Lina Beckmann brilliert im "Fremde Sonne"-Marathon
Stand: 29.09.2026 17:18 Uhr
Riesige Uraufführung in fünf Teilen am Hamburger Schauspielhaus: Das neue Antiken-Großprojekt "Fremde Sonne" mit Lina Beckmann und Devid Striesow unter der Regie von Intendantin Karin Beier. Ihr gelingt es, aus einer griechischen Sage die Geschichte der Gier unserer westlichen Zivilisation zu machen.
von Peter Helling
Die Texte zum neuen Antiken-Zyklus am Hamburger Schauspielhaus stammen vom zeitgenössischen Dramatiker Roland Schimmelpfennig. Medea ist im Antiken-Projekt von Regisseurin und Intendantin Karin Beier eine Geflüchtete, eine Fremde. Sie wird ihre Geschichte erzählen - und einen Sturm entfachen. Sie sagt: "Ich hab' nichts. Ich stehe hier, entwurzelt, ausgestoßen, verlassen und verhöhnt. Ihr wisst nichts über mich. Aber was mir geschieht, ist nirgends recht, hier nicht und dort nicht."
Lina Beckmann spielt Medea nicht, sie wird an diesem Abend zu Medea, verkörpert sie: Mit jedem Blick ins Publikum, jeder Geste, jedem Lachen. Was dieser einzigartigen Schauspielerin gelingt: Sie verhilft Medea zu ihrem Recht.
Zuschauer: "Lina Beckmann ist zum Niederknien"
"Lina Beckmann ist zum Niederknien, zum Lachen, zum Weinen, also ohne Worte", sagt eine Zuschauerin. "Ich bin wahnsinnig verzaubert von Frau Beckmann, sie macht das wahnsinnig gut", erzählt ein ergriffener Zuschauer. Und: "Wahnsinn! Die war topp, unglaublich!", schwärmt eine weitere Zuschauerin nach dem Schauspiel-Marathon.
Sagenwelt um Medea und Jason im Mittelpunkt
Im letzten der fünf Teile von "Fremde Sonne" steht die Sagenwelt um Medea und ihren Geliebten und letztlich ihren Verräter Jason im Zentrum. Devid Striesow spielt ihn. Er herrscht Medea an: "Du bist durch mich da, wo du sein wolltest, fernab der blutigen Dunkelheit, aus der du kommst."
Die Bühne ist so gut wie leer - vorne eine halb gemauerte Wand. Brüchige Fundamente. Hier reduziert die Inszenierung alles auf eine Frau, die Rache üben wird - und dabei ihre eigenen Kinder tötet. Das ist fast unerträglich anzusehen, obwohl dabei keine Gewalt gezeigt wird.
"Mir hat es nicht gefallen, wieweit die Kinder involviert waren, das hätte mehr verfremdet werden müssen", bemerkt eine Zuschauerin. "Wir haben es durchlebt! Wir können einen Wikipedia-Artikel aufschlagen und es uns in fünf Minuten durchlesen, und danach trinkt man einen Kaffee. Das geht aber nicht so unter die Haut", bemerkt ein weiterer. Die ganze Geschichte von "Fremde Sonne" beginnt beim Anfang der Welt.
Jason will das Goldene Vlies rauben
Ein Gott raubt und vergewaltigt eine schöne junge Menschenfrau, zeugt ein Fabelwesen: einen goldenen Widder. Dessen Fell wird als Goldenes Vlies so etwas wie der Heilige Gral der Antike. Jason, der Seefahrer, wird mit seinem Schiff Argo aufbrechen, um das Goldene Vlies zu rauben. Medea, deren Vater das Heiligtum hütet, wird ihm helfen und wird für ihn die Heimat verraten.
Es ist eigentlich unmöglich, die ganzen Verzweigungen, Regieeinfälle und das fabelhafte Licht ausreichend zu würdigen. Karin Beier gelingt es, aus einer griechischen Sage die Geschichte der Gier unserer westlichen Zivilisation zu machen. Gier nach Gold, Macht, Wissen.
Wir wissen nichts. Obwohl wir alles wissen. Dialog aus dem Antikenzyklus
Und: Sie verleiht Jason eine abgründige Vorgeschichte. Denn der wächst in einer Höhle bei einem Zentauren auf, halb Pferd, halb Mensch, ein geniales, aber bösartiges Wesen, das Erkenntnis lehrt - und Jason und all seine Schüler missbraucht.
Mirco Kreibich: Eine Albtraumfigur als Tänzer auf Pferdehufen
Mirco Kreibich ist neben Lina Beckmann das zweite Zentrum der Inszenierung. Wie er über die Bühne stöckelt, ein Tänzer auf Pferdehufen, ist er eine Albtraumfigur. Wer alle fünf Teile gesehen hat, wird förmlich hineingesogen.
Dennoch gelingt in diesem Zyklus nicht alles. Jasons Irrfahrt mit seiner Argo wird leider zu einer Fahrt in die lähmende Langeweile, ein überbordender, aber letztlich oberflächlicher Theater-Klimbim mit viel Kunstblut. Wenn ein Sturm aufkommt, spielen alle schweren Seegang, indem sie von links nach rechts rennen. Ein Zuschauer merkt an: "'Die Argonauten' fand ich zu lang, weniger wäre mehr gewesen".
Trotzdem: "Fremde Sonne" kommt in den letzten Teilen sehr in Fahrt. Vor allem ist dieser Zyklus ein Gleichnis frei nach Platon: Der Mensch bricht aus der Höhle des Unwissens in die Sonne der Erkenntnis auf. Dieses Aufbrechen wird hier aber zutiefst kritisch durchleuchtet: Jason sind wir alle. Medea ist die Gegenstimme. Und Lina Beckmann leuchtet.