Leica Q3 Monochrom im Praxistest: Monochrome Straßenliebe
Ein befreundeter Journalist sagte mir einmal, nur die Foto- und Automagazine haben das Glück, Wertigkeit als Gefühl beschreiben zu können. Wenn es um etwas so Spezielles und Besonderes wie die Leica Q3 Monochrom geht, muss ich ihm voll und ganz recht geben. Da sie technisch der Q3 auf den ersten Blick gleicht, sollte man meinen, es gibt nichts über die Q3 Monochrom zu sagen – außer, dass sie nur Schwarz-Weiß-Bilder aufnehmen kann. Aber ist es dann nicht vermessen, vielleicht sogar irrsinnig, eine Kamera baugleich zu ihrem Schwestermodell auf den Markt zu bringen? Oder ist es vielmehr eine Verneigung vor der Kunst, dem Handwerk des Spiels aus Licht und Schatten und vor dem Gefühl? Die großen Fotografen der alten Zeit hätten wahrscheinlich auch Farbfilme genutzt, wenn es damals schon welche gegeben hätte. Dennoch inspirieren und motivieren die Werke von Capa, Höpker und Bresson noch immer und immer wieder. Blicken wir auf das Herzstück: Der dedizierte Monochrom-Sensor leistet 60 Megapixel pure Euphorie in Schwarz-Weiß. Und da ist das besagte Gefühl mit Hochgeschwindigkeit in den Händen des Fotografierenden. Schon der erste Blick auf das Live-View-Display verrät: Hier ist etwas ganz anders. Der drei Zoll TFT-Monitor setzt ebenso wie der 5,76 MP OLED-Sucher das Bild des Sensors detailreich um, und man erblickt eine Welt in perfektem Monochrom. Der Zauber stammt nämlich nicht von einem Filter oder einer Programmierung. Es liegt am Verzicht. Dem Beschränken auf das Wesentliche. Denn beim Sensor der Q3 Monochrom ist schlicht kein Farbfilter verbaut. Alles, was er erfasst, ist Licht und Schatten – in allen Nuancen. Der Effekt: Jedes Motiv, jede Szene und jeder Moment wird zu einem spannenden Augenblick persönlicher Fotogeschichte. Die Gene einer Street- und Reportagekamera hat sie von der namensgebenden Q und der Q2 geerbt – die auch schon eine Monochrom-Variante hatte. Die Summilux 28 mm f/1,7 Asph. Festbrennweite an der Edelkompakten erlauben detailreiche Weitwinkelaufnahmen genauso wie Porträts. Das klingt bei 28 mm erst ungewöhnlich, funktioniert aber recht gut. Zum einen erlauben die 60 MP einen verlustfreien Zuschnitt, zum anderen verfügt die Q3 Monochrom wie ihre Schwester- und Vorgängermodelle über einen eingebauten Digitalzoom, der das Bild auf 35, 50, 75 oder 90 mm Brennweitenäquivalent zurechtschneidet. Ein E-49-Filtergewinde sorgt für die nötige Kompatibilität mit dem Zubehörkatalog. Dazu verfügt die Q3 Monochrom über einen Makromodus, der sich durch einen kleinen Dreh am Objektiv aktivieren lässt und die Naheinstellgrenze von 30 auf 17 Zentimeter verkürzt. Optimal für kleine Details und Nahaufnahmen. Der drei Zoll TFT-LCD verfügt übrigens über den gleichen Klappmechanismus, wie der der farbenfrohen Schwester. Ein sehr praktisches Detail, wenn ein Purist das einen Hauch zu modern nennen würde. Allerdings dreht sich das Menü im Bild bei einem Schwenk ins Hochformat mit, wie wir es beispielsweise auch von der großen Wechselobjektivkamera Leica SL3 kennen. Noch bevor man einen Vorgeschmack auf die zukünftige Bildgestaltung bekommt, fällt das Offensichtlichste ins Auge: die fehlende Farbe. Im Design macht die Einfarbigkeit keine Ausnahme. Sowohl der markante rote Leica-Punkt wie auch die ikonischen gelben und weißen Ziffern sind gegen gleichmäßiges