DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin -0,05 % 64.280,71 USD 08:19:27 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

Laut Neurowissenschaft kann das „Körpergedächtnis” auf Trauma reagieren, an das wir uns nicht erinnern

Wissenschaft

Die Frage, ob der menschliche Körper Erinnerungen speichern kann, beschäftigt Wissenschaft, Philosophie und Psychotherapie seit Jahrzehnten. Der Begriff Körpergedächtnis beschreibt die Annahme, dass Erfahrungen nicht nur als bewusst abrufbare Erinnerungen im Gehirn existieren, sondern sich auch in körperlichen Reaktionen, Gefühlen, Bewegungsmustern oder unbewussten körperlichen Prozessen widerspiegeln können. Besonders in der Traumaforschung hat dieses Konzept in den vergangenen Jahren große Aufmerksamkeit erhalten. Viele Betroffene berichten von körperlichen Symptomen, Spannungszuständen oder starken emotionalen Reaktionen, obwohl sie keine klare bewusste Erinnerung an ein belastendes Erlebnis haben. Die moderne Forschung zeigt, dass Erinnerungen eng mit körperlichen und emotionalen Prozessen verbunden sind. Das Körpergedächtnis ist kein Erinnerungsspeicher Dennoch bleibt der Begriff Körpergedächtnis wissenschaftlich umstritten. Während populärwissenschaftliche Darstellungen oft den Eindruck vermitteln, der Körper speichere traumatische Erfahrungen wie ein biologisches Archiv, zeichnet die Forschung ein deutlich differenzierteres Bild. Der Körper erinnert nicht über ein eigenes Speichersystem, sondern über komplexe Prozessen, diese sind: neurobiologisch psychophysiologisch sozial Vor allem die Neurowissenschaften, die Gedächtnispsychologie, die Embodiment-Forschung und die Traumaforschung liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie Erinnerungen mit körperlichen Prozessen verknüpft sind. ANZEIGE ANZEIGE Dr. med. Mimoun Azizi ist Chefarzt des Zentrums für Geriatrie und Neurogeriatrie im KVSW und Facharzt für Neurologie. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Es gibt zwei Gedächtnis-Arten Um das Konzept des Körpergedächtnisses besser zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die verschiedenen Formen des Gedächtnisses. Die moderne Gedächtnisforschung unterscheidet grundsätzlich zwischen dem expliziten und dem impliziten Gedächtnis. Das explizite Gedächtnis umfasst Erinnerungen, die bewusst abgerufen werden können. Dazu gehören persönliche Erlebnisse, Faktenwissen oder sprachlich beschreibbare Erfahrungen. Das implizite Gedächtnis beschreibt dagegen unbewusste Lern- und Erinnerungsprozesse. Dazu zählen motorische Fähigkeiten, Gewohnheiten, emotionale Prägungen und automatische körperliche Reaktionen. Diese Prozesse laufen meist ohne bewusste Kontrolle ab und zeigen sich direkt im Verhalten oder in körperlichen Reaktionen. Die Bedeutung dieser unbewussten Gedächtnisformen für das Körpergedächtnis wird unter anderem in der Arbeit „Embodied Trauma: When Memory Lives in the Body“ von Sofia Moretti und David Porges (2026) beschrieben. Die Autoren gehen davon aus, dass belastende Erfahrungen häufig nicht als zusammenhängende Erinnerungen abgespeichert werden. Stattdessen können sie sich in Form von emotionalen, sensorischen oder körperlichen Reaktionsmustern zeigen. Auch die Übersichtsarbeit „Does Body Memory Exist? A Review of Models, Approaches and Recent Findings Useful for Neurorehabilitation“ von Chiara Parma und Kollegen (2024) kommt zu dem Schluss, dass das Körpergedächtnis nicht als eigenständiges biologisches Gedächtnissystem verstanden werden sollte. Vielmehr handelt es sich um das Zusammenspiel verschiedener impliziter Gedächtnisformen, die sich in körperlichen, emotionalen und physiologischen Reaktionen äußern. Wie Erinnerungen