Lesen im Strobolicht: Thrillerautor Sebastian Fitzek feiert Jubiläum in der Waldbühne
Er liest dort, wo sonst Rockstars ihre Konzerte feiern. Gleich zu Beginn kommt er dem Publikum ganz nah. In schwarzer Bomberjacke und Jeans geht Sebastian Fitzek mit dem Mikrofon durch die Sitzreihen. Wer nicht aus Berlin kommt, will er wissen? Unerwartet viele Fans jubeln. Im Schnitt 150 Kilometer sind sie gefahren, einer aus Gießen. Fitzek rechnet vor, was 20 Jahre Psychothriller bedeuten. 40 Bücher, rund 69 Morde, 27 Serienkiller und genau eine Sexszene. Ein Zuschauer errät sogar in welchem Thriller: Es ist "Der Augensammler". Dass er heute hier steht, hat für Fitzek eine lange Vorgeschichte. Am 18. Mai 1986 stand er selbst als 14-Jähriger in dieser Waldbühne bei Depeche Mode. Eigentlich sei er wegen der Vorband dort gewesen, erzählt er, einer Schülerband von der eigenen Schule. Damals wollte er Musiker werden. Dann legt sich eine große Ruhe über die Waldbühne. Fitzek setzt sich auf eine Bank und liest die ersten Sätze aus "Die Therapie", seinem Debüt von 2006. Er gibt seinen Charakteren eigene Stimmen und Gesten, wechselt Tempo und Tonfall, zieht so das Publikum in seinen Bann. Für zusätzlichen Nervenkitzel sorgt eine Band, bedrohlich dumpfe, wummernde Synthesizer-Bässe, dazu E-Gitarre und Drums. Einer Frau klappt die Kinnlade herunter, als würde sie den Thriller direkt vor Augen sehen. Die Waldbühne bleibt komplett still, um ja keinen Satz zu verpassen. Als ersten und jüngsten Gast holt Fitzek Ayla Uluçam auf die Bühne. Mit zwölf hat sie den Bundesvorlesewettbewerb gewonnen - gegen eine halbe Million Bewerber. Als Preis gibt es sonst die Lesung eines Kinderbuchautors an der eigenen Schule, doch sie wünschte sich stattdessen Fitzek. Er kam nach Tempelhof-Mariendorf und war begeistert. An diesem Abend sitzen der Starautor und die 13-Jährige an einem dunklen Gartentisch und lesen mit verteilten Rollen aus "Der Nachbar", Fitzeks jüngstem Thriller, der in Spandau spielt. Ob sie schräg angeschaut werde, wenn sie sage, sie lese am liebsten Psychothriller, fragt Fitzek. "Ja", antwortet sie trocken, mit 13 sei das etwas unerwartet. Inzwischen spricht Ayla Uluçam bei einem großen Hörbuch-Anbieter die Hermine Granger in der neuen Harry-Potter-Reihe. Raum bekommen an diesem Abend auch die Kritiker. Dafür holt Fitzek seine alte Schülerband zurück. Ihr letztes Konzert liegt 37 Jahre zurück. Gemeinsam vertonen sie die schärfsten Verrisse aus dem Netz, gereimt und auf die Melodie von "Skandal im Sperrbezirk", nur singt die Band "Skandal um Fitzi". Auf den Bildschirmen erscheinen Kommentare: "Der Typ ist ein gestörter Mann", schreibt einer bei Facebook. "Kann den Hype echt nicht verstehen", heißt es bei Instagram. Unter einer Ein-Stern-Rezension fragt jemand: "Was macht sein Lektor beruflich?" Und schon 2007, ein Jahr nach dem Debüt, urteilt eine Leserin bei einem Buchhändler: "Zu Anspruchsvoll! Muss ich echt für so einen Quark studieren?" An diesem Abend richten sich 20 Kameras nicht auf die Bühne, sondern auf die Ränge. Die Aufnahmen beobachtet Dirk Eilert, Emotionsforscher und Wirtschaftspsychologe, in einem Überwachungswagen, vor einer Wand aus Monitoren. Fitzek stellt ihn als den Mann vor, der Gesichter lese wie