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Lichtverschmutzung im Schlafzimmer: So schädigt sie das Herz

Gesundheit

Schon länger wird es befürchtet, jetzt gibt es neue Hinweise: Künstliche Beleuchtung in der Nacht könnte die Herzgesundheit langfristig beeinträchtigen.

Vielerorts ist es selbst mitten in der Nacht nicht mehr richtig dunkel. Mindestens zwei Drittel der Menschheit lebt in lichtverschmutzten Regionen und kann daher beispielsweise nachts die Sterne der Milchstraße nicht mehr am Himmel erkennen.

Wegen der künstlichen Beleuchtung allerorten nimmt der nächtliche Lichtpegel jedes Jahr sogar noch um etwa zwei Prozent zu. Das ist nicht nur schade für Sternengucker. Lichtverschmutzung stört den natürlichen Licht-Dunkel-Rhythmus von Lebewesen. Sie gefährdet die Biodiversität und wahrscheinlich auch die Gesundheit des Menschen.

Bereits vor zehn Jahren stellte die American Heart Association die nächtliche Lichtexposition als Risikofaktor für die Herzgesundheit in die Reihe anderer schädigender Umwelteinflüsse wie Feinstaub, Verkehrslärm und Hitze. Allerdings: Studien, die eine individuelle Lichtbelastung mit Daten zur Herzgesundheit verknüpfen, fehlten bisher.

Der Epidemiologe Lu Qi und sein Team von der Tulane University in New Orleans haben das jetzt geändert: Sie lieferten in einer Studie Hinweise für eine mögliche herzschädigende Wirkung selbst geringer nächtlicher Lichtbelastung. In Abhängigkeit von der Lichtdosis fanden die Forschenden Gewebeveränderungen an den Herzkammern und bei hoher Lichtbelastung erhöhte Risiken für Herzschwäche, Vorhofflimmern, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Aus den Befunden resultierte auch eine erhöhte Sterblichkeit. "Es ist bereits bekannt, dass Licht in der Nacht negative Auswirkungen auf Tiere und Insekten hat. Daher ist es nicht überraschend, dass auch Menschen davon beeinträchtigt werden", sagt Jill Belch, an der Studie nicht beteiligte Gefäßmedizinerin der Universität Dundee, gegenüber dem britischen Science Media Centre.

Lichtverschmutzung hinterlässt Spuren am Herzen

Bisherige Studien hatten die nächtliche Lichtbelastung der Bevölkerung vor allem über Satellitendaten geschätzt. Das Team um Lu Qi erfasste sie dagegen direkt am Körper der Teilnehmenden. Die 11.071 Studienteilnehmenden (Durchschnittsalter 61 Jahre) trugen sieben Tage und Nächte lang einen Fitnesstracker am Handgelenk, der neben den Bewegungsdaten auch die Lichtexposition erfasste. "Nacht" definierten die Forschenden nicht wie in älteren Studien als einen definierten Zeitraum, etwa von 23 Uhr bis 6 Uhr. Sondern als die fünf Stunden in der Nacht, in denen die Teilnehmenden sich am wenigsten bewegten, also offensichtlich schliefen.

Drei Jahre später erhielten die Teilnehmenden ein Herz-MRT, das genaue Bilder vom Herzmuskel, den Herzkammern und -klappen liefert. Die Forschenden verglichen die MRT-Aufnahmen mit den Daten, die die Tracker zuvor erhoben hatten, und stellten einen dosisabhängigen Zusammenhang fest: "Jede Erhöhung der Lichtbelastung über drei Lux während der fünf aktivitätsärmsten Nachtstunden einer Person war mit messbaren, subtilen Herzschäden verbunden", fassen die Kardiologen Thomas Münzel, Marin Kuntic und Andreas Deibel vom Uniklinikum Mainz in einem Begleitartikel die Studienergebnisse zusammen. Drei Lux entsprechen etwa der Helligkeit draußen während der Dämmerung oder dem Streulicht, das in ein Zimmer fällt, wenn draußen die Straßenlaternen brennen.

