„Lügen über meine Mutter“: Rosalie Thomass über ihr Gewicht & ihre Rolle
Rosalie Thomass Es ist schwer, sich beim Lesen der permanenten Abwertung von Werner zu entziehen – in seinen Augen ist sie zu dick. Irgendwann hatte mich Werner beim Lesen sogar so weit, dass ich wissen wollte, wie viel sie wiegt, damit ich beurteilen kann, ob er recht hat. Erschreckend! Dabei wird sie im Buch beschrieben als ehrgeizig und sprachbegabt, sie will sich beruflich weiterentwickeln, auch wenn ihr Mann ihr das verwehrt. Ich kam beim Lesen zu dem Schuss, dass das Problem nicht ihr Körper ist, sondern Werners Minderwertigkeitsgefühle – also habe ich sie mir als wunderschön und kraftvoll vorgestellt. Im Film trägt Cornelia nun schöne Kleidung und ist immer zurechtgemacht, selbst wenn sie nur zu Hause ist – hier geht es um ihre Würde.
Thomass Ja, ich habe mich dafür entschieden, für die Rolle zuzunehmen. Nach den Dreharbeiten dachte ich, ich müsse sofort in meine alte Form zurück. Da bin ich über mich selbst erschrocken: Ich kann doch nicht diesen Film machen und danach eine Kalorien-App herunterladen. Das widerspricht sich doch.
Thomass Ich wollte eine sinnliche Frau darstellen, die kurze Hosen trägt und bei der man Haut sieht. Das finde ich sehr schön. Aber mit solchen Anzügen geht das natürlich nicht, die müsste man verstecken unter Kostümen. Es war eine Befreiung für mich. Denn als Schauspielerin war ich oft in Anproben, bei denen es wie selbstverständlich darum ging, möglichst schlank auszusehen. Dabei habe ich selbst das gar nicht eingefordert. Als sei das ein ungeschriebenes Gesetz: Wer als Frau vor eine Kamera tritt, möchte auf jeden Fall dünn aussehen.
Thomass Es gibt meist nur die Rolle des ‚Fat Funny Friend‘ oder eben die des Losers - das gilt für Frauen wie Männer. Das habe ich noch nie verstanden, weil es doch so eintönig ist – und ein totaler Verlust. Denn als Schauspielerinnen und Schauspieler wollen wir ja verschiedenste Menschen porträtieren, oder nicht? Trotzdem gibt es eben diese enge Vorstellung von Perfektion, dass alle am besten schön und dünn sein sollen.
Thomass Ich wünschte, ich könnte sagen, unser Film sei ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber leider ist das Gegenteil der Fall. Ja, die meisten Frauen leben vielleicht nicht mehr so isoliert wie in den Achtzigern. Sie haben durch das Internet und die sozialen Medien besseren Zugang zu Informationen und können sich mit anderen Frauen austauschen und verbünden. Auch auf dem Land gibt es inzwischen mehr Beratungsstellen für Frauen. Aber die Dynamik, dass Männer Frauen kleinhalten wollen, ist ja leider hochaktuell. Die Idee einer „Männlichkeit“, die sich über Status und Unterdrückung von Frauen definiert, wird ja leider gerade wieder hinterm Ofen hervorgeholt. Werner empfindet es als Bedrohung seiner Potenz, dass seine Cornelia so selbstverständlich kraftvoll ist. Dass sie weiß, was sie will, dass sie eine Karriere machen möchte und dass sie für sich Raum beansprucht.
Thomass Ich habe mich mit den Zusammenhängen zwischen dem Erstarken faschistischer Strömungen und dem Körperkult beschäftigt. Ich finde, das lohnt sich sehr, um die dahinterliegenden Strukturen zu verstehen. Nicht zuletzt profitieren darüber hinaus auch Firmen davon, ein sehr dünnes Körperideal zu vermarkten. Denn dann können sie Produkte wie die Abnehmspritze auch an Menschen verkaufen, für die sie nicht medizinisch notwendig wären, und damit noch mehr Geld machen.
Thomass Sie haben keine Kraft, um sich zu holen, was sie wollen und was ihnen zusteht. In dem Film gibt es einige Szenen, in denen Cornelia von Werner gezwungen wird, verschiedene Diäten aus Frauenzeitschriften auszuprobieren. Heutzutage spricht man zwar nicht mehr von Diäten, sondern vom Intervallfasten oder Proteinbedarf. Am Ende steckt dahinter immer noch ein restriktives Essverhalten. Aber warum tun wir uns überhaupt so schwer damit, dass sich der Körper einer Frau verändert? Ob durch Schwangerschaft, Zyklusschwankungen, Krankheiten, Menopause – es gibt so viele Faktoren, aber nein, Frauen sollen für immer möglichst unverändert jung aussehen. Warum eigentlich? Ich feiere es, dass ich reifer und klüger bin, dass ich mehr bei mir bin und weiß, wo meine Grenzen sind.
Thomass Für mich steckt in den Lügen der Mutter vor allem eine große Einsamkeit. Wenn Cornelia so weit getrieben wird, dass sie lügen muss, dann ist das für mich eher ein Zeichen für ihre Verzweiflung als eine Art von Fehlverhalten. Das hat vor allem mit meinem Blick auf Frauen und Mütter zu tun – auch auf meine eigene Mutter. Mütter erfahren wenig Wertschätzung. Dabei ist Muttersein der wichtigste Job, den ich je hatte – allerdings mit miserabler Bezahlung, kaum Pausen und wenig Anerkennung. Wir sollten Mütter verdammt nochmal feiern, nicht für ihren Körper kritisieren.