Lesen, Rechnen, Konzentration: Warum vielen Schülern Grundlagen fehlen
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Lesen, Rechnen, Konzentration: Warum vielen Schülern Grundlagen fehlen
Von: Frank Zacharias
Schlechte PISA-Ergebnisse, wachsende Defizite beim Lesen und Rechnen, sinkende Konzentrationsfähigkeit: Schulleiter aus dem Volmetal analysieren die Ursachen der Bildungskrise und sagen, was sich dringend ändern muss.
Meinerzhagen – Es gab Zeiten, in denen der Begriff Pisa für Pädagogen lediglich den letzten Toskana-Urlaub in Erinnerung rief. An den schiefen Turm, die pittoreske Altstadt oder den Bummel am Ufer des Arno. Damit ist es seit dem Jahr 2001 vorbei. Vor 25 Jahren wurde erstmals das Ergebnis der sogenannten PISA-Studie vorgestellt. Einer Leistungserhebung unter 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in den Mitgliedsländern der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Seitdem verbinden nicht nur Lehrkräfte das Wort Pisa vor allem mit Negativ-Schlagzeilen – die es auch in diesem Jahr wieder gab. Und zu denen auch die heimischen Schulleiterinnen und -leiter auch jetzt wieder eine klare Meinung haben.
Denn die Ergebnisse aus dem Vorjahr zeigen: Die Bildungsleistungen der 15-Jährigen in Deutschland haben sich weiter verschlechtert. In allen getesteten Bereichen wurden die bislang niedrigsten Werte seit Beginn der Vergleichsstudien gemessen. Inzwischen erreicht demnach etwa ein Drittel der Jugendlichen in Mathematik und Lesen nicht mehr das geforderte Mindestniveau. Damit setzt sich der seit Jahren zu beobachtende Negativtrend fort.
Sven Dombrowski, Schulleiter des Evangelischen Gymnasiums Meinerzhagen, sieht die schwachen PISA-Ergebnisse auch als Folge eines veränderten Medien- und Freizeitverhaltens. Lesen und Rechtschreibung müssten heute stärker gefördert werden als früher, sagt er. Die Freude am Lesen und der Umgang mit längeren Texten hätten spürbar nachgelassen. Das sei allerdings kein Problem, das nur Jugendliche betreffe. „Der Trend macht auch vor Erwachsenen nicht halt. Ein Blick auf die SMS-Kultur genügt“, sagt Dombrowski.
Wer gut in Mathe ist, gilt nicht unbedingt als cool.
Das EGM versuche, Defizite möglichst früh zu erkennen und auszugleichen. Bereits in der fünften Klasse kämen im Rahmen eines „Werkstattkonzepts“ Sprach- und Lesestandtests sowie weitere Diagnoseinstrumente zum Einsatz. Allerdings spiele Sprachkompetenz bereits beim Aufnahmeverfahren eine wichtige Rolle. Eine gymnasiale Empfehlung allein reiche nicht, wenn bei Deutsch die Note Vier steht. „Sprachkompetenz ist essenziell“, sagt Dombrowski.
Eltern geben wichtige Impulse
Sorgen bereitet ihm aber auch die Entwicklung in Mathematik. Vor allem in den Jahrgangsstufen 8 bis 10 würden Defizite deutlich sichtbar. Die Ursachen lägen aber nicht allein in der Schule. Schon die Eltern würden verstärkt ein Bild des Faches zeichnen, das ihren Kindern die Motivation nehme. „Da heißt es dann schon früh: ,Ich konnte Mathe auch nie.´“ Gleichzeitig gelte mathematische Stärke unter Jugendlichen häufig nicht als erstrebenswert. „Wer gut in Mathe ist, gilt nicht unbedingt als cool“, bedauert der EGM-Schulleiter. Die Folge: Während sehr leistungsstarke Schülerinnen und Schüler erfolgreich gefördert würden, gehe die mittlere Leistungsgruppe zunehmend verloren. „Uns fehlt der Mittelbau“, bringt es Dombrowski auf den Punkt. Häufig gebe es nur noch die sehr Starken und die sehr Schwachen.
Entscheidend sei deshalb eine frühe Förderung. Der Schulleiter lobt ausdrücklich die Arbeit der Grundschulen, die mit immer heterogeneren Klassen umgehen müssten. Die Spannweite reiche von mathematisch Hochbegabten bis zu Kindern mit Dyskalkulie, von sicheren Deutschsprechern bis zu Schülerinnen und Schülern mit erheblichen Sprachdefiziten. Deshalb müsse deutlich mehr Geld, Zeit und Personal in die Grundschulen investiert werden. „An dem Sprichwort ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr‘ ist etwas dran“, betont Sven Dombrowski. Daher hält er auch ein verpflichtendes Kindergartenjahr für „immens wichtig“.