Im Vergleich zu den Personen, die am dunkelsten geschlafen hatten, war bei Teilnehmenden mit der höchsten Lichtbelastung die linke Herzkammer um 2,4 Prozent größer, die Herzwand um 1,5 Prozent dicker und die Pumpleistung des Herzens um 1,9 Prozent verringert.

Die im MRT festgestellten Veränderungen sind gering. Allein aufgrund dieser Veränderungen würden Ärztinnen und Ärzte die Betroffenen nicht als herzkrank einstufen. Doch innerhalb von acht bis zehn Jahren zeigten sich in der Studie deutliche klinische Auswirkungen: Die Gruppe mit der höchsten nächtlichen Lichtbelastung hatte auf lange Sicht deutlich erhöhte Risiken für einen Schlaganfall, eine Herzschwäche, einen Herzinfarkt oder Vorhofflimmern.

Wie nächtliches Licht das Herz beeinflussen könnte

"Dies ist die erste Studie dieser Art, die zeigt, dass die Exposition gegenüber höherer Lichtintensität in der Nacht mit einem strukturellen Umbau des Herzens in Verbindung steht", sagt der Leiter der Forschungsarbeit, Lu Qi, in einer Pressemitteilung seiner Universität. Die Struktur und Funktion des Herzens verändere sich. Das beobachte man normalerweise als Reaktion auf chronischen Stress oder eine Schädigung des Herzens: "Es ist die Art und Weise, wie sich unser Körper an den Stress anpasst, doch letztendlich schwächt dies das Herz."

Das Team um Qi berechnete, dass sich 24 bis 49 Prozent der beobachteten Effekte auf das Herz auf eine verkürzte Schlafdauer zurückführen lassen. Die Teilnehmenden mit der höchsten nächtlichen Lichtbelastung schliefen im Durchschnitt 6,9 Stunden. Diejenigen, bei denen es nachts völlig dunkel war, schliefen 7,7 Stunden.

Nach Einschätzung der Mainzer Kardiologen Münzel, Kuntic und Deibel lassen sich die Herzveränderungen auch durch weitere biologische Mechanismen schlüssig erklären. Lichteinfall im Schlafzimmer kann die nächtliche Melatoninausschüttung unterdrücken und den Cortisolspiegel am Abend erhöhen. Dadurch könnten etwa Entzündungsprozesse ausgelöst werden.

Auch der Zucker- und Fettstoffwechsel sowie das Timing von Herzmuskelkontraktionen könnten beeinflusst werden. "Diese Ergebnisse decken sich mit stressbedingten Herzveränderungen, die mittels MRT bei Nachtarbeitern und bei Personen festgestellt wurden, die Fluglärm ausgesetzt sind", schreiben die Mainzer Fachleute.

Ein Zusammenhang, noch kein Beweis

"Keine Frage, die Studie ist gut gemacht und liefert interessante Ergebnisse", sagt Achim Kramer, Chronobiologe an der Charité in Berlin. Sie beweise aber keineswegs, dass die Lichtverschmutzung die Ursache für die beobachteten Veränderungen des Herzens sei.

Andere Fachleute sind ebenfalls skeptisch – vor allem den Schlussfolgerungen gegenüber, die die Studienautoren aus ihren Ergebnissen ziehen. "Lichteinwirkung in der Nacht kann die innere Uhr des Körpers stören und die Schlafdauer und die Schlafqualität beeinträchtigen", sagt etwa die Kardiologin Sonya Babu-Narayan von der British Heart Foundation. Da es sich hierbei jedoch um eine Beobachtungsstudie handele, lasse sich nicht nachweisen, dass das nächtliche Licht die Veränderungen in der Struktur und Funktion des Herzens direkt verursacht habe: "Die festgestellten Zusammenhänge bedeuten weder einen Kausalzusammenhang noch, dass die Befunde vermeidbar sind."

Durchaus denkbar sei es, dass andere, in der Studie nicht erfasste Faktoren zur beobachteten Herzschädigung beigetragen hätten. Achim Kramer nennt hier als Beispiel andere Krankheitsbilder wie schlafbezogene Atmungsstörungen (Schlafapnoe) oder auch psychische Leiden wie eine Depression, die mit Schlafstörungen einhergehen können. Er sagt aber auch: "Auch wenn die Zusammenhänge noch nicht klar sind: Mich persönlich motivieren Studien wie die aktuelle jedenfalls, es mir nachts schön dunkel zu machen."

