Leichtathletik-EM in Birmingham: Leere Ränge, hohe Preise
"Leo the German, Leo the German", hallte es am Mittwoch durch das weite Rund des Alexander Stadiums. Der Fanclub aus Freunden und Familie des deutschen Zehnkampf-Weltmeisters Leo Neugebauer ist immer eine Bank, wenn es um Stimmung geht. Neugebauer: "Coole Atmosphäre" "Ich glaube, wir Deutschen haben gerade am meisten Fans hier. Das ist eine coole Atmosphäre, es macht mega Bock", schwärmte der Gold-Favorit nach den ersten Disziplinen. "Ohne Leo wär' hier gar nichts los" hätten die zahlreichen deutschen Fans auch anstimmen können, das wäre dann aber wie so oft nur die halbe Wahrheit gewesen. Zuschauerresonanz ausbaufähig Die Zuschauerresonanz bei den ersten europäischen Titelkämpfen in Großbritannien fiel in den ersten drei Tagen - sportlich fair formuliert - ausbaufähig aus. Am Auftaktabend verfolgten nur gut 13.000 Zuschauer den Lauf des britischen Sprintstars Amy Hunt zum 100-Meter-Gold, Dienstagabend waren rund 16.000 Besucher im 23.000 Fans fassenden Alexander Stadium. Aston Villa - PSG im Konkurrenz-Programm Auch am Mittwochabend, wiederum mit Hunt über 200 Meter und dem 400-Meter-Gold von Lokalheld Matthew Hudson-Smith, waren die Ränge eher spärlich besetzt. Eventuell auch, weil Birminghams Fußball-Club Nummer eins, Europa-League-Champion Aston Villa, parallel im UEFA-Supercup-Finale gegen Champions-League-Sieger Paris St.-Germain antrat. In den Vormittags-Sessions bleiben noch viel mehr Plätze frei. Die Haupttribüne, auf der die Tickets bis zu 175 Euro kosten, ist dabei besser besetzt als die günstigeren Plätze in den Kurven. Dort sind Abend-Karten für Erwachsene mittlerweile ab 30 Euro zu haben. Für Freitag, Samstag und Sonntag soll das Stadion offiziellen Angaben zufolge immerhin nahezu ausverkauft sein. "Wenn man auf einen großen Wettkampf geht, muss man sich darauf einstellen, dass das ein bisschen mehr kostet. Das muss einem die Leichtathletik dann wert sein", sagt Mehrkampf-Fan Frank Lange aus Albstadt, der mit seiner Frau angereist ist. Rund 400 Euro für zwei Tage Zehnkampf Die Kölner Gruppe, die sich zwischen den Mittwoch-Sessions die Zeit im nahegelegenen Biergarten "The Tennis Court" mit Kartenspielen und einem kühlen Bier vertreibt, sieht die Preis-Politik der EM-Veranstalter schon kritischer. Pro Person hätten sie rund 350 Pfund (gut 400 Euro) für zwei volle Tage Zehnkampf bezahlt. Das sei schon teuer. "German Bratwurst" für zwölf Euro Sie freuen sich über den Tipp einer XL-Portion Fish and Chips im Imbiss um die Ecke für umgerechnet rund neun Euro. Im Stadion würden sie dafür nur eine halbe "German Bratwurst" bekommen, die dort mit zwölf Euro zu Buche schlägt. Ein kleines Softeis liegt bei sechs Euro. Günstig geht anders. Auch beim Park-and-Ride-Programm, das die Fans über 20 Pfund kostet. Es gibt eine günstigere Variante für unter 20 Pfund, dann steht nach dem Parken aber auch ein rund 45-minütiger Fußweg zum Stadion an. Fanzone "Champions Square" öffnet Donnerstag Neben der Ferienzeit in England sind die zum Teil hohen Kosten sicher auch ein Grund dafür, warum die Ränge an den ersten Tagen so luftig besetzt waren. Auch im Stadtbild Birminghams ist bislang wenig zu sehen von den Titelkämpfen der europäischen Topathleten. Die Fanzone "Champions Square" in der Innenstadt Birminghams öffnet erst ab Donnerstag. DJ's und "Bab the Bull" geben alles Im Alexander Stadium geben sich die Organisatoren alle Mühe, die EM zu einem Event zu machen. DJ's heizen vormittags und abends ordentlich ein und das hyperaktive Maskottchen "Bab the Bull" ist zum Saisonhöhepunkt ebenso in Topform wie viele Athleten. Erster Gänsehaut-Moment durch Hudson-Smith Wenn die Zwölf-Euro-Bratwurst verdaut ist, springt der Funke dann auch schnell über. Hunts 200-Meter-Halbfinale am Mittwochabend trieb den Geräuschpegel nach oben, Hudson-Smith's Gold-Lauf sorgte dann für den ersten richtigen Gänsehautmoment im Alexander Stadium. Nicht nur der Leo-Neugebauer-Fanclub, sondern auch die Briten sind Leichtathletik-Liebhaber und extrem begeisterungsfähig. "God save the King" auf der Medal Plaza Das zeigt sich auch täglich auf der Medal Plaza vor dem Stadion. Bei Hunts Gold-Zeremonie für ihren 100-Meter-Coup war kaum noch etwas von dem vertrockneten, braunen Rasen rund um das Alexander Stadium zu erkennen, so viele Fans wollten den britischen Sprintstar sehen und "God save the King" mitsingen. Sehr gut möglich, dass am Donnerstagabend die deutsche Hymne aufgelegt wird und "Leo the German" mit seinem frenetischen Fanclub das Ruder am Alexander Stadium übernimmt, wo die Leichtathletik-Party nur langsam an Fahrt aufnimmt.