andere "eine Zeitung". Eilert hat den Autor beim Thriller "Mimik" beraten. Ohne ihn, sagt Fitzek, hätte er das Buch nicht schreiben können. Für Eilert startet die Kiss-Cam, wen sie filmt, soll sich vor laufender Kamera küssen. Dazu singt Rea Garvey "Kiss Me". Später tritt Eilert selbst ins Rampenlicht. Er spielt zehn Sekunden aus einem Speed-Dating ein und lässt die Waldbühne raten, ob die Frau ihr Gegenüber wiedersehen will. Die Mehrheit tippt auf Nein und liegt daneben. Danach löst er auf, erst wandert ihr Blick zwischen Augenbrauen und Mund, ein Dreiecksblick, der für sich wenig verrät. Entscheidend sei, was folge, ein Lächeln, bei dem die Augen mitlachen, dazu ein leicht zur Seite geneigter Kopf. Dann zeigt Eilert, was seine Kameras in der Waldbühne gefunden haben. Größter Applaus für eine Frau, die ihren Begleiter vor Glück in die Stirn beißt. Dafür gebe es einen Fachbegriff, sagt Eilert, cute aggression. Gemeint ist, wenn jemand so süß sei, dass "man ihn auffressen möchte". Rea Garvey spielt an diesem Abend gleich drei Lieder. Eines davon, "Rose", hat er für Fitzeks Roman "Playlist" geschrieben, für den namhafte Musiker eigene Stücke beisteuerten. "Und ich habe ihn so regelrecht gestalkt, immer wieder zufällig am Flughafen, beim Arzt, und hab immer gesagt: 'Hey Rea, könntest du nicht einen Song zur Playlist beisteuern?' ", erzählt Fitzek. Garvey nimmt es als Kompliment: "Ich habe mich total geehrt gefühlt, gefragt zu sein, und ich liebe dieses Lied." Nach der Kiss-Cam sagt er: "Ich glaube, wir sind alle der Meinung, wir brauchen mehr Liebe in dieser Welt, und es ist schön, das hier heute zu spüren". Mit "Rivers" stellt Garvey außerdem einen neuen Song erstmals live vor. Leicht gezupfte Akkorde auf der Akustikgitarre untermalen die nächste Szene: Fitzek liest aus Michael Endes "Die unendliche Geschichte". Das Buch habe er als Kind so oft aus der Schulbibliothek geliehen, dass die Bibliothekarin es ihm irgendwann schenkte. Ohne dieses Buch, sagt er, wäre er nie Schriftsteller geworden. Dann schieben sich die beweglichen Bildschirmwände beiseite und geben den Blick frei auf Laith Al-Deen. Der singt seinen Hit "Bilder von dir" um, zu "Bücher von dir". Fitzek feiert das als "Michael-Ende-Jubiläumsfassung". Der Abend feiert nicht nur Bestseller: Fitzek erzählt, wie seine Mutter das Manuskript der "Therapie" an 15 Verlage schickte, weil er selbst sich nicht traute. Zwölf sagten ab, drei meldeten sich nie. Im vergangenen Jahr hat er den Test wiederholt - dasselbe Buch, unverändert, unter dem erfundenen Namen Milan Tarin und dem Titel "Die Lüge des Delfins". Wieder trudelten die Absagen ein, mit langen Erklärtexten zum Verlagsprogramm. Nur sein eigener Haus-Verlag durchschaute den Scherz. Knapp 20.000 Menschen seien an diesem Abend hier, sagt Fitzek und lässt das Licht hochfahren. Rund die Hälfte von ihnen werde im Laufe des Lebens mit einem Verbrechen konfrontiert, als Opfer oder als Zeuge. Er erinnert im gleichen Atemzug an den Weissen Ring, der größten Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Fitzek ist Botschafter des Weissen Rings. Auf das Feuerwerk zum Jubiläum verzichtet er und spendet die 25.000 Euro für beide Abende stattdessen an die Hilfsorganisation. Tosender Beifall!