Leihmutterschaft: Laut Kinderpsychiater entscheidet nicht die Biologie über das Kindeswohl - sondern das Verhalten der Eltern
Die Debatte über Leihmutterschaft wird oft leidenschaftlich geführt. Dabei geht es nicht nur um ethische und rechtliche Fragen, sondern auch um eine sehr sensible Sorge: Wie geht es den Kindern, die durch Leihmutterschaft geboren werden? Entwickeln sie häufiger psychische Belastungen, Identitätskonflikte oder Schwierigkeiten in ihrer Beziehung zu den sozialen Eltern? Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht lautet die wichtigste Antwort zunächst: Die Forschung ist noch begrenzt, und einfache Urteile sind nicht seriös. Aber es gibt durchaus Hinweise darauf, welche Faktoren für die Entwicklung eines Kindes bedeutsam sein können. Prof. Michael Schulte-Markwort ist Psychiater, Psychotherapeut und Universitätsprofessor mit Fokus auf Konzepte partizipativer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Leihmutterschaft: Forschungslage ist gemischt Zunächst ist festzuhalten, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie heute nicht von einem grundsätzlich erhöhten Risiko ausgeht, nur weil ein Kind durch Leihmutterschaft geboren wurde. Entscheidend sind nach heutigem Wissensstand vor allem andere Bedingungen: Wie stabil ist die Bindung zu den Bezugspersonen? Wie offen wird über die Entstehungsgeschichte gesprochen? Wie sorgfältig wurde die Schwangerschaft begleitet? Und wie geht das soziale Umfeld mit dem Thema um? Studien, die Kinder aus Leihmutterschaft begleiten, zeigen insgesamt eher ein gemischtes, aber keineswegs alarmierendes Bild. Viele Kinder entwickeln sich psychisch unauffällig, wenn sie in einem liebevollen, verlässlichen und nicht geheimnisbeladenen Familienumfeld aufwachsen. ANZEIGE ANZEIGE Es könnten Identitätskonflikte entstehen Die oft formulierte Sorge vor Identitätskonflikten ist dennoch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Für Kinder ist es wichtig, ihre Herkunft nachvollziehen zu können. Das gilt für alle Kinder, aber besonders dann, wenn biologische, genetische und soziale Elternschaft auseinanderfallen. Wenn ein Kind später das Gefühl bekommt, dass wichtige Informationen über seine Herkunft verschwiegen oder verharmlost wurden, kann das Verunsicherung auslösen. Nicht die Leihmutterschaft selbst ist dann das Problem, sondern das Erleben von Unklarheit, Tabuisierung oder Loyalitätskonflikten. Ein Kind fragt sich irgendwann: Wer hat mich ausgetragen? Wer wollte mich? Wer ist meine Mutter? Solche Fragen sind nicht krankhaft, sondern Teil normaler Identitätsentwicklung. CDU: „Schwierigkeiten bei der Selbstfindung des Kindes“ 2020 argumentierte das Bundesgesundheitsministerium unter Spahns Führung, dass die sogenannte „gespaltene Mutterschaft“ das Kindeswohl gefährdet. Dabei stellt eine Frau eine Eizelle zur Verfügung, während eine andere Frau das Kind austrägt. Laut CDU könne das dazu führen, dass „Schwierigkeiten bei der Selbstfindung des Kindes“ entstehen, welche „negative Auswirkungen auf dessen Entwicklung“ habe. Sogar eine „Gefährdung des Kindeswohls“ wird in den Raum gestellt. Der Begriff einer „gespaltenen“ Mutterschaft beschreibt genau diese Trennung zwischen Schwangerschaft, genetischer Abstammung und sozialer Elternrolle. Kinder bauen ihre Selbstwahrnehmung nicht nur aus Fakten auf, sondern auch aus inneren Bildern: Wer war für mich da, bevor ich geboren wurde? Wer hat mich gewollt? Wer hat mich versorgt? Wenn diese Ebenen auseinanderfallen, kann das für manche Kinder komplex werden. Schwierig wird es vor allem dann, wenn Erwachsene versuchen, die Unterschiede kleinzureden oder zu überdecken. Dann entsteht nicht Klarheit, sondern ein psychischer Nebel. Die CDU-Formulierung von möglichen „Schwierigkeiten bei der Selbstfindung“ ist deshalb nicht völlig unplausibel, klingt aber pauschaler, als es die Datenlage hergibt. Wissenschaftlich exakt wäre: Es „kann“ zu Belastungen kommen, wenn Herkunft, Bindung und Kommunikation nicht kindgerecht gestaltet und gehalten werden. Beziehung zur Leihmutter kann positiv sein Besonders bedeutsam ist die Frage nach dem Kontakt zur Leihmutter. Wenn Jens Spahn angekündigt hat, die Leihmutter solle eine Rolle im Leben des Kindes spielen, ist das aus kinderpsychiatrischer Sicht nicht automatisch problematisch — im Gegenteil. Ein respektvoller, transparenter Kontakt kann für manche Kinder entlastend sein, weil er die Herkunftsgeschichte nachvollziehbar macht. Kinder profitieren oft davon, wenn ihre Lebensgeschichte nicht aus Lücken besteht. Eine offene Beziehung kann helfen, Fantasien und Ängste zu reduzieren. Sie kann dem Kind signalisieren: Du darfst wissen, woher du kommst, ohne dass dadurch deine Familie bedroht wird. Aber auch hier gilt: Nicht jede Nähe ist automatisch gut. Entscheidend ist, dass die Erwachsenen klare Rollen haben und keine Verwirrung erzeugen. Wenn die Leihmutter regelmäßig als zusätzliche Mutterfigur auftritt, ohne dass die Zuständigkeiten für das Kind klar sind, kann das zu Unsicherheit führen. Für Kinder ist Verlässlichkeit meist wichtiger als maximale Offenheit. Ein Kontakt kann also hilfreich sein, wenn er ruhig, kindgerecht und vorhersehbar gestaltet wird. Er kann belastend sein, wenn er konflikthaft, widersprüchlich oder emotional überfrachtet ist. Am Ende entscheiden Bindung und Stabilität Unterm Strich ist die kinder- und jugendpsychiatrische Perspektive weder ideologisch noch moralisch, sondern entwicklungsbezogen. Entscheidend sind: Bindung Transparenz Stabilität emotionale Qualität der Beziehungen Leihmutterschaft ist für die psychische Entwicklung eines Kindes nicht per se schädlich. Aber sie stellt erhöhte Anforderungen an die Erwachsenen, die Herkunft des Kindes ehrlich, respektvoll und ohne Geheimniskrämerei zu gestalten. Denn Kinder brauchen nicht perfekte Biografien. Sie brauchen verständliche, sichere und glaubwürdige Beziehungen. Der wichtigste Maßstab ist am Ende nicht, ob ein Modell den Erwachsenen gefällt. Sondern ob das Kind darin später sagen kann: ich bin gemeint, ich bin geliebt und mit meiner Geschichte wurde verantwortungsvoll umgegangen, so dass ich sie und mich verstehe.