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Litauen bereitet sich auf Tag X vor

Technologie

Die Befürchtung, Russland könnte angreifen, begleitet viele Litauer im Alltag. Gelähmt sind sie davon nicht: Sie bereiten sich auf den Ernstfall vor. Wie, zeigt eine Reise nach Vilnius.

Kinderlachen, der Duft von Pausenbrot, Bilder aus Fingerfarben und reihenweise Kleiderhaken, an denen Sportbeutel und Jacken hängen: Beim Betreten erinnert das Sietuva-Progymnasium im litauischen Vilnius an jede andere Schule.

Doch zwischen diesen Wänden ertönt ein Geräusch, das deutschen Schülern und Schülerinnen wohl eher weniger vertraut ist: Bzzzz. Es klingt, als bewegte sich ein großer, wütender Schwarm Bienen von Klassenzimmer zu Klassenzimmer. Wer dem surrenden Summen folgt, landet im Informatikraum. Neben Computermonitoren und brummenden 3D-Druckern sind hier auch fliegende Drohnen anzutreffen. An diesem Morgen verlegen die Kinder der 5. bis 8. Klasse ihr Training in die Aula. Dort haben sie einen Parcours aus Kartons aufgebaut, durch den sie ihre Drohnen manövrieren. Hinauf, hinunter und durch Schlitze hindurch.

Mit dabei ist der 12-jährige Neidas. Den Drohnen-Kurs an der Schule findet er toll. Bereits Erstklässler können das Programmieren der unbemannten Fluggeräte erlernen. Zuhause übt Neidas mit seiner eigenen Drohne. Am liebsten hätte er ein FPV-Modell, also eine Drohne, die er über eine Videobrille oder einen Bildschirm steuern kann.

Eine Technologie, die auch im Ukraine-Krieg zum Einsatz kommt und die die moderne Kriegsführung prägt. Von der Front im Donbass bis nach Kiew – Soldaten und Zivilisten verbinden mit dem Bzzzz-Geräusch Terror und Tod. Seit mehr als vier Jahren wehren sich die Ukrainer gegen die russische Invasion. Litauen steht an ihrer Seite. Im Zuge des Krieges nehmen Vorfälle mit Drohnen auch in den baltischen Staaten zu. Erst kürzlich schossen NATO-Kampfflieger über Litauen eine mit Sprengstoff bestückte Drohne ab. Mutmaßlich stammte sie aus Belarus.

Litauen: Bei Luftalarm flüchten Schüler in die "Löwenhöhle"

Für die Litauer gehören Luftalarm, Schließung des Flughafens und Evakuierungsübungen längst zum Alltag. Das Land liegt an der NATO-Ostflanke. Die Hauptstadt Vilnius ist etwa 30 bis 40 Kilometer vom Kreml-Verbündeten Belarus entfernt. Im Südwesten grenzt es an die russische Ostsee-Exklave Kaliningrad.

Der litauische Geheimdienst spricht von möglichen Provokationen Russlands im Baltikum, Präsident Gitanas Nausėda warnt vor Sabotage und hybriden Angriffen auf kritische Infrastruktur. Sieben von zehn Litauern sehen in Russland eine echte Bedrohung für ihr Land, wie eine Umfrage des litauischen Senders LRT zeigt. Es gibt wenig Diskussion darüber, ob Russland angreift. In Vilnius fokussieren sich Regierung, Militär und Gesellschaft auf das Wenn und darauf, wie man an diesem Tag X reagiert.

Die Sorge vor Russland kommt nicht von ungefähr, die Länder verbindet eine bewegte Geschichte: Litauen wurde 1940 von der Sowjetunion besetzt, die Menschen erlebten jahrzehntelang Repressionen und Massendeportationen. 1990 erklärte Litauen als erste Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit. 2004 trat es der NATO und der EU bei und wandte sich demonstrativ von Russland ab.

Auch der 12-jährige Neidas macht sich mit seinen jungen Jahren keine Illusionen. Die Drohnenübungen an seiner Schule bereiten ihm Spaß, dienen aber auch zur Vorbereitung auf das Wenn … wenn Russland eskaliert, wenn Russland die baltischen Staaten angreift. Sätze, die man in Vilnius oft hört. Dabei blickt man in besorgte Gesichter. Aber anstatt sich von Angst treiben zu lassen, bereiten sich die Litauer auf den Ernstfall vor. Auch schon die Kleinen.

In Neidas' Schule heißen Schutzräume etwa "Löwenhöhle". Für Neuntklässler gibt es verpflichtend Unterricht in Erster Hilfe und Survivaltraining. Und die litauische Regierung will Schüler an Drohnen heranführen, nicht zuletzt auch, um die Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen. Am Sietuva-Progymnasium üben die Kinder jedoch ausschließlich mit kleinen, eigens für den pädagogischen Bereich entwickelten Drohnen. Die militärische Anwendung sei nur ein Teil von vielen, betont Vytautas Mitalas, Vizebürgermeister von Vilnius, im Gespräch mit einer Gruppe deutschsprachiger Journalisten. Auch unsere Redaktion reist mit der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung nach Litauen, um sich ein Bild von der Krisenfestigkeit der Gesellschaft zu machen.

Zivilisten trainieren bei der "Litauischen Schützenunion" für den Ernstfall

Drohnenkompetenz soll in die litauische Bildungspolitik integriert werden. Dafür setzt sich Vizebürgermeister Mitalas ein. An wenigen Schulen gehört sie bereits zum Lehrplan. Schüler sollen die Technologie in verschiedenen Disziplinen erlernen. So dürfen sie mit Drohnen etwa die Müllsituation in Vilnius erkunden. Bei der Litauischen Riflemen's Union (LSS), auch "Litauische Schützenunion" genannt, geht es deutlich militärischer zu.

