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Leichtathletik-Show: Neugebauer siegt nach Diskus-Drama beim Istaf

Sport

Kurz nach 14:30 Uhr hing der Erfolg von Leo Neugebauer beim Istaf im Berliner Olympiastadion am seidenen Faden. Denn der frischgebackene europäische König der Zehnkämpfer wackelte im Diskusring bedenklich - ja, ihm drohte das Worst-Case-Szenario. Zwei Fehlwürfe hatte er in der zweiten von drei Disziplinen des Mini-Mehrkampf dieses Sonntagnachmittags bereits fabriziert. Nun musste er also in seinem letzten Versuch unbedingt liefern.

Genau das tat der 26-Jährige - und wie: Neugebauer ließ den Diskus ganz championslike auf eine Sensationsweite von 58,54 Meter fliegen (Saisonbestleistung). Er eilte daraufhin auf die blaue Bahn des Olympiastadions in Richtung Tribüne und sprang seinem Vater in die Arme. Das Diskuswerfen war mehr als gerettet und die Voraussetzung für den 1.500-Meter-Lauf bestens.

Fast 250 Punkte trennten ihn vor seiner ungeliebten Disziplin, bei der er sich und seine Goldmedaille bei der EM völlig entkäftet heroisch ins Ziel gerettet hatte, von seinem deutschen Teamkollegen Amadeus Gräber auf Platz zwei. Das bedeutete knapp 40 Sekunden Vorsprung in einem Rennen, das beim Istaf - ähnlich wie bei der Nordischen Kombination - ausnahmsweise als Verfolgung ausgetragen wurde.

Am Ende kam die laufstärkere Konkurrenz - wenig überraschend - noch einmal näher. Aber nicht nah genug, um Neugebauer bei seinem Jubellauf mit geballter Faust auf der Zielgeraden zu stören. Er siegte souverän vor Gräber, der Niklas Kaul in einem packenden Foto-Finish hinter sich ließ. "Es ist ein verrücktes Gefühl, mal einen 1.500-Meter-Lauf zu gewinnen", sagte Neugebauer lachend. Um den Hals: die EM-Medaille von Birmingham. "Es ist so cool, sie nach Deutschland zurückzubringen und mit den Leuten zu feiern. Das ist einfach eine geile Atmosphäre hier."

Neugebauer war damit einer von vielen strahlenden Siegern des Istaf. Ein weiterer: Emil Agyekum. Der 27-jährige Berliner lief bei seinem Heimspiel vor mehr als 40.000 Zuschauern über 400 Meter Hürden als Erster ins Ziel - und das mit großem Vorsprung. Schon Meter vor dem Ziel konnte Agyekum das Tempo rausnehmen, die Arme ausbreiten und in 48,18 Sekunden voller Genuss ins Ziel fliegen.

Als Zweiter lief sein deutscher Teamkollege Owe Fischer-Breiholz (49,03 Sekunden) ins Ziel. Agyekum, Vize-Europameister von Birmingham, schwärmte danach: "Es war fantastisch", so der Berliner im Sportschau-Interview, "hier zu laufen ist immer wundervoll. Ich liebe es im Olympiastadion zu sein. Da steckt so viel Geschichte drin." Er habe "einfach sein Ding gemacht. Ich dachte eigentlich die ganze Zeit, Owe ist noch in meinem Nacken. Aber dann habe ich mich nach der letzten Hürde umgeschaut, niemand war da - und dann habe ich einfach gefeiert."

Das konnten auch zwei weitere (Gold-)Medaillengewinner der EM von vor zwei Wochen. Gesa Krause - eigentlich über 3.000-Meter-Hindernis zuhause - gewann auf der um 2,5 Runden kürzeren 2.000-Meter-Distanz. Zwar wäre sie "gerne noch einen Tick schneller gelaufen" als die 5:56,79 Minuten, mit denen sie deutlich vor Olivia Gürth ins Ziel kam. In erster Linie war das Istaf für sie aber "die Kür nach der EM. Ich glaube, heute ging es einfach darum, diesen Triumph aus Birmingham nochmal mit deutschem Publikum zu feiern", so die 34-Jährige.

