Lektion – Norwegen zeigt, wie Geldanlage wirklich funktioniert
Audioplayer wird geladen Anzeige Von den Besten lernen – das sollte der Anspruch der deutschen Politik im Allgemeinen sein. Vieles, was in Deutschland nur mittelmäßig oder eher schlecht läuft, haben andere Länder längst viel besser organisiert. Auf dem Feld der Finanzen lässt sich das zum Beispiel für die kapitalgedeckte Altersvorsorge sagen. In zahlreichen Staaten reichen die umlagefinanzierten oder auch steuerfinanzierten Renten nicht aus, um den Lebensstandard zu sichern. Viele erfolgreiche Volkswirtschaften haben in den vergangenen Jahrzehnten damit begonnen, sogenannte Staatsfonds einzurichten. Staatsfonds sind Investmenthäuser, die treuhänderisch am Kapitalmarkt investieren und so möglichst hohe Erträge erwirtschaften, die für Renten oder andere staatliche Ausgaben herangezogen werden können. Von Norwegen über Abu Dhabi bis Singapur verwalten Staatsfonds teils mehrere Hundert Milliarden Euro und erwirtschaften bedeutende Renditen. Sie zeigen, dass die Kapitalmärkte den allgemeinen Wohlstand mehren können. Anzeige Im Zuge des Rentenpakets der Bundesregierung soll ab 2028 eine kapitalgedeckte Komponente eingeführt werden. Wie genau die sogenannte Kapitalrente ausgestaltet werden soll, steht bislang nicht fest. Finanziert werden soll sie durch eine schrittweise Anhebung der Rentenbeiträge um zwei Prozentpunkte bis 2032. Ein Konzept sieht vor, die Einnahmen aus den zusätzlichen Beiträgen dem Staatsfonds Kenfo zur Verwaltung anzuvertrauen. Erfolgreichste Staatsfonds haben Langfriststrategie Der 2017 gegründete Kenfo ist als erster deutscher Staatsfonds dafür verantwortlich, die Zwischen- und Endlagerung des deutschen Atommülls zu finanzieren. Dafür stellt er jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro zur Verfügung. Im internationalen Vergleich ist sein Volumen mit 25,6 Milliarden Euro zwar bescheiden, trotz Auszahlungen von 5,3 Milliarden Euro liegt das Vermögen aber über der ursprünglich eingezahlten Summe von 24,1 Milliarden Euro. Sollte der Kenfo künftig auch für die Kapitalrente zuständig sein, könnte der deutsche Staatsfonds in den 2030er-Jahren aber leicht für das Management einer dreistelligen Milliardensumme zuständig sein. Anzeige Dabei zeigen die weltweit erfolgreichsten Staatsfonds, wie man es richtig macht und was private Anleger in Sachen langfristige Geldanlage von deren Expertise lernen können. Den Goldstandard der Staatsfonds liefert Norwegen. Im Auftrag der norwegischen Regierung verwaltet die Zentralbank des Landes, die Norges Bank, seit knapp drei Jahrzehnten die üppigen Staatseinnahmen aus Öl- und Gaskonzessionen. Dieses wachsende Volksvermögen haben die Zentralbanker gut verwaltet. Das offiziell Government Pension Fund Global (GPFG) oder auf Norwegisch Statens pensjonsfond utland genannte Vehikel hat seit dem Beginn der Investment-Phase 1998 einen durchschnittlichen Wertzuwachs von 6,6 Prozent pro Jahr erzielt. Dank laufender Zuflüsse aus den Öl- und Gaskonzessionen, vor allem aber dank der Renditen, ist das Volksvermögen auf rund 1,9 Billionen Euro angewachsen. Für das kleine Norwegen ist das eine gewaltige Summe. Rein rechnerisch stehen jedem Norweger über den Ölfonds mehr als 340.000 Euro zu. Besonders renditehungrigen Börsianern mögen die 6,6 Prozent pro Jahr niedrig vorkommen, allerdings ist das eine Wertentwicklung über die verschiedenen Auf- und Abbewegungen der Kapitalmärkte hinweg. Außerdem lautet das Ziel des norwegischen Staatsfonds oder „Ölfonds“ nicht Ertragsmaximierung, sondern Sicherung der Renten. Lesen Sie auch Das Portfolio des Staatsfonds bestand zuletzt zu rund 71 Prozent aus Aktien, zu 27 Prozent aus Anleihen und zu gut zwei Prozent aus Immobilien und Infrastruktur. Der Aktienanteil des Depots verteilt sich auf beeindruckende 7200 Unternehmen aus 60 Ländern. Bei den Renten sind es rund 1600 einzelne Bonds aus 48 Ländern. Alle diese Positionen sind auf der Internetseite des Fonds einzusehen und können heruntergeladen werden. „Der Fonds investiert dabei nicht in norwegische Titel, da die großen Investitionsvolumen zu starke Auswirkungen auf die Kurse hätten“, erklärt Andreas Görler, Geldmanager bei Pruschke & Kalm in Berlin. Auch in Rohstoffe wird nicht investiert: „Rohstoffe sind ja die eigentliche Einnahmequelle, und man würde damit die Diversifikationseffekte reduzieren.