Hier können schon 11-jährige Litauer eine (vor-)militärische Ausbildung erhalten. Die 1919 gegründete Freiwilligenmiliz ist in ihrer Form in Europa einzigartig. Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer trainieren in ihrer Freizeit, um im Notfall Zivilisten und ihr Land zu schützen.

Beim Besuch der 10. König-Mindaugas-Einheit der LSS in Vilnius versammeln sich auf dem Flur junge Männer und Frauen in Flecktarn-Uniformen für ihre Übung. Auch hier ertönt zwischen den Wänden das bekannte Bzzzz-Geräusch. Eine Drohne tanzt vor den Gesichtern der Besucherinnen und Besucher. Zwischen ihren Beinen tänzelt ein zimtfarbener Jagdhund hin und her. Bei der LSS lernt er, verschüttete Menschen aufzufinden. Im Raum nebenan beugen sich Drohnenpiloten über Bildschirme und verfeinern ihre Flugkünste. Der Blick aus dem Fenster verrät: Es dämmert bereits. Viele kommen nach der Schule, der Uni oder der Arbeit. So auch der 22-jährige Arturas. Mit Fernsteuerung und FPV-Brille lässt er eine Drohne auf dem Gang fliegen. Seit Beginn des Ukraine-Krieges ist der Andrang bei der LSS groß. Die Mitgliederzahl hat sich innerhalb kurzer Zeit auf mehr als 20.000 verdoppelt. Es gibt Wartelisten.

Schutzräume zwischen Cafés und Eisdielen

Angesichts der russischen Aggressionen stecken die Litauer ihre Köpfe nicht in den Sand. Das Mantra lautet: vorbereiten, trainieren, Ruhe bewahren. Im Gespräch mit Litauern schwingt oft Frust über Deutschland mit. Zu langsam, zu vorsichtig sei Berlin, von einer lähmenden "German Angst" ist die Rede. Dabei befinde man sich längst im Krieg mit Russland, heißt es. Auch das Stadtbild erzählt davon. Zwischen Supermärkten, Eisdielen und Cafés stechen gelbe Schilder hervor. Darauf zu sehen: eine Person in einem hausähnlichen Fünfeck mit Doppeldach. Darüber steht "Priedanga", auf Deutsch: Deckung.

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Landesweit baut das Litauische Nationale Krisenmanagementzentrum (NKVC) Schutzräume aus. Vilmantas Vitkauskas, Leiter des Zentrums, präsentiert bei einem Treffen den aktuellen Stand: 72 Prozent der gesamten litauischen Bevölkerung sind geschützt. Insgesamt gibt es mehr als 6.600 Schutzräume. Das NKVC ist die zentrale staatliche Stelle für die Krisenvorsorge und -bewältigung. Im Notfall kümmert es sich um die Zivilisten, wie Vitkauskas sagt, damit sich das Militär auf den Kampf konzentrieren kann. Erst kürzlich erprobten die Litauer die Evakuierung ihrer Hauptstadt über den Suwalki-Korridor, einen schmalen Landstreifen, der Litauen mit den anderen NATO-Staaten verbindet.

Litauer knüpfen im Einkaufszentrum Tarnnetze für die Ukraine

Neben den gelben Schutzraumschildern sind in Vilnius auch zahlreiche ukrainische Flaggen in Gelb und Blau zu sehen. Nach wie vor ist die Unterstützung der Litauer für das angegriffene Land groß. Rund 70 Prozent der Befragten befürworten die militärische Hilfe Litauens für die Ukraine, so das Ergebnis einer Umfrage des Verteidigungsministeriums. Viele Litauer wollen der Ukraine helfen, einen "Beitrag leisten", wie sie sagen. Dazu ergibt sich eine Gelegenheit inmitten eines Einkaufszentrums. Am Abend versammeln sich dort Freiwillige in einem Raum abseits des Shopping-Trubels. Gemeinsam knüpfen sie meterlange Tarnnetze für ukrainische Streitkräfte. Mehr als 100.000 Quadratmeter sind bereits in Handarbeit entstanden.

Eine junge Frau spannt ein Netz auf und schiebt einen Karton, gefüllt mit Stoffstücken, zu sich. Seit drei Jahren unterstützt Natalia die Initiative "Vilnius Spiders". Zwanzig, dreißig Freiwillige finden sich an einem normalen Abend ein, sagt sie. Einmal sogar 70. Die Softwareingenieurin stammt aus Kiew, ihr Bruder kämpft an der Front. Während sie erzählt, bindet die 34-Jährige dünne Streifen aus grün-grauer Tarnfarbe in das Netz ein. Der Stoff kommt direkt aus der Ukraine. Ob für Charkiw oder den Donbass – die Muster sind je nach Region angepasst; die einen sind heller, die anderen dunkler. Im Winter sind sie alle weiß. In einem Monat werden sie damit loslegen. Loslegen – das bringt die zivile Resilienz in Litauen auf den Punkt. Der Austausch in Vilnius hinterlässt den Eindruck: Im Bereich Krisenvorbereitung sind die Litauer Deutschland zehn Schritte voraus. Dass dabei auch Kinder und Jugendliche eingebunden werden, gehört hier zum Alltag.

Der Blick der Litauer auf Moskau ist schärfer als in Deutschland. Die Erinnerung an die sowjetische Besatzung sitzt tief und hat sie eines gelehrt: Russland versteht nur die Sprache der Stärke.

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