Gute Grundlage für weitere Forschung

Die Studie liefere Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Dunkelheit und kardiovaskulärer Gesundheit, meint auch der Pharmazeut Karl Lawrence vom King's College London. Doch die Behauptung, die Dunkelheit sei bezogen auf das Herz ein ähnlich wichtiger Faktor wie saubere Luft oder wie die Blutdruckkontrolle, sei überzogen. Die Studie sei eine gute Grundlage für weitere Forschung. Weitere Untersuchungen zu den Auswirkungen von Lichtverschmutzung auf die Gesundheit müssten deshalb folgen.

Auch die drei deutschen Kardiologen der Uniklinik Mainz sehen viele offene Fragen: Zukünftige Studien sollten die Lichtmessung mit weiteren Messwerten direkt kombinieren, wie etwa der Menge an Melatonin im Blut, dem Blutdruck, Entzündungsstoffen und oxidativem Stress. Lichtverschmutzung wirke sicher nicht isoliert. Häufig liege eine Kombination aus Licht, Verkehrslärm und Luftverschmutzung vor. Spannend sei außerdem die Frage, ob sich der beobachtete Effekt wieder rückgängig machen lasse – etwa durch veränderte Schlafgewohnheiten in einem völlig dunklen Raum.

Die am stärksten gefährdete Gruppe sei von dieser Studie ausgeschlossen gewesen, schreiben Münzel, Kuntic und Deibel: "Schichtarbeiter, Säuglinge auf der Neugeborenen-Intensivstation, stationäre Krankenhauspatienten und Jugendliche mit starker nächtlicher Bildschirmnutzung sind wahrscheinlich der höchsten Belastung ausgesetzt." Womöglich hätte man gerade bei diesen Personengruppen die stärksten negativen Auswirkungen auf das Herz gesehen.

Was tun gegen Lichtverschmutzung?

Die Lichtverschmutzung ist aus der Sicht der drei deutschen Kardiologen eines der wenigen Umweltrisiken, die Städte und Landkreise direkt angehen könnten, etwa mit abgeschirmten Leuchten, Warmspektrum-Glühbirnen und dimmbaren, bewegungsgesteuerten Straßenlaternen.

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Aber auch jeder persönlich kann etwas tun für die eigene innere Uhr: Dunkle Rollos oder Vorhänge im Schlafzimmer anbringen, digitale Anzeigen nachts abdecken, die Nachttischlampe mit warmfarbigem Licht ausstatten. Handy weglegen, Computer rechtzeitig aus, lieber ein Buch zur Hand nehmen vor dem Einschlafen. Auch insgesamt empfiehlt es sich, auf die Lichtexposition zu achten. Gut schläft, wer tagsüber nach draußen geht, wer regelmäßig (und nicht zu spät am Abend) isst und sich regelmäßig bewegt.

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Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter.

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Verwendete Quellen

science.org: The new world atlas of artificial night sky brightness

science.org: Citizen scientists report global rapid reductions in the visibility of stars from 2011 to 2022

steady.page: Taktvoll: Licht als Verschmutzer - welche Rolle unsere Photonen für die Biodiversität spielen

ahajournals.org: Sleep Duration and Quality: Impact on Lifestyle Behaviors and Cardiometabolic Health: A Scientific Statement From the American Heart Association

European Heart Journal: Nighttime light exposure and cardiac structure and function

sciencemediacentre.org: expert reaction to observational study on light exposure at night and changes to heart structure and function

European Heart Journal: The dark night as a cardiovascular vital sign: personal light exposure, subclinical cardiac remodelling, and the urban exposome

Tulane University: Study: Even low levels of nighttime light exposure may weaken the heart

steady.page: Taktvoll: Aus dem Takt: Wie Bildschirme unsere innere Uhr beeinflussen

steady.page: Taktvoll: Lesen lohnt sich – 11 Tipps für mehr Buch im Leben

steady.page: Taktvoll: "Draußen fühlt man sich groß und frei wie die große Natur, die man vor Augen hat"

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