“ Sprich: Der Ölfonds soll nicht noch am Ölpreis hängen. Staatsfonds Adia erzielt jährlich 7,1 Prozent Rendite Eine andere Anlagepolitik verfolgt der chinesische Staatsfonds Safe. Die State Administration of Foreign Exchange (Safe) verwaltet Vermögenswerte von rund 1,7 Billionen Euro und ist für die Anlage eines Großteils der chinesischen Währungsreserven zuständig. Anders als der norwegische Staatsfonds investiert Safe nicht nur in Aktien und Anleihen, sondern auch stark in alternative Anlagen, die inzwischen knapp ein Drittel des Portfolios ausmachen. Im Unterschied zu Norwegens Ölfonds veröffentlicht Safe nur wenige Details zu seinen Investments. Noch stärker setzen die Staatsfonds der Golfregion auf alternative Anlagen. Der Staatsfonds Adia aus Abu Dhabi investiert seit Jahrzehnten weltweit in Aktien, Anleihen, Immobilien, Infrastruktur, Hedgefonds und Private Equity. Der 1976 gegründete Fonds gehört zu den Pionieren unter den großen Staatsfonds und weist eine annualisierte Rendite von 7,1 Prozent über 30 Jahre aus. Angaben zum aktuellen Fondsvermögen veröffentlicht Adia nicht. Der saudische Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) verfolgt einen spezifischen Ansatz. Neben Renditezielen soll er auch den ökonomischen Umbau des Königreichs vorantreiben. Der Fonds investiert deshalb gezielt in neue Branchen außerhalb des Ölsektors, fördert Großprojekte und beteiligt sich an Unternehmen im In- und Ausland. Zum Jahresende 2025 verwaltete der PIF Vermögenswerte von umgerechnet knapp 800 Milliarden Euro. Einen wiederum anderen Schwerpunkt setzt der singapurische Staatsfonds GIC. Der Fonds verwaltet einen Teil der Währungsreserven des Stadtstaats und misst seinen Erfolg nicht primär an Jahresrenditen, sondern an der langfristigen Wertsteigerung nach Inflation. In dem 20-Jahres-Zeitraum bis Frühjahr 2026 erzielte GIC eine annualisierte reale Rendite von 3,4 Prozent pro Jahr, nominal waren das 5,6 Prozent. Statt auf maximale Rendite konzentriert sich der Fonds auf Widerstandsfähigkeit und breite Diversifikation über Regionen, Branchen und Anlageklassen hinweg. Lesen Sie auch So unterschiedlich die Ansätze dieser Staatsfonds sind, sie alle haben gezeigt, dass sich Renten langfristig über den Kapitalmarkt aufbessern lassen. Je nach Fokus oder Schwerpunkt konnten die Fonds langfristig zwischen sechs und acht Prozent Wertzuwachs pro Jahr schaffen. In der Größenordnung liegt zum Beispiel auch der Kenfo, der für letztes Jahr 6,2 Prozent Rendite ausweist. An den teils jahrzehntelangen Erfahrungen Norwegens, Chinas, der Golfregion und Singapurs können sich die Deutschen orientieren, wenn der Kenfo im Zuge der Kapitalrente zu einem großen Staatsfonds ausgebaut wird. „Für Deutschland ist Norwegens Staatsfonds das wichtigste Vorbild“, findet Nicolas Pilz von der Societas Vermögensverwaltung in Düsseldorf, und zwar nicht wegen des Öls (das es ja hierzulande nicht gibt), sondern wegen der Disziplin: global investieren, langfristig denken und sich nicht von jeder Börsenkrise verrückt machen lassen. Auch Singapurs GIC zeigt aus seiner Sicht eindrucksvoll, wie professionelles und unabhängiges Investieren funktioniert. Vermögensverwalter Görler rät, sich die eigentliche Funktion der Staatsfonds in Erinnerung zu rufen, nämlich die regelmäßige, monatliche Auszahlung von Renten für die Bevölkerung: „Dann werden keine extrem hohen Renditen benötigt, aber eine gewisse Stabilität ist wichtig.“ In einem solchen Portfolio sei die Aktienquote vielleicht etwas niedriger als in einem Depot für einen jungen Anleger, der für die eigene Altersvorsorge spart. Grundsätzlich gehe es darum, ein stabiles Chance-Risiko-Profil über breite Diversifikation aufzubauen – und das sollten auch Privatanleger beherzigen. Wegen der enormen Zahl an Einzelinvestments lässt sich die Strategie des norwegischen Ölfonds nicht eins zu eins kopieren. Es gibt jedoch günstige Aktien- und Anleihen-ETFs, die Tausende von einzelnen Titeln enthalten und damit eine ähnlich große Diversifizierung erzielen. Der SPDR MSCI ACWI IMI (WKN: A1JJTD) bringt es auf fast 5000 enthaltene Unternehmen, der iShares Core Global Aggregate Bond EUR Hedged (WKN: A2H6ZT) zählt fast 20.000 einzelne Zinspapiere. Nimmt man solche Produkte in der entsprechenden Gewichtung zusammen, kommt man als Privatanleger langfristig in die Nähe einer breit gestreuten Staatsfonds-Strategie – bei einem insgesamt begrenzten Risiko. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt. Daniel D. Eckert ist seit 2002 Finanzredakteur in Berlin. Er ist Investor aus Leidenschaft und berichtet über Geldanlage, Aktien und ETFs, Vermögen und Reichtum, Gold, Bitcoin sowie Kryptowährungen. Er ist Co-Host des WELT-Podcasts „Alles auf Aktien“.