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Lange gesund leben - welche Rolle der Thymus dabei spielt

Wissenschaft

Lange Zeit hat die Wissenschaft dem Thymus keine große Bedeutung beigemessen. Das hat sich grundlegend geändert: Neue Studien zeigen, dass das Organ eine große Rolle für die Lebenserwartung und den Erfolg von Krebsimmuntherapien spielen könnte. Es gibt aber auch mahnende Stimmen, die entsprechende Therapien kritisch sehen.

Der Thymus ist das Organ, das im menschlichen Körper als Erstes altert. Bereits ab der Pubertät schrumpft diese zunächst bis 50 Gramm schwere Drüse und verfettet mit zunehmendem Alter. Das mag der Grund sein, warum die Wissenschaft den Thymus lange Zeit verkannte. Der englische Immunologe Sir Peter Medawar, der 1960 den Medizin-Nobelpreis erhielt, war sich zum Beispiel sicher, dass die Drüse quasi bedeutungslos und der Aufenthalt von Immunzellen darin eher ein evolutionärer Zufall sei. Andere seiner Zeitgenossen vermuteten, dass die weißen Blutkörperchen die Thymusdrüse lediglich aufsuchten, um darin zu sterben.

Inzwischen denkt man völlig anders über das Organ. Die KI-gestützte Analyse von mehr als 27.000 Computertomografie-Scans des Brustraums hatte beispielsweise erst kürzlich gezeigt, dass Personen mit einer schlechten Thymusgesundheit ein höheres Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben und die Sterblichkeit steigt.

Die Thymusdrüse habe eine steile Karriere hinter sich, "von einem vernachlässigten Organ der Kindheit zu einem zentralen Regulator von Immunalterung und Krankheitsanfälligkeit im Erwachsenenalter", heißt es auch in einer Pressemitteilung der Goethe-Universität Frankfurt. Forschende aus Frankfurt waren an der Studie beteiligt, die im Frühjahr 2026 im Fachmagazin "Nature" erschien. Was steckt dahinter und warum interessiert sich die Wissenschaft heute besonders stark für den Thymus?

In der Schule der Immunabwehr

Jacques Miller entdeckte 1961 die Funktion des Thymus und setzte damit den Startpunkt für ein generelles Umdenken: Die Drüse ist nicht der Friedhof für Immunzellen, sie ist vielmehr Kindergarten und Schule, in der unreife Immunzellen lernen und heranreifen. Zuvor sind die Zellen aus dem Knochenmark in die Thymusdrüse eingewandert und entwickeln sich dort zu kompetenten Abwehrzellen, den T-Zellen (T von Thymus).

Sie lernen, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Also zwischen dem, was angegriffen und dem, was toleriert werden muss. T-Zellen erkennen und beseitigen virusinfizierte Körperzellen und Krebszellen. Sie helfen anderen Immunzellen, den B-Zellen, Antikörper zu produzieren, und beteiligen sich außerdem am immunologischen Gedächtnis.

Der Thymus spielt vor allem in der sehr frühen Lebensphase eine wichtige Rolle. Bereits ab der Pubertät fängt er an, sich zurückzubilden. Lange Zeit nahm man an, dass in jungen Jahren genug T-Zellen für ein ganzes Leben gebildet werden. Im Erwachsenenalter dagegen verliere der Thymus seine Funktion, so die Theorie. Doch auch in diesem Punkt muss sich die Wissenschaft nun korrigieren und anerkennen, dass man es bei dem menschlichen Thymus mit einem bemerkenswerten und zugleich rätselhaften Organ zu tun hat.

Auch im Alter noch aktiv

Denn auch wenn das Organ nach und nach verfettet, produziert es ein Leben lang weiter T-Zellen; zwar in geringerem Umfang, aber mit Bedeutung. Das zeigte sich vor allem an Kindern oder Erwachsenen, denen der Thymus bei Herzoperationen oder anderen chirurgischen Eingriffen im Brustraum entfernt worden war. "Interessanterweise haben Erwachsene, die ihren Thymus verlieren, ein erheblich höheres Risiko, zu sterben oder an Krebs zu erkranken", schreibt der Immunologe Marc Veldhoen auf der Plattform Substack.

