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„Lulas Armee“ gegen „Flávios Truppe“: Ein gespaltenes Brasilien kämpft um seine politische Zukunft

Welt

São Paulo, ein Mittwochabend, vor der Privatuniversität Paulista. Gemeinsam mit anderen Studierenden singt Ana Livia Mechi den Namen ihres Präsidenten: Lula, der Spitzname von Luiz Inácio Lula da Silva.

Nur dank ihm, sagt sie, sei sie hier an der Uni. „Ich bin Teil des staatlichen Programms Prouni, das Kindern aus einkommensschwachen Familien das Studium finanziert.“

Am Sonntag wird die Brasilianerin Lula wählen, damit in Zukunft auch andere von Prouni profitieren können.

Duque de Caxias, ein Samstagnachmittag, auf einer Straße im ärmeren Norden Rio de Janeiros. Daiana Vieira schwingt mit ihrer Mutter Jacira grün-gelbe Flaggen mit der Nummer 22, der Nummer ihres Kandidaten Flávio Bolsonaro.

„Ich hoffe, dass er endlich für mehr Sicherheit sorgt“, sagt sie. In Duque de Caxias liegt die Mordrate deutlich über dem Landesdurchschnitt. Ungeachtet des Regens wird Daiana Vieira gleich mit anderen Bolsonaro-Anhängern an einer Autokarawane teilnehmen, um für Stimmen zu werben.

Brasilien ist mitten im Wahlkampf. Am Sonntag wählen runden 156 Millionen Bürger:innen einen neuen Präsidenten. Es ist die Neuauflage eines alten Duells: Lula gegen Bolsonaro.

Nur ist es dieses Mal Flávio, der Sohn des rechtsextremen Jair Bolsonaro, der anstelle seines wegen eines Putschversuches inhaftierten Vaters gegen den amtierenden, linken Präsidenten antritt. Die erste Wahlrunde am 4. Oktober hat er mit knapp zwei Prozentpunkten Vorsprung gewonnen.

Seitdem ist an jedem Tag Wahlkampf. Die Anhänger beider Kandidaten werben vor allem um die Stimmen der 33 Millionen Menschen, die vor drei Wochen nicht gewählt haben.

Sie organisieren sich dabei vorwiegend auf WhatsApp. Die einen in einem Kanal mit dem Titel „Lulas Armee“, die anderen in einem namens „Flávios Truppe“. Fast so, als befänden sie sich im Krieg. Im Krieg um ein tief gespaltenes Land. Um Inhalte geht es dabei kaum. Viele Brasilianer:innen, so scheint es, wollen vor allem den einen Kandidaten als Präsidenten, damit der andere es bloß nicht wird.

Wer in diesen Wochen auf den Straßen brasilianischer Großstädte wie São Paulo und Rio de Janeiro unterwegs ist, bekommt den Eindruck: Die Linke hat den Kampf längst gewonnen.

An Straßenlaternen und Autos kleben Sticker mit dem Konterfei Lulas, an Balkonen hängen Flaggen mit der Nummer 13, mit der die Wähler:innen im elektronischen Wahlsystem für Lula stimmen. Viele Menschen auf der Straße tragen Rot, die Farbe seiner Arbeiterpartei PT.

Beinahe täglich laufen Protestierende durch die Straßen der Innenstädte, singen „Olé, olá, Lula“ oder „Raus mit Bolsonaro“ und formen ein L mit ihren Fingern.

Auch Wesley Pimentel ist am Mittwoch zur kleinen Demo an die Privatuni Paulista gekommen, um ein Zeichen zu setzen. „Ich muss wegen einer chronischen Krankheit Tabletten nehmen, die ich dank dem Programm Farmácia Popular, das Lula eingeführt hat, kostenlos bekomme“, sagt der 26-jährige Psychologiestudent.

„Während der Pandemie, die Jair Bolsonaro damals als Präsident lange geleugnet hat, habe ich mehrere Angehörige verloren. Als homosexueller Mann möchte ich weiter in einem Land leben, das meine Rechte schützt. Ich habe also viele Gründe, für Lula zu kämpfen“, sagt er.

Es sind aber nicht nur Studierende, die für den amtierenden Präsidenten auf die Straße gehen. Sondern auch Sportvereine, Gewerkschaften, Sambaschulen. An einem Tag organisiert „Lulas Armee“ bis zu 50 Veranstaltungen im ganzen Land.

„Die PT hat es geschafft, ein breites politisches Bündnis zu formieren, das für die Demokratie und gegen Rechtsextremismus einsteht“, sagt Yasmin Calmet, Politikprofessorin an der Universidade Federal de Santa Catarina in Brasilien, dem Tagesspiegel. „Wer mobilisiert, sind gar nicht unbedingt die politischen Akteure, sondern es ist die Zivilbevölkerung.“

Viele haben Angst vor dem, was ein Wahlsieg Flávio Bolsonaros bedeuten könnte. Die Regierung seines Vaters war von Rassismus und Queerfeindlichkeit geprägt, unter ihm stiegen Inflation, Armutsrate und die Abholzung des Regenwaldes an. Flávio könnte den inhaftierten Jair Bolsonaro begnadigen.