Grafit ersetzt worden. Ein Statement gegenüber der Kontrastliebe. Die Ingenieure in Wetzlar haben es geschafft, den Blick durch den Sucher in einen Blick in eine andere Welt zu verwandeln. Was sich einem bietet, wenn man die Kamera das erste Mal vor das Auge hält, ist eine entsättigte Erleuchtung. Kein Filter oder Look kann das Gefühl beschreiben, das die tiefen Kontraste einem auf die Netzhaut brennen. Man sucht instinktiv nach Licht und Schatten, Hell und Dunkel und nach verspielten Lichteffekten – nach Tiefen und Kontrast. Wer sich auf seine Erfahrung bei der manuellen Belichtung verlässt, kann sogar ein bisschen mehr Details herauskitzeln als die Automatik. Dem Autofokus können Sie getrost vertrauen. Zielsicher und recht flott sitzt dieser immer auf dem Ziel. Die Wahl dieser Kamera ist eine bewusste Entscheidung für eine ebenso bewusste Fotografie. Die Nachbearbeitung bleibt im .DNG, also dem RAW-Format von Leica, ja nicht aus. Doch die Ergebnisse „Out of Camera“ sind schon besonders veredelt. Stark fällt das gerade bei Umgebungen mit schwachem Licht auf. Wir haben erst auf dem Computermonitor die Nachtaufnahme mitten in der Stadt und direkt neben einer Straßenlaterne glauben können: Sternenbilder bei 28 mm. Doch auch bei Tageslicht macht sich der Preis von 6.750 Euro bemerkbar. Man hält immer noch eine Leica in den Händen. Die Lederummantelung und die fein gearbeiteten Knöpfe, Rädchen und Schalter sowie die präzise Linse harmonieren in den 746 Gramm Wertschätzung der Fotokunst. Außer auf Farbe verzichtet man auf nichts. Die Q3 Monochrom ist mit denselben Videofunktionen ausgestattet wie die Q3 oder die Q3 43. Wer auf seiner SD-Karte Platz sparen möchte, kann die 60 MP auf 36 oder 18,5 drosseln. Eine deutlich charmantere Lösung ist die Verbindung der Kamera mit der „Leica-Fotos“-App. Die Verbindung erfolgt via WLAN oder Bluetooth. Der USB-C-Anschluss lässt sich für Tethering, also die direkte Verbindung der Kamera mit einem Computer, verwenden oder externe Mikrofone anschließen. Eine ganz besondere Premiere darf die Q3 Monochrom noch feiern. Da sie als jüngstes Mitglied der Leica-Familie natürlich die aktuelle Firmware nutzt, ist sie die erste Q, die mit Content Credentials versehen werden kann, also einer fälschungssicheren digitalen Signatur, die sowohl Herkunft als auch Bearbeitungshistorie der Bilder aufzeichnet und ihre Echtheit nachweist. So ganz monoton ist die Kamera dann doch nicht. Obwohl die typische Leica-Farblooks im Menü natürlich fehlen, ist die ganze Palette der Einheitsfarben vorhanden. So gibt es mit Sepia, Selenium und Blue vier Farbstiche, die der kreativen Freiheit zunutze gemacht werden können. Aber warum sollte man diese Kamera nun in seine Sammlung aufnehmen? Mit Sicherheit gibt es viele Gründe, eine moderne Systemkamera mit Wechselobjektiv UND Farben einer Monochrom-Edelkompakt vorzuziehen. Aber das ist Logik. Das spiegelt nicht das tiefe Einatmen, das leichte Zittern der Fingerspitzen und das sanfte Lächeln wider, wenn man die Kamera das zweite oder dritte Mal einschaltet und weiß, welche Verwandlung die Welt gleich vollzieht. Mit der Q3 Monochrom führt Leica eine erfolgreiche Serie fort, die mit der Q begann und über die vielen Varianten der Q2 bis zur Q3 43 ihren bisherigen Zenit erreicht hat. Und mit der Version 3 in Monochrom wird es nicht enden – nur so ein Gefühl.