Und Speerwerfer Julian Weber wiederholte einen Tag nach seinem 32. Geburtstag das, womit er schon beim Kontinental-Turnier in England begeistert hatte: Er verzauberte das Publikum im sechsten und damit letzten Versuch mit einem Sensationswurf. Dieses Mal flog der Speer zwar nicht über die 90 Meter, aber mit 89,54 Metern doch ganz nah heran. Zweiter wurde der zweimalige Weltmeister Anderson Peters aus Grenada (83,32 Meter). Vize-Europameister Nick Thumm landete mit 83,10 Metern auf dem vierten Rang.

"Ich habe wie bei der EM länger gebraucht, meinen Rhythmus zu finden", sagte Weber nach seinem fünften Sieg in Serie beim Istaf, "aber pünktlich zum sechsten Versuch hat es dann geklappt". Er freue sich "mega, hier in Berlin vor so einem großartigen Publikum wieder die Show abzuliefern und so weit zu werfen".

Und dann schob Weber, der in Berlin lebt und in Potsdam trainiert, noch eine glühende Liebeserklärung an seine boomende Sportart hinterher: "Die Leichtathletik ist geil, das Publikum ist geil und ich bin wirklich optimistisch, dass wir diesen Hype gerade für die nächsten Jahre mitnehmen können."

1.500-Meter-Läufer Robert Farken rannte in 3:31,73 Minuten hinter dem 20-jährigen Supertalent aus Down Under, Cameron Myers (3:30,96), auf dem zweiten Platz ins Ziel. Ein Ergebnis, das Farken nach der für ihn mit dem neunten Platz verkorksten EM zufrieden stimmte: "Wenn man mit 3:31 nicht zufrieden ist, macht man etwas verkehrt. (...) Es ist ein gewisses Maß an Genugtuung zu wissen, dass die Form da ist und ich auf dieses Top-Niveau gehöre", sagte der 28-jährige Leipziger.

Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Mabry belegte den dritten Rang mit 19,73 Metern. Die 27-Jährige blieb hinter der Amerikanerin Chase Jackson, die mit 21,02 Metern eine Weltklasse-Leistung zeigte, ihren eigenen US-Rekord um sieben Zentimeter steigerte und die 42 Jahre alte Istaf-Bestmarke der damals für die Tschechoslowakei startenden Helena Fibingerova knackte. Zweite wurde die Kanadierin Sarah Mitton mit 20,10 Metern.

Im Diskuswurf der Frauen wurde die zweimalige Olympiasiegerin Valarie Sion aus den USA ihrer Favoritenrolle gerecht. Sie schleuderte das Gerät auf 67,89 Meter. Zweite und damit beste Deutsche wurde überraschend Leia Braunagel mit 64,60 Metern. Vize-Europameisterin Shanice Craft belegte Rang drei mit 61,61 Metern. Sie blieb aber genauso wie Kristin Pudenz als Vierte (61,30 Meter) und Marike Steinacker als Fünfte (59,86 Meter) unter den Möglichkeiten.

"Die Weite war jetzt nicht so zufriedenstellend, Platz drei ist in Ordnung in diesem Feld", sagte Craft. Es sei "heute alles ein bisschen schwierig gewesen". Sie habe keine Geschwindigkeit aufbauen können. "Nach der EM fällt die Spannung so ein bisschen ab. Ich habe noch einen Wettkampf. Ich versuche, jetzt nochmal alles zu mobilisieren und die Saison mit einer guten Weite zu beenden", so Craft.

Unübersehbar k.o. kam auch Gina Lückenkemper zum Sportschau-Interview. Die Sprinterin vom SCC Berlin lief zum Istaf-Abschluss im 100-Meter-Finale auf Platz zwei hinter Sabrina Dockery aus Jamaika (11,13 Sekunden) - und rückte in 11,22 Sekunden ganz nah an ihre Bestleistung in einer komplizierten Saison heran.

"Es ist total schön, aber auch unfassbar schwer. Birmingham hat mir komplett den Stecker gezogen - einfach emotional", sagte die 29-Jährige: "Wir waren mit den Kurz-Sprintern von Anfang bis Ende dauerhaft im Einsatz und es war von einem Auf und Ab geprägt. Das ist nicht zu unterschätzen, was das mit einem auch mental veranstaltet." Der Abschluss mit zwei Rennen beim Istaf (Lückenkemper war auch Teil der Mixed-Staffel über 4x100-Meter) sei "echt hart" gewesen. Die Stimmung sei jedoch der Grund, sich "nochmal zusammenzureißen". Denn die sei bei "ihrer Herzensangelegenheit" Berlin nunmal einfach "einmalig, genial, gut".

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