Zudem könnten Ganztagsangebote stärker für gezielte Förderung genutzt werden. Dombrowski verweist dabei auch auf einen Forderungskatalog, den die Herausgeber des Fachmagazins evido formuliert haben. In der Zeitschrift der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn werden zehn Punkte genannt, die als Konsequenz schnellstmöglich umgesetzt werden sollten (INFO-KASTEN). Für Sven Dombrowski ist klar: Investitionen in Bildung sind zugleich Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft der Gesellschaft.
Das fordern Experten
Folgende zehn Punkte haben Thomas Riecke-Baulecke, Ulrich Trautwein, Ties Rabe, Felicitas Thiel und Marco Haaf im Fachmagazin evido formuliert:
1. Frühzeitige Sprachförderung bereits im Vorschulalter ausbauen.
2. Neu zugewanderte Kinder gezielt und langfristig beim Deutschlernen unterstützen.
3. Lernstände regelmäßig erfassen, um Förderbedarf früh zu erkennen.
4. Lesen, Schreiben und Rechnen systematisch und verbindlich trainieren.
5. Mehr Unterrichtszeit für Deutsch und Mathematik, weniger Überfrachtung durch zusätzliche Projekte.
6. Wissenschaftlich gesicherte Standards für guten Unterricht festschreiben.
7. Verbindliche Mindeststandards für alle Schülerinnen und Schüler einführen.
8. Leistungsschwache gezielt fördern, aber auch besonders Begabte stärker fordern.
9. Künstliche Intelligenz und digitale Medien sinnvoll nutzen, Smartphone-Konsum begrenzen.
10. Schulaufsicht stärker auf Unterrichtsqualität und Lernerfolge ausrichten, Bürokratie abbauen.
Wenn das Gelesene nicht verstanden wird
Ähnlich wie Sven Dombrowski erkennt auch Christiane Dickhut, Schulleiterin der Rothensteinschule, eine nachlassende Lese- und Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler. Aufgabenstellungen würden zwar gelesen, ihr Sinn aber häufig nicht mehr vollständig erfasst. Sie nennt Beispiele aus dem Alltag: „Begriffe wie ,Beschreibe das Bild‘ oder ,Nimm Stellung dazu‘ bereiten manchen Jugendlichen bereits Schwierigkeiten.“ Deshalb werde sogenannter sprachsensibler Fachunterricht künftig immer wichtiger. Und auch in der Mathematik fehlten zunehmend wichtige Grundlagen. „Das kleine Einmaleins oder Kopfrechnen sind für viele längst keine Selbstverständlichkeit mehr“, sagt Dickhut. Statt selbst zu rechnen, werde häufig sofort zum Taschenrechner oder Smartphone gegriffen.
Als wesentliche Ursache für den allgemeinen Konzentrationsmangel sieht die Schulleiterin den veränderten Medienkonsum. Das ständige Wechseln zwischen kurzen Inhalten auf Smartphones und Tablets erschwere es vielen Jugendlichen, sich über längere Zeit mit einer Aufgabe zu beschäftigen. „Durch Inhalte zu klicken, funktioniert hervorragend. Sich auf eine Sache zu konzentrieren, dagegen immer schlechter“, beobachtet sie. Die Schule könne zwar gegensteuern, die Einflussmöglichkeiten seien jedoch begrenzt.
Durch Inhalte zu klicken, funktioniert hervorragend. Sich auf eine Sache zu konzentrieren, dagegen immer schlechter.
Wenn Jugendliche nach dem Unterricht stundenlang kurze Videos konsumierten, habe die Schule darauf kaum noch Einfluss. Dickhut würde sich deshalb deutlich strengere Regeln für die Nutzung digitaler Geräte wünschen. Aus ihrer Sicht sollten Smartphones und Tablets vor allem zum Recherchieren oder für Lernplattformen eingesetzt werden. Zwar werde das Thema Social Media auch im Unterricht behandelt. „Darüber zu sprechen ist das eine, gegen den Suchtfaktor anzukommen, aber etwas völlig anderes“, sagt sie. Dickhut beobachte, dass ältere Schüler in der Mittagspause sofort zum Handy greifen, sobald sie das Schulgelände verlassen haben. „So schnell kann man manchmal gar nicht gucken.“
Abseits der Debatte um einen verantwortungsvollen Umgang mit den sozialen Netzwerken (Dickhut: „Ein Social-Media-Verbot für Unter-13-Jährige wäre allemal wünschenswert!“) wünscht sich die Schulleiterin aber noch etwas: Zeit für die Schulen, Inhalte und Vorgaben nachhaltig umsetzen zu können. Lehrkräfte müssten Entwicklungen nachhaltig umsetzen und ihre Arbeit in Ruhe machen können, bevor bereits die nächste Reform oder Neuerung anstehe. „Das würde vielen Schulen helfen“, sagt Christiane Dickhut.