Lineares Fernsehen ist tot - ProSiebenSat.1 startet einen neuen Sender
ProSiebenSat.1 gehört jetzt den Berlusconis. Statt Fernsehen abzubauen, startet der Konzern Sat.2 und setzt auf Sport, Joyn und Abenteuer-Shows. Oberföhring an der Isar ist ein Stadtteil von München. Unterföhring ist eine eigenständige Kommune im Landkreis München – und einer der wichtigsten deutschen Medienstandorte. Weiterlesen nach der Anzeige Jetzt haben die Berlusconis das Sagen Unter anderem sind dort in der Medienallee Sky Deutschland als Nachfolger der Pay-TV-Plattform Premiere sowie, als wichtigstes Relikt aus dem Imperium des einstigen Medienmoguls Leo Kirch, die Sendergruppe ProSiebenSat.1 (P7S1) ansässig. Viele wichtige Entscheidungen im Fernsehmarkt, dem lange profitabelsten Segment des Mediengeschäfts, fielen dort. Das muss man allerdings in Vergangenheitsform formulieren. Seit Juni gehört Sky Deutschland zu RTL aus Köln. Schon seit Herbst 2025 gehört P7S1 zum italienischen Medienkonzern MediaForEurope und damit im Wesentlichen der Familie Silvio Berlusconis. Der zeitweilige Ministerpräsident seines Landes war der erfolgreichere Medienmogul und wollte schon zu seinen Lebzeiten (bis 2023) die Reste des Kirch-Imperiums übernehmen. Was verändern die neuen Eigentümer? Um dieses Schreckgespenst abzuwehren, beschloss Bayern 2022 gar eine Novelle "Mediengesetzes zur langfristigen Sicherung der Unabhängigkeit und Vielfalt des privaten Rundfunks" – eine Lex Berlusconi. Angesichts der hilflosen Unbedarftheit, mit Medienpolitik, Medien- und Kartellwächter zugleich US-amerikanischen Datenkraken den roten Teppich auf dem deutschen Werbe- und damit Medien-Markt ausrollten, war das albern. Es half auch nichts. (Wie noch so heftiges deutsches Politik-Bemühen gegen italienische Übernahmen deutscher Banken ja ebenfalls zu nichts führte ...). Weiterlesen nach der Anzeige Nun haben also die Italiener das Sagen bei P7S1. Merkt man was davon? Die Pläne: Ausgerechnet jetzt kommt Sat.2 Kürzlich stellten die Unterföhringer mit allerhand Brimborium in Hamburg, der Metropole des einst wichtigen, inzwischen ziemlich untergegangenen Presse-Segments der Programmzeitschriften, ihre Pläne für die neue "Saison" vor. Stolz zeigt sich die Sendergruppe vor allem auf jede Menge Sportrechte: "2.500 Stunden Live-Sport" und sieben Weltmeisterschaften zwischen Basketball (wo die deutsche Mannschaft um Dennis Schroeder ja tatsächlich Titelverteidiger ist) und Darts hat sie im Programm. Vor dem Hintergrund, dass Sport live geguckt wird und in den Mediatheken, auf die alle setzen, wenig Wert besitzt, ist das durchaus bemerkenswert. Relativ größere Schlagzeilen machte allerdings die P7S1-Ankündigung, noch einen linearen Sender zu starten. Das alte Sat.1, das anno 1984 im Wettsenden mit RTL plus das deutsche Privatfernsehen eröffnete und 2008 aus Berlin-Mitte nach Unterföhring umgezogen wurde, bekommt 2027 einen Beibootsender namens Sat.2. Unter dem Motto "Wiedersehen macht Freude" sollen dort vor allem deutsche Produktionen aus dem eigenen Fundus laufen, vor allem für weibliches Publikum von 40 bis 64 Jahren. Die erste Sat.1-Ergänzung ist das nicht. Seit über zehn Jahren sendet, von größeren Öffentlichkeiten eher wenig bemerkt, Sat.1 Gold. Während alle rätseln, wann lineares Fernsehen denn ausstirbt, mit dem achten eigenen Sender rauszukommen: Ist das italienische