – und weder Berlin noch Mecklenburg-Vorpommern konnten sich entkoppeln.
Der allgemeine Trend betrifft beide Länder – die Größenordnung der Insolvenzen ist jedoch höchst unterschiedlich. Statt 105,7 Fällen pro 10.000 Unternehmen in Berlin waren es 2025 in Mecklenburg-Vorpommern nur 43,5 von 10.000 Unternehmen.
Sind Unternehmen im Nordosten also stabiler?
Nicht unbedingt. Einen Grund für den Unterschied sehen die Falkensteg-Experten eher in der Wirtschaftsstruktur. In Mecklenburg-Vorpommern spielten Landwirtschaft, Tourismus, Ernährungs- und Gesundheitswirtschaft eine wichtige Rolle – und damit Branchen mit einem „strukturell niedrigen“ Ausfallrisiko. Konkret: „Landwirtschaftliche Betriebe sind boden- und vermögensgestützt und zusätzlich förderfinanziert, die Gesundheitswirtschaft ist überwiegend öffentlich, und die Betriebe des Gastgewerbes an der Küste sind häufig eigentümergeführt und verfügen über Immobiliensubstanz, die eine Krise abfedert“, heißt es in der Analyse.
Viele Gründungen, viele Insolvenzen
Die Gastronomie ist für Berlin zwar ebenfalls relevant. Dass dem Betreiber eines Clubs oder einer Eckkneipe die von ihm genutzte Immobilie gehört, dürfte in Berlin aber eher die Ausnahme sein. Generell verfügt die Hauptstadt über einen außergewöhnlich hohen Bestand an Kleinst- und Jungunternehmen: Solo-Selbstständige, Agenturen, Gastronomiebetriebe, Start-ups. „Diese Unternehmen sind, gemessen an ihrer Kapitalausstattung, besonders anfällig für Insolvenzen“, geht aus dem Falkensteg-Bericht hervor.
Kurzum: Ein dynamischer Standort mit vielen kleinen Unternehmen bringt beides gleichzeitig hervor: Wachstum und Ausfälle. „Berlin führt beide Ranglisten an, die der Gründungen und die der Insolvenzen“, konstatiert Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt. Am Ende seien das „zwei Seiten derselben Medaille“.
Hinzu kommt ein weiterer, eher technischer Faktor: In Mecklenburg-Vorpommern sind rund zwei Drittel aller Firmen sogenannte Einzelunternehmen. Laut Insolvenzordnung müssen aber nur Kapitalgesellschaften bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung einen Insolvenzantrag stellen. Einzelunternehmer und Personengesellschaften trifft diese Pflicht nicht; sie können den Betrieb still abwickeln, das Gewerbe abmelden und sich mit den Gläubigern einigen.
Das erzeugt eine Abmeldung, aber kein Insolvenzverfahren – und damit auch keinen Eintrag in der Statistik. In Berlin werden dagegen wesentlich mehr Unternehmen direkt als GmbHs, AGs oder sonstige Kapitalgesellschaften gegründet, und deren Chefinnen und Chefs sind eben auch verpflichtet, Insolvenzantrag zu stellen, wenn die finanzielle Lage nicht mehr beherrschbar ist.
Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist also auch ein statistischer: Wo viele Kapitalgesellschaften sitzen, werden Krisen eher als Insolvenzverfahren sichtbar. Besonders deutlich wird das bei den Großverfahren, also Insolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatz ab zehn Millionen Euro. Laut der Falkensteg-Analyse gab es in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2018 und 2025 insgesamt nur 23 solcher Insolvenzfälle. In Berlin waren es immerhin 99. Von Januar bis August dieses Jahres kam im Nordosten kein einziges Verfahren hinzu.
Eine niedrige Insolvenzquote sei „nicht automatisch ein Zeichen von Stabilität“, sagt Experte Eckhardt. „In Mecklenburg-Vorpommern fehlen schlicht die Unternehmen, die in die Statistik einfließen.“
Auch bei den Wahlplakaten im Nordosten ging es zuletzt übrigens kaum um wirtschaftliche Themen. SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig setzt im Duell mit der AfD auf den Slogan „Die Frau gegen Blau“. Die Grünen wollen „Klare Kante“ zeigen. Und die CDU titelt auf ihren Plakaten „Die Mitte ist das Beste“. Dazu gibt’s das Bild eines Fischbrötchens.
Lesen Sie auch: Bestimmt der Kanzler noch selbst über sein Schicksal?
Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige
Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln
Anzeige
IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick