"Liebling Kreuzberg": Manfred Krug glänzte als Anwalt mit Charme
Zehnter Todestag: Manfred Krug - nicht nur im TV "auf Achse"
Stand: 21.10.2026 05:00 Uhr
Vom Publikum geliebt als Anwalt, Fernfahrer und Kommissar: Manfred Krug schlüpfte in unzählige Rollen. Auch als Jazzinterpret und Chansonsänger begeisterte er im Osten wie im Westen. Am 21. Oktober 2016 starb das Multitalent.
von Stefanie Grossmann
"Geben Sie mir mal den Wackelpudding. Wackelpudding beruhigt die Nerven." Millionen Zuschauer verfolgen ab 1986, wie Manfred Krug als Robert Liebling, ausgestattet mit Anglerhut und bunten Krawatten, mit solch ikonischen Sätzen immer etwas nonchalant auftritt. Die Rolle des unkonventionellen, schnoddrigen Berliner Anwalts schreibt ihm sein Busenfreund Jurek Becker sprichwörtlich auf den Leib. Die vom NDR mitproduzierte Serie entwickelt sich zu einem regelrechten Straßenfeger: Bis zu 47 Prozent Einschaltquote erreicht die ARD zur besten Sendezeit mit "Liebling Kreuzberg", das außerdem drei Grimme-Preise einheimst.
Kindheit zwischen Luftschutzkeller und Trümmerstädten
Manfred Krug kommt am 8. Februar 1937 in Duisburg zur Welt - an einem Rosenmontag. Sein Vater ist Eisenhütten-Ingenieur, kann aber bei Thyssen nur als Schmelzer im Stahlwerk malochen. 1940 zieht die Familie nach Hennigsdorf bei Berlin, dort befindet sich ein größeres Stahl- und Walzwerk. 1944 wird es bombardiert und zerstört. Als der Vater noch spät zum Einsatz an der Ostfront eingezogen wird und später in britische Kriegsgefangenschaft gerät, kümmert sich Oma Lisa um den kleinen Manfred. "Seine Kindheit: Heil Hitler. Luftschutzkeller. Trümmerstädte. Kinderbanden, schwarzer Markt und Handgranaten", schreibt "Die Zeit" im Nachruf auf Krug.
Manfred Krug ist lieber Schauspieler als Stahlschmelzer
Als Krug zwölf Jahre alt ist, siedelt der Vater nach der Scheidung mit dem Sohn in die neugegründete DDR nach Leipzig über. Mit 14 macht der Filius eine Lehre als Schmelzer im Stahlwerk Brandenburg - ein Knochenjob. Ein Spritzer des flüssigen Stahls hinterlässt die markante Narbe auf Krugs Stirn. Mit 17 schließt er die Ausbildung ab. Da weiß der 1,90-Meter-Mann längst, was er zukünftig machen möchte: schauspielern. 1954 beginnt er an der Staatlichen Schauspielschule in Ost-Berlin zu studieren. Wegen "disziplinarischer Schwierigkeiten" fliegt er nach anderthalb Jahren wieder von der Schule. 1955 kommt er als Schüler zum Berliner Ensemble. Als er 1957 seinen Abi-Abschluss nachholt, übernimmt er erste Rollen in DEFA-Filmen. Mit dem Lustspiel "Auf der Sonnenseite" (1962) feiert Krug einen ersten Erfolg.
Zu kritisch: SED lässt "Spur der Steine" 1966 verbieten
Mittlerweile lebt Krug in einer Wohngemeinschaft in der Ost-Berliner Cantianstraße 22 zusammen mit Freund und Schriftsteller Jurek Becker. Doch als beide nacheinander heiraten, löst sich die WG auf. Krug ehelicht 1963 Ottilie Schick. Das Paar bekommt drei Kinder. Im Juni 1966 prangt am Berliner Alexanderplatz ein Plakat mit Krugs Konterfei, das die Premiere von "Spur der Steine" von Frank Beyer ankündigt. Die DEFA setzt große Hoffnungen in den Film. Doch es kommt anders: Die SED um Walter Ulbricht lässt den DDR-kritischen Film kurzerhand verbieten. Erst 1989 darf er wieder gezeigt werden.
