Länger Leben: Forscher entdecken entscheidendes Kälte-Molekül
Longevity
Wie moderate Kälte das Leben verlängert: Forscher aus Köln entdecken entscheidendes Molekül
Stand: 22.10.2026 09:30 Uhr
Moderate Kälte kann das Leben verlängern. Bislang war aber unbekannt, warum das so ist. Forschende aus Köln haben jetzt erstmals Stoffwechselprozesse in Fadenwürmen entschlüsselt und ein entscheidendes Molekül entdeckt.
von MDR WISSEN
Vielleicht lässt sich das eigene Leben verlängern, ganz ohne dafür frieren zu müssen: Forschende der Universitätsklinik in Köln beschreiben im renommierten Journal "Nature" ein Molekül, das zumindest im Fadenwurm C. elegans einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensspanne hatte.
Bei BH2 (Dihydrobiopterin) handelt es sich um ein Stoffwechselprodukt, das verstärkt unter moderat kühlen Bedingungen in den Muskeln des Wurms gebildet wurde. BH2 kann leicht in BH4 umgewandelt werden und das wiederum ist unter anderem an der Herstellung von Serotonin, Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin beteiligt. Das sind vier Botenstoffe, die für zahlreiche Prozesse im Gehirn und Nervensystem essenziell sind.
Warum lebten die Würmer bei Kälte länger?
Der Fadenwurm C. elegans ist ein Modellorganismus, der in der Entwicklungsbiologie und der Genetik häufig herangezogen wird, um bestimmte Prozesse zu erforschen. Für die aktuelle Studie züchteten die Forschenden um Hyun Ju Lee und David Vilchez zwei Gruppen von Würmern, die entweder bei warmen (20 Grad Celsius) oder moderat kühlen Temperaturen (15 Grad Celsius) aufwuchsen. Die kühl gehaltenen Würmer lebten dabei deutlich länger, im Schnitt etwa 5 Tage, was in einer Verlängerung der Lebensspanne um rund 15 Prozent entspricht.
Bei der Analyse zeigte sich, dass bei ihnen verstärkt Gene aktiviert waren, die die Produktion des Enzyms CAT-4 stimulierten. CAT-4 wiederum verstärkte die Produktion von BH2 im Muskelgewebe der Würmer. Wenn die Forschenden im Experiment die Produktion von CAT-4 unterdrückten, verschwanden die positiven Effekte auf die Lebensdauer der Würmer. Umgekehrt konnten die Forscher das Leben von warm gehaltenen Tieren verlängern, wenn sie BH2 über die Nahrung künstlich zuführten oder die Produktion von CAT-4 durch genetische Manipulation anregten.
BH2 verbessert die Proteinqualität im Alter
Das BH2 hatte einen weiteren Vorteil: Schädliche Proteine, die mit verschiedenen Alterskrankheiten verbunden sind, wurden abgebaut. Insgesamt konnten Würmer mit mehr BH2 ihre Proteinqualität besser halten, ein Prozess, den Fachleute Proteostase nennen. Die gleichen Effekte zeigten sich auch in menschlichen Zellen, die die Forscher in Zellkulturen untersuchten. Das wiederum sei ein Hinweis darauf, dass die zugrundeliegenden Mechanismen im Verlauf der Evolution möglicherweise stabil geblieben sind.
Die Ergebnisse eröffnen laut einem begleitenden Kommentar zur Studie die Möglichkeit, dass sich Langlebigkeit fördern lässt, ohne dass dauerhaft kühle Bedingungen hergestellt werden. "Da die Aufrechterhaltung einer niedrigeren Körpertemperatur beim Menschen physiologisch anspruchsvoll und potenziell gefährlich ist, könnte die gezielte Beeinflussung dieses Signalwegs einen praktikablen Weg darstellen, um die langlebigkeitsfördernden Effekte der Kälte nachzuahmen", schreiben Hanseul Lee und Seung-Jae Lee vom Korea Advanced Institute of Science and Technology.
Wie nah ist ein Anti-Aging-Medikament?
Ein lebensverlängerndes Medikament sei aber noch in weiter Ferne, schreiben die Forschenden. Denn zunächst müsse geklärt werden, ob die Effekte auch außerhalb der kultivierten Zellen auftreten. Daneben ist das Risiko von Nebenwirkungen durch BH2 hoch. Das Molekül hat unter anderem einen Einfluss auf die Gesundheit der Wände von Blutgefäßen.