Geschäftsstrategie oder Panik? Die Logik hinter Sat.2 Dass es um kleine Brötchen geht, hatte P7S1-Chief Content Officer Henrik Pabst in der Süddeutschen Zeitung angekündigt: "Unsere Zielgruppensender wie Sat 1 Gold, Sixx oder Pro Sieben Maxx haben in den letzten 18 Monaten 0,9 Prozentpunkte gewonnen." Da geht es um die in gut 5.400 Haushalten auf traditionelle Weise (auch wenn KKR die alte Nürnberger GfK längst zerschlagen hat) repräsentativ errechneten Reichweiten, von denen dann die Preise im zwar seit über fünf Jahren schrumpfenden, doch in jedem Klassische-Medien-Vergleich weiter profitablen Werbefernsehen bestimmt werden. Gewiss sind solche Sender-Ausgründungen "schleichende Selbstverspartung" inzwischen ehemaliger "TV-Riesen", wie dwdl.de schrieb. Allerdings, den Marktanteil ihrer Hauptsender zu erhöhen, gelingt selbst größeren Ex-Riesen wie RTL und den Öffentlich-Rechtlichen nicht auf Dauer. Im sich auf immer mehr Endgeräte, Plattformen und Netze zersplitternden Markt ist ohnehin Ent-Konzentration angesagt. Inhalte "maximal distribuieren", über alle Plattformen von Youtube über Twitch bis zu Tiktok, kündigt P7S1 bei jeder Gelegenheit an. Wenn Streaming wieder Fernsehen braucht Auch Sat.2 soll als "Multi Plattform-Brand" auf möglichst vielen Wegen linear verbreitet werden – in Kabelnetzen (deren Betreiber Sender fürs Ausspielen bezahlen), via Satellit und in FAST-Channels – und dann auch wieder nonlinear. Heißt: Die oft sowieso auf Abruf bereitstehenden alten Serien werden durch lineare Ausstrahlung vielleicht wieder populärer und dann auch noch öfter nonlinear abgerufen. Fürs lineare Programmieren nutzt die P7S1-Verantwortliche Ellen Koch übrigens ein Verb, das bislang eher in künstlerischen Kontexten auftauchte. Für Sat.2 will sie "Content noch mal geiler kuratieren". Eine theoretisch ebenbürtige, in der Praxis einstweilen begrenzt konkurrenzfähige Plattform besitzt P7S1 übrigens auch und zählte sie in den vergangenen Jahren zu seinen Haupt-Attraktionen: Joyn, dessen Alleinstellungsmerkmal darin besteht, dass sowohl Inhalte nonlinear bereitstehen als auch "über 100 TV-Sender" sich linear ansehen und flott durchzappen lassen. Joyn will das neue Fernsehportal werden In die Technik hat P7S1 viel Geld investiert, und ins zeitweise piratische Entern öffentlich-rechtlicher Programme, die ohne Zustimmung eingebettet wurden, auch. Mit dem ZDF erzielte P7S1 nun eine Einigung (siehe Streaming: ProSiebenSat.1 und ZDF einigen sich offenbar auf Joyn-Embedding). Ab Herbst lassen sich viele ÖRR-Inhalte außer linear auch nonlinear auf Joyn abrufen. Das ZDF kann die Klicks auf die eigene Reichweite anrechnen, P7S1 hofft auf mehr Zuschauer, die sich anschließend auch für andere Inhalte begeistern lassen. Das soll "einen Beitrag zu einer vielfältigen und zukunftsfähigen Medienlandschaft in Deutschland" liefern. Schon jetzt ließen sich auf Joyn, rein rechnerisch, "sechseinhalb Jahre Inhalt" abrufen, ist Plattform-Chefin Jenny Beavers stolz. Eigene "Originals" bietet sie auch, wie alle Streamer – allerdings schwankt das Konzept. In vergangenen Jahren wurden sogar fiktionale Serien vorrangig für Joyn produziert. Die vielleicht bekannteste: die improvisierte Comedyserie "Jerks" mit Fahri Yardim und Christian Ulmen, die inzwischen aus Gründen überall verschwunden ist Reality statt Prestigefernsehen Jetzt gelten als "Reality" und "Adventure" wichtige Joyn-Genres, also geskriptet semi-spontane Fernsehformate, die unter marktschreierischen Titeln wie "Normalos unter Palmen - Für Geld mache ich WIRKLICH alles" (ein Spin-Off der Serie "Promis unter Palmen – Für Geld mache ich alles!") und "Villa der Versuchung" (in der sich dieses Jahr Koryphäen wie Jenny Elvers, Tatjana Gsell, Thorsten Legat tummeln) gesendet werden. Speziell für Joyn wurde mit viel Aufwand die Abenteuer-Show "Surviving Amazonas – Die Prüfung der Shanenawa" im brasilianischen Dschungel produziert. Leidlich prominente Mitteleuropäer nehmen in Form von "körperlichen Prüfungen und spirituellen Ritualen" am Stammesleben eines indigenen Volkes teil. Sie habe "noch nie so hart gekotzt", berichtete Kandidatin Parshad Esmaeli bei der Hamburger Presseveranstaltung, doch habe das "wirklich auch Tiefe" gehabt und ihr Leben verändert. Und das Kotzen hing wohl mit giftigen Fröschen zusammen. Wer mehr wissen will, muss ab September Joyn aufrufen. An den Amazonas jetteten P7S1-Kreative nicht nur einmal. Jenke von Wilmsdorff, eines der eher wenigen Aushängerschilder für relativ dokumentarische Produktionen, suchte für seine nächste "Jenke-Experiment"-Folge ebenfalls ein als besonders gesund geltendes Volk ebendort auf – weil dessen Gesundheit auch mit gutem Schlaf zusammenhänge und sein Folgentitel "Wie uns schlechter Schlaf krank macht" lautet. Mehr Italien als Problem? Nicht zuletzt ist Wilmsdorff dafür bekannt, sich vor seiner Kamera selbst Experimenten zu unterziehen. Noch eins soll dem schönen Thema Gute Laune dienen. Also der Fragestellung, wie es den Deutschen gelingen könnte, wieder entspannter zu werden. Wilmsdorff allerdings bekam beim Experimentieren nicht nur gute Laune, berichtete er in Hamburg, sondern machte auch seine jüngste Nahtoderfahrung, als er für den guten Zweck auch mit halluzinogenem Ketamin experimentierte. Um gute Laune wie einst in vielleicht besseren Zeiten zu bekommen, ist nichts zu aufwendig und nichts zu teuer, und doch fallen erzielte Erfolge bestenfalls ambivalent aus – vielleicht da bestehen Gemeinsamkeiten zwischen der Deutschen und der umtriebigen Unterföhringer Privatsendergruppe ProSiebenSat.1. Was die italienische Entscheidungsgewalt angeht, dürfte kein Grund zu größerer Sorge bestehen. So richtig unabhängig war P7S1 auch als börsennotierte, zeitweilig gar im DAX geführte Aktiengesellschaft selten. Früher hätten oft Hedge-Fonds das Sagen gehabt, da seien die neuen Eigentümer vergleichsweise professionell, sagen P7S1-Manager. Inhaltliche Vorgaben machten sie derzeit gar nicht. Europa gegen die Plattformgiganten Und wenn, wäre das kein Drama. Wenn durch Privatsender-Koproduktionen eine Art von europäischer Öffentlichkeit über die Alpen hinweg entstünde, könnte das immerhin einen Gegenakzent zu den immer dominanteren amerikanischen (und chinesischen) Konzernen setzen, zu denen längst die meisten Werbeeinnahmen fließen und die lokale Inhalte nach ihrem Gusto beauftragen. Nicht zuletzt durch internationale Koproduktionen meist mit Italien, in denen Mario Adorf als Pirat der Karibik oder Gudrun Landgrebe in Mafia-Kontext mitwirkten (und hundertfach gesendete, legendär amortisierte "Pippi Langstrumpf"-Filme mit deutschen Nebendarstellern) hatte übrigens einst auch Leo Kirch sein Imperium aufgebaut, dessen Reste in Unterföhring noch bestehen.