Manfred Krugs Platten genießen in der DDR Kultstatus
Krug dreht weiter Filme und macht sich in den 1960er- und 1970er-Jahren zudem einen Namen als Jazz-Sänger. Jazz gehöre für ihn zu den schönsten Kulturerfindungen des amerikanischen Brudervolkes, sagt er damals. Er geht auf Tourneen mit den Jazz-Optimisten, der Big Band von Klaus Lenz, und dem Günther Fischer Quintett. Krugs Platten genießen in der DDR Kultstatus. Doch seine Karriere endet jäh, nachdem er eine Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hat. In 20 Jahren spielt Krug in über 60 Filmen und Fernsehfilmen, bringt ein Dutzend Langspielplatten heraus. Dann bleiben jegliche Anfragen aus.
Krug macht Karriere mit "Auf Achse" und Tatort aus Hamburg
1977 siedelt Krug schließlich nach West-Berlin über. Auch im Westen etabliert er sich schnell als Darsteller: Von 1978 bis 1996 übernimmt er als herzensguter Trucker Franz Meersdonk die Hauptrolle in der ARD-Vorabendserie "Auf Achse". 1981 hat Krug seinen ersten Auftritt in der Sesamstraße. 1984 übernimmt er die Rolle des Hauptkommissars Paul Stoever im Tatort aus Hamburg. Mit Charles Brauer als Peter Brockmöller an seiner Seite dreht er 41 Folgen. Singend etablieren sie sich als die "Swinging Cops" am Sonntagabend. Einige Folgen erreichen knapp 16 Millionen Zuschauer und über 50 Prozent Marktanteil. "Wir machen noch zwei Jahre, dann machen wir'n Lafontaine" - so träumen die beiden Kommissare nach einem missmutig gelösten Fall über den Traum bereits vom Vorruhestand.
ARD Mediathek
Krug verabschiedet sich 2001 von Film und Fernsehen
Der kommt schneller als gedacht: 1997 erleidet Krug einen Schlaganfall. Deshalb ist 2001 schließlich Schluss beim Tatort, am 7. Januar läuft mit "Tod auf Scharhörn" die letzte Folge. Es ist zugleich sein Abschied vom Fernsehen. Krug und Brauer aber bleiben gute Freunde. In der Folge veröffentlicht er mehrere autobiografische Bücher, Erzählungen und nachgelassene Tagebücher. Und er widmet sich wieder seiner alten Passion, der Musik. Krug ist als Jazz- und Chansonsänger auf Tournee, 2003 nimmt er mit seiner Tochter Fanny Krug das Jazz-Album "Night And Day" auf.
Mit Bundesverdienstkreuz und Filmpreisen geehrt
Im Laufe seiner Karriere erhält Krug zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 1989 und 1990 bekommt er den Bayerischen Fernsehpreis als beliebtester Serienstar. 2010 wird er beim Filmkunstfest in Schwerin mit dem "Goldenen Ochsen" ausgezeichnet. "Ich habe so unheimlich vielen Schrott gemacht, das ist mir bewusst. Jubeln kann ich wirklich nur über 'Spur der Steine' als Film, das war sicherlich der beste Film, den ich die Ehre hatte, spielen zu dürfen", sagt er anlässlich der Preisverleihung. Im April 2013 überreicht ihm der damalige Bürgermeister Klaus Wowereit im Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Im Februar 2016 wird Krug im Rahmen der Berlinale mit dem Filmpreis "Paula" für seinen Lebenswerk geehrt.
Es ist einer seiner letzten Auftritte. Am 21. Oktober 2016 stirbt Krug im Alter von 79 Jahren in Berlin an einer Lungenentzündung.