Lufthansa A340-600: Abschied vom „Fliegenden Bleistift“
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Frankfurt – Als ich in Washington DC um 18.20 Uhr am Gate B47 die Gangway betrete, weiß ich: Das hier ist kein gewöhnlicher Nachtflug nach Deutschland. Es ist ein Abschied. Nach 23 Jahren im Dienst der Lufthansa hebt heute Abend der Airbus A340-600 zum letzten Mal mit Passagieren ab. Ich bin an Bord, als eine Legende der Luftfahrt ein letztes Mal über den Atlantik fliegt, bevor sie auf dem Flugzeugfriedhof im spanischen Teruel eingemottet wird.
Mehr als 75 Meter Flugzeug stehen draußen am Gate. Lang, schlank, elegant. Vier mächtige Rolls-Royce-Triebwerke hängen unter den Tragflächen. Wegen seiner außergewöhnlichen Form trägt der A340-600 den Spitznamen „Fliegender Bleistift“. Doch wer vor ihm steht, denkt eher an ein fliegendes Ausrufezeichen.
Bei seiner Einführung war er mit 75,3 Metern das längste Verkehrsflugzeug der Welt. Ein Jet mit einer Spannweite von 63,45 Metern, einem maximalen Startgewicht von 368 Tonnen und Platz für 297 Passagiere. 885 km/h schnell, 12.900 Kilometer Reichweite .
Am Steuer des letzten Lufthansa-Fluges sitzt Kapitän Francesco Sciortino. „Danke für 23 Jahre, 175.000 sichere, unfallfreie Flüge und 40 Millionen Passagiere, in denen wir uns auf die A340-600 verlassen konnten“, sagt er dem BILD-Reporter vor dem Start. „Und vielleicht auch: Manche Abschiede dauern eben etwas länger als gedacht.“ Denn eigentlich sah es schon 2020 nach dem endgültigen Ende aus. Während der Corona-Pandemie legte Lufthansa ihre gesamte A340-600-Flotte still. Doch der „Bleistift“ kam zurück. Am 11. März 2022 reaktivierte Lufthansa den A340-600. Ausgerechnet Washington war das Ziel des ersten Flugs nach der Rückkehr. Vier Jahre später schließt sich auf derselben Strecke der Kreis: von Washington nach Frankfurt, ein letztes Mal.
Warum dieser Airbus selbst erfahrene Piloten berührt, erklärt Francesco Sciortino so: „Ich fliege seit vielen Jahren A340. Und trotzdem schaut man sich nach jedem Flug noch einmal nach diesem Flugzeug um.“
Dann schließt sich die Tür. Wir rollen in der einsetzenden Dunkelheit zur Startbahn. Dann drückt Kapitän Sciortino die Schubhebel nach vorne. Mit dem unverwechselbaren Sound der vier Triebwerke beschleunigen wir, dann hebt die A340-600 ab.
Eine fliegende Zeitreise
Während wir in die Nacht über dem Atlantik fliegen, denke ich wie viele andere Passagiere an die Geschichten, die dieser Flugzeugtyp in 23 Lufthansa-Jahren seit der Indienststellung am 25. November 2003 gesammelt hat. Bis nach Santiago de Chile schaffte es der „Fliegende Bleistift“ nonstop.
Dieser Airbus transportierte aber nicht nur Passagiere. Er wurde zum fliegenden Forschungslabor: Für das CARIBIC-Projekt baute Lufthansa einen Laborcontainer ein, mit dem über Jahre Klimadaten gesammelt wurden. Nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im April 2010 flog eine speziell ausgerüstete A340-600 einen Testflug, um Daten über die Vulkanasche in der Atmosphäre zu gewinnen.
Auch der deutsche Fußball schrieb an Bord Geschichte. Im Juni 2014 brachte die als „Fanhansa“ lackierte A340-600 die Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Brasilien. Deutschland kehrte als Weltmeister zurück. Später trug eine Maschine neben dem Wappen des FC Bayern auch die Bilder von zehn Spielern, darunter Thomas Müller, Joshua Kimmich und Philipp Lahm, durch die Welt.
Die vier Triebwerke laufen ruhig, während unter uns der Atlantik liegt. Für die meisten Passagiere ist es dieses Mal kein Nachtflug wie viele andere. Es sind unzählige Luftfahrtfans aus aller Welt an Bord, die sich untereinander kennen, die den Flieger lieben. Und immer wieder stehen Fluggäste auf, gehen durch die Kabine, fotografieren Details und sprechen mit der Crew. Denn jeder an Bord weiß: Was jetzt selbstverständlich wirkt, wird morgen Geschichte sein.
Der letzte Sinkflug
Als wir uns Frankfurt nähern, beginnt der letzte Sinkflug. Die Lichter der Stadt tauchen unter uns auf. Fahrwerk raus. Landeklappen gesetzt. Die letzten Minuten einer 23 Jahre langen Geschichte. Dann setzen die Räder auf der Landebahn auf.
Ein kurzer Stoß, das Rauschen der Bremsen, schließlich langsames Rollen zum Gate. Auf dem Weg dorthin eskortieren uns gleich drei Follow-Me-Fahrzeuge, die Feuerwehr verabschiedet die fliegende Legende mit einem Wasser-Salut.
Dann erreicht die Maschine ihre Parkposition am Gate A50. Die Triebwerke verstummen. Die Türen öffnen sich. Die Passagiere nehmen ihre Taschen, verlassen die Kabine. Im Terminal erinnere ich mich an die Worte von Kapitän Sciortino: „Nach jedem Flug mit der A340-600 schaut man sich noch einmal nach dem Flugzeug um.“ Und auch ich greife zum Handy, fotografiere ein letztes Mal diese unverwechselbare Silhouette. Mach’s gut, Legende!