Lindt: Wie sich Adalbert Lechner mit überhöhten Preisen ins Aus manövrierte
Schokoladenhersteller: Wie sich der Lindt-Chef mit überhöhten Preisen ins Aus manövrierte
Der Schokoladenhersteller hat bei den Preisen den Bogen überspannt. Jetzt muss er nachsteuern – mit attraktiveren Produkten und einem neuen Chef.
Adalbert Lechner bei einer Produkt-Präsentation im Jahr 2012 (Archivbild). Foto: IMAGO/Berlinfoto
In den Führungsetagen der Schokoladenhersteller ist derzeit mächtig Bewegung. Im Januar wechselte Barry Callebaut den Chef. Hein Schumacher ist dort bereits der dritte CEO innerhalb von fünf Jahren. Im März beschloss Ferrero, seine Führung neu aufzustellen. Im Mai übernahmen bei Ritter Sport zwei Urenkel der Gründer die Geschäftsführung, nachdem das Unternehmen rote Zahlen geschrieben hatte. Nun hat das Führungsbeben auch den Schweizer Hersteller Lindt & Sprüngli erreicht.
Um das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs zu bringen, hält der Verwaltungsrat eine neue operative Führung für nötig. Die Konsequenz: Konzernchef Adalbert Lechner muss gehen. Das teilte das Unternehmen am Montag mit. Auch in Deutschland kommt es zu einem Wechsel: Länderchef Michal Spiller verlässt das Unternehmen nach 23 Jahren.
Das globale Geschäft übernimmt interimistisch der frühere Konzernchef Dieter Weisskopf. Der 71‑Jährige war zuvor lange Finanzchef und gehört inzwischen dem Verwaltungsrat an. Ein dauerhafter Nachfolger soll im zweiten Quartal 2027 ernannt werden.
Teure Schokolade drückt die Absatzzahlen von Lindt
Konkrete Gründe für die Trennung nannte das Unternehmen nicht. Die Zahlen sprechen allerdings für sich. In diesem Jahr musste Lindt die Umsatzprognose gleich zweimal senken. Statt des ursprünglich erwarteten organischen Wachstums von 6 bis 8 Prozent rechnet der Konzern für 2026 nur noch mit 0 bis 2 Prozent. Besonders schwach lief das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schon rund um Ostern blieben Goldhasen in den Regalen liegen. Der Handel reagierte und bestellte für das Weihnachtsgeschäft weniger als erwartet.
„Zu teuer“ dürfte die häufigste Begründung der Kunden sein. Lindt hat seine Preise zuletzt konsequent erhöht, im ersten Halbjahr 2026 um durchschnittlich 11,8 Prozent. Ein branchenweiter Trend: Die Hersteller erhöhten die Preise, nachdem der Rohstoff Kakao ab Anfang 2024 massiv teurer geworden war. Auslöser waren befürchtete Ernteausfälle in Westafrika durch Pflanzenkrankheiten und Extremwetter. Die Mehrkosten gaben die Hersteller weitgehend an die Kunden weiter.
Der frühere Konzernchef Dieter Weisskopf übernimmt per sofort interimistisch das globale Geschäft. Foto: imago images/Geisser
Für Lindt ging das lange gut, bis die Konsumentenstimmung 2025 kippte. Der Umsatz stieg zwar weiterhin, doch das Volumen sank um 6,6 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 betrug der Rückgang gar 7,5 Prozent.
Bei den Kunden dürfte für Unmut gesorgt haben, dass die Rohkakaopreise zu Jahresbeginn zwischenzeitlich wieder deutlich gefallen sind. Mehr Kakao wurde geerntet, während die Nachfrage sank. Große Lebensmittelhändler senkten daraufhin die Preise zahlreicher Eigenmarken. Lindt hielt dagegen an den hohen Preisen fest und verwies darauf, dass der Kakao langfristig eingekauft werde.
Lechner führte den Volumenrückgang nicht allein auf die Preissensibilität der Kunden zurück. Er nannte auch den heißen Sommer in Deutschland, der die Lust auf Schokolade gedämpft habe. Ab März kamen weitere Belastungen hinzu: Wegen des Iran-Kriegs reisten weniger Touristen aus Asien nach Europa, was den Verkauf an Flughäfen und in eigenen Shops traf.
Unter dem Druck des Marktes musste Lechner die Preise inzwischen zumindest punktuell senken. Bereits im August hat Lindt die unverbindliche Preisempfehlung bei einigen Jahresartikeln reduziert. In Geschäften wiesen große Schilder auf gesunkene Preise hin. Außerdem sollen Promotionen und kleinere Packungen mit geringeren Preisen das Geschäft ankurbeln.
Rückkehr zu früherem Wachstum erst 2028 erwartet
Schnell wird das aber nicht gehen. Das Unternehmen rechnet erst im kommenden Jahr mit wachsendem Verkaufsvolumen. Zum Normalniveau von 6 bis 8 Prozent organischem Wachstum soll es erst 2028 zurückkehren.
Zeit für einen seichten Einstieg wird dem neuen CEO nicht bleiben. Es ist ein Balanceakt zwischen Menge und Marge, der dem Unternehmen bevorsteht. Lindt muss Mengen zurückgewinnen, ohne dadurch an Marge zu verlieren, und darf dabei auch seine Premium-Positionierung nicht aufs Spiel setzen. Dazu muss der Hersteller einen Teil der Einsparungen bei Rohstoffen in Marketing und Werbung investieren.
Analysten bewerten den Wechsel an der Spitze positiv. Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy nennt Weisskopf „einen der versiertesten Manager der Schokoladenindustrie“ und die richtige Person für die Übergangsphase. Er fordert aber darüber hinaus jedoch eine Prüfung des Verwaltungsrats, der seiner Einschätzung nach früher hätte eingreifen können.
Aktionärsvertreter kritisieren die Governance des Unternehmens seit Jahren. Ernst Tanner, Ex-CEO und heute exekutiver Verwaltungsratspräsident, steht seit über dreißig Jahren an der Spitze des Verwaltungsrats und ist inzwischen 80 Jahre alt. Bei den Generalversammlungen erhielt er zuletzt jeweils nur knapp 80 Prozent der Stimmen für seine Wiederwahl. Die Forderungen nach einer regelmäßigen Erneuerung des Verwaltungsrats werden lauter. Die Hoffnung: frischer Wind in Form von neuen Ideen.
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