Veldhoen bezieht sich auf eine Studie aus dem Jahr 2023. Forschende des Massachusetts General Hospital wollten überprüfen, ob es den Menschen, die nach einer Operation ohne Thymus lebten, über die Jahre genauso gut erging wie denjenigen, die ebenfalls eine OP im Brustraum hinter sich hatten, aber den Thymus behalten hatten. Das war nicht der Fall: Fünf Jahre nach dem Eingriff hatte sich das relative Sterberisiko der Personen ohne Thymus im Vergleich verdreifacht (8,1 Prozent bzw. 2,8 Prozent); außerdem waren 7,4 Prozent von ihnen an Krebs erkrankt, in der Kontrollgruppe waren es 3,7 Prozent.

Andere Untersuchungen unterstützen diese Beobachtung, wobei die Auswirkungen der Organentfernung auch noch Jahrzehnte später auftreten können.

Wie stark sich der Thymus zurückbildet, ist individuell

Völlig nutzlos scheint der Thymus also auch bei Erwachsenen nicht zu sein. Individuelle Unterschiede der Thymusaktivität im Alter beeinflussen vielmehr die Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die erwähnte internationale Studie mit Beteiligung von Forschenden der Goethe-Universität in Frankfurt. In einer weiteren Untersuchung zeigte das Team, dass die Thymusgesundheit eines Menschen auch beeinflusst, wie gut jemand auf eine Krebsimmuntherapie anspricht.

Die Forschenden untersuchten mehr als 3.400 Personen, die an Tumoren zum Beispiel der Haut, der Brust, der Lunge oder der Niere litten und im Rahmen der Therapie mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren behandelt wurden. Das sind moderne Immuntherapeutika, die T-Zellen gegenüber dem Krebs in einen angriffslustigeren Zustand versetzen, indem sie bremsende Moleküle ausschalten. Die Medikamente wirken bekanntermaßen individuell sehr unterschiedlich. Nun zeigte sich, dass sich der Tumor bei Patientinnen und Patienten mit einem höheren Anteil von aktivem Thymusgewebe, also einer besseren Thymusgesundheit, unter der Therapie häufiger zurückbildete.

Die Thymusgesundheit sei offenbar ein entscheidender und bislang unterschätzter Faktor für den Erfolg von Immuntherapien, sagt der an der Untersuchung beteiligte Radiologe Simon Bernatz von der Universitätsmedizin Frankfurt. Der mithilfe von einer KI entwickelte "Thymic Health Score" könnte helfen, Patientinnen und Patienten vorab auszuwählen, die wahrscheinlich auf die Immuntherapie ansprechen. "Der Aufwand wäre gering, da die KI den Score innerhalb kürzester Zeit in jeder CT-Untersuchung berechnen könnte", zitiert das "Deutsche Ärzteblatt" den ebenfalls an der Studie beteiligten Hugo Aerts.

Stress und Infektionen fördern den Rückbau des Organs

Warum aber unterscheiden sich Menschen überhaupt in ihrer Thymusgesundheit? Dafür, dass die Drüse offenbar individuell unterschiedlich "schrumpft" und im Alter produktiv ist, kann es laut dem aktuellen Stand der Forschung verschiedene Ursachen geben: Virusinfektionen, mit denen der Körper im Laufe des Lebens zu kämpfen hat, Bakterien, Parasiten und Stresshormone können die empfindlichen Zellen im Organ schädigen, genauso wie Chemo- oder Bestrahlungstherapien.

Eine aktuelle Studie aus den USA fasst mögliche Auswirkungen zusammen, wenn der Thymus bei der Behandlung eines aggressiven Lungenkrebses unbeabsichtigt im Strahlungsfeld lag. Tatsächlich bekommen diese Patientinnen und Patienten nach der Bestrahlungstherapie häufiger Metastasen als solche, bei denen die Therapie die Thymusgesundheit und damit die Körperabwehr nicht schwächte. Bei den meisten Betroffenen wäre es technisch durch eine Anpassung der Therapie möglich gewesen, den Thymus zu verschonen, schreibt das "Deutsche Ärzteblatt" in einem Artikel über die Studie.

Ergebnisse wie diese zeigen, wie empfindlich das Organ ist. Auch Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und anhaltender Stress sind ungünstig. Zwar kann sich das Gewebe in einem gewissen Umfang wieder regenerieren. Welche Faktoren so eine Regeneration fördern, ist jedoch erst in Ansätzen verstanden. Es gibt Hinweise dafür, dass (chronische) Entzündungen den Abbau des Thymus beschleunigen. Ein antientzündlicher Lebensstil – gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, ausreichend Schlaf – könnte dann auch die Gesundheit des Thymus stärken.

