Lettland baut Drohnen-Abwehrwall gegen Russland
Mit teuren Luft-Luft-Raketen bewaffnete Kampfjets spielen bislang eine zentrale Rolle dabei, günstige Drohnen abzuschießen, die in den Nato-Luftraum eindringen. Doch dieses kostspielige Verhältnis müsse sich ändern, sagen Verantwortliche.
Das Nato-Mitglied Lettland baut entlang seiner gesamten Ostgrenze zu Russland einen von der Ukraine inspirierten, automatisierten Drohnen-Abwehrwall. Das System soll dafür sorgen, dass Kampfjets nur noch als letzte und nicht mehr als erste Verteidigungslinie eingesetzt werden, sagte der lettische Verteidigungsminister Raivis Melnis gegenüber BUSINESS INSIDER (BI). Bis Ende September soll das System fertiggestellt sein.
Ziel des Systems sei es, „jede Drohne, die einfliegt“, zu erkennen und unschädlich zu machen, sagte Melnis. Kampfjets sollen stattdessen nur noch als „zweites Mittel“ zur Drohnenabwehr dienen. Erst wenn eine Drohne den Abwehrwall durchdringt, sollen Nato-Kampfjets sie abfangen.
Drohnen mit Kampfjets kann teuer werden
Lettland versucht damit, ein Problem zu lösen, mit dem die gesamte Nato konfrontiert ist: Günstige Drohnen mit Kampfjets wie F-35, F-16 oder Rafale und deren Luft-Luft-Raketen abzuschießen, kann ausgesprochen teuer werden. Boden-Luft-Raketen können noch kostspieliger sein – und die Verteidiger damit langfristig vor ein kaum tragbares Kostenproblem stellen.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte sagte im Juni: „Langfristig können wir nicht weitermachen, indem wir Drohnen mit sehr teuren Abfangwaffen abschießen. Wir müssen also Abfangtechniken finden, deren Kosten ungefähr denen der Drohnen entsprechen.“
Auch die USA beschäftigen sich mit diesem Problem im Krieg mit dem Iran, wo einige iranische Drohnen mit ausgesprochen teuren Abfangraketen gestoppt wurden. Melnis sagte, es sei entscheidend, Drohnen mit einem „günstigen, aber zuverlässigen System“ zu stoppen. Abfangdrohnen, bei deren Entwicklung die Ukraine eine Vorreiterrolle übernommen hat, bezeichnete er im Vergleich zu einer Rakete als „günstige Technologie“.
Lettland baut Drohnenabwehr an der Nato-Grenze
Der neue Drohnenabwehrwall an der Grenze sei entscheidend, sagte Melnis. Denn letztlich handle es sich „nicht um eine russisch-lettische Grenze. Es ist eine Grenze zwischen Russland und der Nato, zwischen Russland und Europa.“
Zwar verlaufe dieser Abschnitt der russischen Grenze konkret entlang Lettlands, doch „wir sind Teil der Nato und ein Land der Europäischen Union“, sagte er. Jede Drohne, die diese Grenze überquert, „dringt in den Nato-Luftraum ein. Diese Drohne kommt nach Europa.“
Der Verteidigungsplan wurde von der Ukraine inspiriert. Dort wurden zahlreiche günstige Abfangdrohnen entwickelt, um russische Angriffsdrohnen zu stoppen, ohne dafür teure Flugabwehrraketen einsetzen zu müssen. Diese Entwicklung hat in Europa viele Staaten aufgeschreckt.
Lettland misst den Air-Policing-Missionen der Nato weiterhin große Bedeutung bei. Dabei stellen verschiedene Bündnispartner Flugzeuge und Piloten bereit, um den lettischen Luftraum zu schützen. Auf Wunsch Lettlands wurden diese Einsätze als Reaktion auf jüngste Drohnenvorfälle ausgeweitet.
Der russische Krieg gegen die Ukraine hat jedoch gezeigt, wo die Grenzen teurer Verteidigungssysteme gegen günstige Drohnen liegen: Drohnen können in großer Zahl gestartet werden und dadurch die Luftverteidigung überfordern.
Melnis zufolge sollen Soldaten bei dem neuen System nur noch „die endgültige Entscheidung zur Neutralisierung“ einer Drohne treffen. „Alles andere – Erkennung, Verfolgung und Start – läuft autonom“, sagte er. Dadurch könne Lettland mithilfe von Technologie die Zahl der Soldaten reduzieren, die für den Betrieb des Systems benötigt werden.
Nato setzt bei Drohnenabwehr auf Ukraine-Lehren
Nato-Staaten setzen zunehmend auf günstigere Luftverteidigungssysteme wie Abfangdrohnen und ziehen Lehren aus den Erfahrungen der Ukraine. Die meisten Länder sind allerdings noch weit davon entfernt, neue Lösungen in großem Umfang einzusetzen. Lettland kommt dabei besonders schnell voran.
Melnis sagte, Lettlands Verteidigungsplanung orientiere sich stark an den Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine. Dort hätten sich Abfangdrohnen mit einer „wirklich hohen Zuverlässigkeit und Abschussquote“ gegen russische Drohnen bewährt.
Lettland konzentriert sich intensiv darauf, sich auf eine mögliche russische Aggression vorzubereiten. Das Land sieht sich nach eigenen Angaben bereits hybriden Angriffen ausgesetzt, darunter Cyberangriffe, Brandstiftung, Spionage und Desinformationskampagnen. Moskau hat zudem mit militärischen Maßnahmen gegen das Land gedroht.
Melnis sagte, Lettland sehe derzeit weder eine direkte militärische Aggression Russlands noch eine konventionelle Bedrohung gegen Lettland oder ein anderes Nato‑Mitglied. Russland versuche jedoch, „unseren Zusammenhalt und unsere Einheit zu brechen und unseren Willen zu schwächen, die Ukraine zu unterstützen“.
Die Unterstützung der Ukraine, die Lettland in großem Umfang leistet, trage dazu bei, Lettland und den Rest der Nato zu schützen, sagte er. Sie hindere Russland daran, weiter vorzurücken und seine Streitkräfte wieder aufzubauen. Lettland analysiert deshalb die Erfahrungen der Ukraine auf dem Schlachtfeld genau und arbeitet mit ukrainischen Rüstungsunternehmen zusammen, um diese Erkenntnisse im eigenen Land umzusetzen.
Lettland müsse „diese Erfahrungen betrachten und dann entscheiden, welche bewährten Methoden wir übernehmen sollten“, sagte Melnis. Es gehe nicht darum, die Ukraine einfach zu kopieren. Die Ukraine könne der Nato vielmehr dabei helfen, „zu verstehen, wie man einen solchen Krieg führt, wie sie ihn gerade führt, und unsere Fähigkeiten so auszubauen, dass wir auf einen Krieg vorbereitet sind“. Ein Konflikt mit Lettland als Nato-Mitglied könne allerdings ganz anders aussehen als der Krieg in der Ukraine.