im Gehirn entstehen Die Neurowissenschaften haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte beim Verständnis von Gedächtnisprozessen gemacht. Erinnerungen werden heute nicht mehr als statische Informationen betrachtet, die an einem festen Ort im Gehirn gespeichert sind. Stattdessen entstehen sie durch dynamische Netzwerke von Nervenzellen, sogenannte Engramme. Yosif Zaki und Denise J. Cai beschreiben in ihrer Arbeit „Memory Engram Stability and Flexibility“ (2025), dass Erinnerungen durch komplexe Aktivierungsmuster im Gehirn repräsentiert werden. Diese Netzwerke verändern sich fortlaufend durch neue Erfahrungen, emotionale Zustände und unterschiedliche Lebenssituationen. Erinnerungen sind deshalb gleichzeitig stabil und veränderbar. Körpergedächtnis baut auf Emotionen Für das Körpergedächtnis spielen vor allem Hirnregionen eine Rolle, die Emotionen und Körperwahrnehmung miteinander verbinden. Die Amygdala verarbeitet emotionale Reaktionen und ist insbesondere an Angst- und Stressreaktionen beteiligt. Der Hippocampus hilft dabei, Erlebnisse zeitlich einzuordnen und als zusammenhängende Erinnerungen abzuspeichern. Die Insula verarbeitet Signale aus dem Körperinneren, etwa Herzschlag, Atmung oder Muskelspannung. Eine Studie von Annika C. Konrad und Kollegen mit dem Titel „Neural Correlates and Plasticity of Explicit Emotion Regulation Following the Experience of Trauma“ (2025) zeigt, dass traumatische Erfahrungen langfristige Veränderungen in den Netzwerken verursachen können, die Emotionen regulieren. Besonders betroffen sind Systeme, die emotionale Reaktionen mit körperlichen Zuständen verknüpfen. Diese Erkenntnisse helfen zu erklären, warum Menschen in bestimmten Situationen körperlich reagieren können, obwohl sie sich nicht bewusst an das ursprüngliche Ereignis erinnern. Solche Reaktionen beruhen auf unbewussten neuronalen Mustern und nicht auf bewusstem Erinnern. Trauma verändert die Wahrnehmung Die Traumaforschung gehört zu den wichtigsten Forschungsbereichen rund um das Körpergedächtnis. Traumatische Erfahrungen können die normalen Verarbeitungsmechanismen des Gedächtnisses überfordern. Unter extremem Stress wird die Fähigkeit eingeschränkt, Erlebnisse als zusammenhängende Erinnerungen abzuspeichern. Jake Dorothy beschreibt in der Studie „Big Chunks of Blank Memory: Complex Trauma and Dissociative Body Memory“ (2025), dass Menschen mit komplexen Traumata häufig unter dissoziativen Erinnerungsformen leiden. Statt klarer Erinnerungen tritt etwas anderes auf, etwa: körperliche Beschwerden Spannungszustände emotionale Flashbacks automatische Stressreaktionen Ähnliche Ergebnisse zeigt die Untersuchung von Ana Carla S. P. Schippert und Ellen Karine Grov mit dem Titel „After Torture, Everything Changed“ (2025). Die Autoren beschreiben, dass traumatische Erfahrungen die Wahrnehmung des eigenen Körpers langfristig verändern können. Die moderne Traumaforschung interpretiert solche Phänomene jedoch nicht als wortwörtlich im Körper gespeicherte Erinnerungen. Vielmehr handelt es sich um anhaltende emotionale und körperliche Reaktionsmuster, die durch frühere Erfahrungen geprägt wurden. Embodiment: Körper und Denken gehören zusammen Ein wichtiger theoretischer Ansatz zur Erklärung des Körpergedächtnisses ist die sogenannte Embodiment-Forschung. Sie geht davon aus, dass Denken, Fühlen und Erinnern grundsätzlich mit dem Körper verbunden sind. Kognition entsteht demnach nicht allein im Gehirn, sondern im Zusammenspiel von Körper, Umwelt und sozialen Beziehungen. Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty entwickelte bereits im 20. Jahrhundert die Idee des „gelebten Körpers“. Nach seiner Auffassung ist der Körper nicht nur ein biologisches Objekt, sondern die Grundlage dafür, wie Menschen die Welt erleben. Wahrnehmung und Erinnerung sind demnach immer auch körperlich vermittelt. Diese Perspektive wird heute durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt. Die Übersichtsarbeit „The Neuroscience of Body Memory: Recent Findings and Conceptual Advances“ von Claudia Repetto und Giuseppe Riva (2023) zeigt, dass Erinnerungen eng mit körperlicher Selbstwahrnehmung und sensomotorischen Erfahrungen verknüpft sind. Auch der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs entwickelte ein differenziertes Modell des Körpergedächtnisses. Er unterscheidet unter anderem zwischen Prozeduralem Körpergedächtnis, welches automatisierte Fähigkeiten wie Fahrradfahren oder Musizieren umfasst. Interkorporalem Körpergedächtnis, welches unbewusste soziale und zwischenmenschliche Beziehungsmuster umfasst. Traumatischem Körpergedächtnis, welches anhaltende körperliche Alarmzustände nach belastenden Erfahrungen bezeichnet. Erinnerungen lassen sich verändern Eine wichtige Erkenntnis der modernen Gedächtnisforschung lautet: Erinnerungen sind nicht statisch. Gedächtnisinhalte werden bei jedem Abruf teilweise neu zusammengesetzt. Dadurch können sie beeinflusst und verändert werden. Jiahui Chen und Kollegen beschreiben in ihrer Arbeit „How Fear Memory is Updated: From Reconsolidation to Extinction?“ (2025), dass Angstgedächtnisse durch sogenannte Rekonsolidierungsprozesse therapeutisch verändert werden können. Diese Erkenntnis spielt insbesondere bei der Behandlung traumatischer Belastungen eine wichtige Rolle. Auch Panayiotis P. Ketonis und Kollegen zeigen in ihrer Arbeit „Human Retrograde Amnesia and Memory Consolidation“ (2025), dass Erinnerungen dynamische Prozesse sind. Sie stellen keine unveränderlichen Aufzeichnungen dar, sondern werden fortlaufend neu konstruiert. Damit widerspricht die Forschung der Vorstellung, traumatische Erfahrungen würden unverändert im Körper gespeichert bleiben. Stattdessen sprechen die wissenschaftlichen Daten für flexible und veränderbare Erinnerungsnetzwerke. Was die Wissenschaft heute tatsächlich belegt Trotz zahlreicher Hinweise auf verkörperte Erinnerungsprozesse bleibt das Konzept des Körpergedächtnisses wissenschaftlich komplex. Viele populäre Darstellungen vereinfachen die Forschungslage stark und nutzen Formulierungen, die neurobiologisch nicht haltbar sind. Gut belegt sind die Existenz impliziter Gedächtnisformen, emotionaler Konditionierung und körperlich verankerter Reaktionsmuster. Deutlich weniger gesichert sind dagegen Behauptungen, wonach der Körper vollständige autobiografische Erinnerungen unabhängig vom Gehirn speichern könne. Kein „Speicher“: Präzise Sprache ist wichtig Aus diesem Grund betonen Forschende zunehmend die Bedeutung präziser Begriffe. Das Körpergedächtnis sollte nicht als mystisches oder eigenständiges Speichersystem verstanden werden. Es beschreibt vielmehr die enge Verbindung zwischen Gehirn Körper Emotionen und sozialen Erfahrungen. Die wissenschaftliche Forschung zeigt klar, dass Erinnerungen eng mit körperlichen Prozessen verbunden sind. Erfahrungen beeinflussen langfristig neuronale Netzwerke, emotionale Regulationssysteme, autonome Körperreaktionen und Bewegungsmuster. Besonders traumatische Erlebnisse können sich in Form unbewusster körperlicher Reaktionen bemerkbar machen. Das Körpergedächtnis ist jedoch kein biologischer Speicher im wörtlichen Sinne. Vielmehr beschreibt es das Zusammenspiel von implizitem Gedächtnis, neuronaler Plastizität, emotionaler Konditionierung, Körperwahrnehmung und sozialer Erfahrung.

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren