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"Lanz"-Debatte: Wird Ostdeutschland noch immer diskriminiert?

Nation

"Es ist ein kontinuierliches Diffamieren und Ausschließen und Diskriminieren des Ostens": Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann kritisierte am Mittwochabend bei "Markus Lanz" die mediale Berichterstattung über Ostdeutsche - und besonders einen Kommentar des Journalisten Reinhard Bingener.

Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hatte Bingener einen Text für die FAZ verfasst. Der Titel: "Wehe, wenn die Langmut im Westen endet". Der Inhalt: Kritik an einem "ostdeutschen Sonderbewusstsein", an einer "Anspruchshaltung" und an "Ablehnung, Auflehnung und Neid auf Westdeutschland".

Oschmann: Westdeutsche Langmut hat es nie gegeben

Schon in seiner Streitschrift "Der Osten: eine westdeutsche Erfindung" hatte Dirk Oschmann geschrieben, dass deutsche Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft von westdeutschen Perspektiven dominiert seien. Bei "Lanz" zeigte er sich nun "irritiert und verärgert" über Bingeners Kommentar:

Bingener habe Darstellungsmuster aufgekocht, die man seit den Neunzigerjahren kenne. Sein Kommentar reihe sich ein in eine lange Geschichte, die immer dasselbe sagt. So kritisierte Oschmann diesen wiederkehrenden Gedanken, das Stereotyp vom "undankbaren Ostdeutschen" als Auslagerungserzählung: "Man sagt: 'Die eigentlichen Probleme, die wir hier im Land haben, die sind alle vom Osten zu verantworten. Wenn wir den Osten nicht hätten nehmen müssen, dann hätten wir die Probleme nicht, dann hätten wir die gemütliche, alte Bundesrepublik.'"

Die westdeutsche Gesellschaft, so Oschmann, brauche diese Art Entlastungserzählung womöglich, um sich selber zu stabilisieren: "Sie hält sich ja sonst gern für weltoffen und für divers und für Willkommenskultur, nur eben im Blick auf diesen Osten nicht."

Bingener: Ostdeutsche Abgrenzungsidentität wird bewirtschaftet

Oschmanns Darstellung des Westens sei zugespitzt, entgegnete Reinhard Bingener. Im Osten würden über 60 Prozent das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland als Konflikt wahrnehmen, im Westen nur 15 Prozent.

Anhand der Berichterstattung über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt habe Bingener bemerkt, dass das ostdeutsche "Abgrenzungsbewusstsein zunehmend aggressiv" werde. Er sagte:

Diese "Abgrenzungsidentität" werde heutzutage maßgeblich von AfD und BSW bewirtschaftet. Auch CDU und SPD würden diese Melodie in Ostdeutschland leise mitsummen. Stattdessen wäre es nötig, klar entgegenzuhalten, so Bingener.

Denn das ostdeutsche Sonderbewusstsein richte sich nicht nur gegen Westdeutschland, sondern gegen westliche Werte und den Westen als Ganzes: "Das ist Teil der russischen Desinformation, in diese Bresche mit hineinzuspringen und den Ost-West-Gegensatz innerhalb Deutschlands mitzuverstärken."

Oschmann: Ostdeutschland wird pathologisiert

Der Osten werde als "das Andere, das Defizitäre, das Zurückgebliebene und das Barbarische" pathologisiert, also als krankhaft abgestempelt, und ausgegrenzt, widersprach Oschmann. Ostdeutsche bekämen immer wieder aufs Neue gesagt: "'Ihr taugt nichts, ihr könnt nichts, ihr seid defizitär (Anm. d. Red.: mangelhaft). Ihr werdet es auch nie schaffen, so zu sein wie wir.'"

Das habe auf Dauer einen gewaltigen psychologischen Effekt. Irgendwann hätten sich die Ostdeutschen von Westdeutschland abgegrenzt und gesagt: "'Gut, dann machen wir das, was ihr uns zuschreibt.'"

Der öffentliche Diskurs produziere Bilder, die sich den Ostdeutschen offen oder verdeckt mitteilen würden. Oschmann kritisierte, dass sich viele Westdeutsche "gern als die Vertreter der Rationalität präsentieren", als die Vernünftigen, während Ostdeutsche bloß als die "Gefühligen" dargestellt würden, "die nicht verstehen, wie es wirklich ist".

Journalist: Brauchen "langen Atem" bei Ost-West-Annäherung

Bingener räumte ein, dass es eine mediale Herabwürdigung der Ostdeutschen gegeben habe: "Wenn man neu - auch mit einem anderen Verhältnis zur Öffentlichkeit - in eine Gesellschaft kommt, kann ich nachvollziehen, dass das als Verletzung empfunden wird." Sein Kommentar in der FAZ war vielfach als Forderung verstanden worden, den Länderfinanzausgleich einzustellen. Bei "Lanz" stellte er klar: "Das habe ich nicht gefordert. Ich wäre auch gar nicht dafür."

Wenn wir die Ost-West-Debatte produktiv führen würden, müssten wir laut Bingener fragen, wie man den Unterschied in der Wertschöpfung zwischen Ost- und Westdeutschland mit "langem Atem, aber möglichst zügig schließt". Er sagte: "Wenn wir aber jetzt diese Abgrenzungsidentitäten in den Mittelpunkt stellen, (...) dann sprechen viele Faktoren dafür, dass es am Ende zulasten der ostdeutschen Flächenländer ausgehen wird."

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