Zudem laufen klinische Studien, die mithilfe von Wachstumsfaktoren wie KGF, Immunbotenstoffen (IL-7 und IL-22) sowie hormonellen Modulationen (Hemmung von Sexualsteroiden) die Thymusfunktion verbessern wollen. "Es ist schon viel versucht worden, um die altersbedingte Rückbildung des Thymus aufzuhalten oder rückgängig zu machen", erklärt Mirco Friedrich vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Leider bislang ohne großen Erfolg."

Friedrich verfolgt zusammen mit einem Team am Broad Institute in Cambridge einen neuen Ansatz, um den Thymus zu verjüngen – und geht dabei einen Umweg über die Leber: Die Forschenden nutzen mRNA-Moleküle, die mithilfe von winzigen Fetttröpfchen zur Leber transportiert werden. Nach dem Bauplan der mRNA produzieren die Leberzellen für eine gewisse Zeit drei Faktoren, die die Reifung der T-Zellen im Thymus antreiben und die dem alternden Immunsystem offenbar fehlen. Im Versuch an Mäusen klappt das bereits: Ältere Mäuse konnten sich nach dieser Therapie besser gegen Erreger wehren als vorher. Ob dieser Ansatz allerdings im Menschen ebenfalls funktioniert, ist unklar.

Vorsicht bei der Thymusverjüngung

Aber es gibt auch kritische Stimmen, wenn es darum geht, die Thymusgesundheit zu erhalten, die Schrumpfung zu verlangsamen oder mittels Bioengineering sogar neues Thymusgewebe herzustellen. Man müsse umsichtig vorgehen, mahnten Forschende des Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York bereits vor zehn Jahren: Der Thymus bilde sich im Alter nicht nur beim Menschen zurück, sondern auch bei vielen Tieren. Offenbar habe sich dieser Prozess im Laufe der Evolution als Vorteil erwiesen.

Möglicherweise senke die Rückbildung des Organs das Risiko für Formen von Blutkrebs, bei denen sich T-Zellen unkontrolliert vermehren. Oder das Schrumpfen sei ein Kompromiss in Bezug auf die Energiereserven, die dem Körper im Laufe seines Lebens zur Verfügung stehen: In der Jugend sei es wichtig, eine breite Vielfalt an T-Zellen zu entwickeln, um ein starkes Immunsystem aufzubauen. "Ist diese jedoch einmal entwickelt, muss ein Organismus möglicherweise anderen Funktionen, wie beispielsweise der Fortpflanzungsfähigkeit, Vorrang einräumen", schreiben die Fachleute.

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Zweifellos sei es attraktiv, zu versuchen, einen gealterten Thymus therapeutisch zu verjüngen. Trotz des therapeutischen Potenzials gebe es aber Vorbehalte. Neue Strategien zur Verbesserung der Thymusfunktion bei älteren Menschen müssten sorgfältig umgesetzt werden, sowohl zum richtigen Zeitpunkt als auch im richtigen Kontext.

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Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter.

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Verwendete Quellen

nature.com: Thymic health consequences in adults

Goethe-Universität Frankfurt: Der unterschätzte Thymus: Neue Studien zeigen Relevanz für gesundes Altern

science.org: Bioactive scaffolds with enhanced supramolecular motion promote recovery from spinal cord injury

marcveldhoen.substack.com: The leftover gland that was found very important

PubMed Central: Health Consequences of Thymus Removal in Adults

frontiersin.org: Thymic Function Associated With Cancer Development, Relapse, and Antitumor Immunity – A Mini-Review

nature.com: Thymic health and immunotherapy outcomes in patients with cancer

aerzteblatt.de: Thymus-Größe beeinflusst Lebenserwartung und Wirksamkeit einer Krebsimmuntherapie

news.massgeneralbrigham.org: Latest News from Mass General Brigham

annalsofoncology.org: Thymic radiation is associated with worse outcomes in patients with NSCLC

aerzteblatt.de: Lungenkrebs: Strahlenexposition des Thymus könnte Fernmetastasen begünstigen

Deutsches Krebsforschungszentrum: mRNA revitalisiert alterndes Immunsystem - die Leber als Jungbrunnen

nature.com: Transient hepatic reconstitution of trophic factors enhances aged immunity

PubMed Central: Thymus: The Next (Re)Generation

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