Aber auch die Rechte mobilisiert auf den Straßen. Nur weniger in den Stadtzentren der großen Metropolen, sondern in Vororten und kleineren Städten wie Duque de Caxias, wo Bolsonaro-Anhänger grün-gelbe Ballons und Fahnen verteilen. Vorbeifahrende Autos hupen als Zeichen der Zustimmung. Aufkleber mit Lulas Gesicht sieht man hier keine.

„Ich würde grundsätzlich auch jemand anderen wählen als Flávio“, sagt Daiana Vieira. „Hauptsache, Lula wird nicht noch mal Präsident.“

Donald, ein 22-jähriger Brasilianer, der seinen Nachnamen nicht nennt, wünscht sich, dass Flávio Bolsonaro sein Wahlversprechen umsetzt, die Möglichkeit für Präsidenten zur Wiederwahl abzuschaffen. Donald hat 2018 bereits dessen Vater Jair Bolsonaro ins Amt gewählt, 2022 stimmte er erneut für ihn – damals ist Bolsonaro zur Wiederwahl angetreten.

Auch vor der ersten Wahlrunde am 4. Oktober waren die Rechten auf den Straßen nicht sonderlich präsent. Trotzdem gewann Flávio Bolsonaro mit 47 Prozent der Stimmen – und nicht nur das. Seine liberale Partei PL holte im Senat und im Abgeordnetenhaus breite Mehrheiten, auch die meisten Gouverneursposten in den Bundesstaaten gingen an sie. Mit Michelle, Carlos und Renan Bolsonaro sitzt Flávios Familie nun wieder in beiden Kammern.

„Das liegt vor allem daran, dass die Bolsonaristen das Internet vor langer Zeit als ihre Nische besetzt haben“, sagt Yasmin Calmet. Sie führten den Wahlkampf in WhatsApp-Gruppen, Telegram-Chats und TikTok-Algorithmen, oft in Verbindung mit Fake News. „Um ihre Wählerschaft zu erreichen, müssen sie nicht mehr auf die Straße gehen“, sagt Calmet.

Wie sich in den vergangenen Tagen herausstellte, hatte der Bolsonarismus dabei – womöglich absichtlich – Hilfe aus den USA.

Die brasilianische Zeitung „Folha de São Paulo“ berichtet mit Verweis auf eine interne Kommunikation, der Meta-Konzern habe die Instagram-Konten Lulas und mehrerer Unterstützer:innen vorübergehend eingeschränkt. Das Profil Bolsonaros dagegen sei auf der Plattform empfohlen worden. Meta wies diese Vorwürfe zurück, räumte aber technische Probleme ein. Der Fall wird derzeit vom Obersten Wahlgericht untersucht.

Trotz allem konnte die Linke im Netz in den vergangenen drei Wochen an Bedeutung gewinnen. Der fast 81-jährige Lula, der mit sozialen Medien bisher wenig anfangen konnte, filmt sich derzeit regelmäßig mit der Frontkamera und macht Selfies mit jungen Abgeordneten, die auf den Plattformen besonders erfolgreich sind. Sie sind nun Teil seiner Kampagnenführung.

„Lulas Armee“, der auf WhatsApp inzwischen mehr als acht Millionen Menschen angehören, rief am vergangenen Wochenende dazu auf, in den sozialen Medien ein Foto im Brasilientrikot zu posten – um die Nationalfarben, die die Rechte seit 2018 für sich vereinnahmt hat, zurückzugewinnen.

Etliche Menschen kamen dem Aufruf nach, darunter viele bekannte brasilianische Künstler:innen, die sich inzwischen öffentlich an die Seite des amtierenden Präsidenten stellen. Auch internationale Prominente wie die Band The Strokes oder Topmodel Bella Hadid riefen dazu auf, Lula zu wählen.

Laut Umfragen wollen mehr als 50 Prozent der 16- bis 24-Jährigen am Sonntag Lula wählen. Besonders Studierende, sagt Politologin Calmet, mobilisierten in diesem Wahlkampf wie kaum eine andere Gruppe.

„Keine ungültigen Stimmen“, riefen Tausende von ihnen bei einer großen Demonstration in Rio de Janeiro, drei Tage nach der ersten Wahlrunde. Sie richten sich damit an die knapp 25 Prozent der Menschen, die entweder nicht oder ungültig gestimmt haben.

Viele der Studierenden, wie Ana Livia Mechi und Wesley Pimentel, betonen immer wieder die Bedeutung der staatlichen Programme, die linke Regierungen der PT in den vergangenen 20 Jahren eingeführt haben.

Dazu gehören Programme wie Prouni, aber auch soziale und ethnische Quoten, die Minderheiten seit mehr als einem Jahrzehnt den Zugang zu Universitäten ermöglichen. Der Anteil an Schwarzen Studierenden hat sich dadurch um mehr als 400 Prozent erhöht. „Es hat unsere Bildung inklusiver gemacht“, sagt Wesley Pimentel. „Und wer Zugang zu Bildung hat, kann auch informierter wählen.“

Das bezeugen Geschichten wie die von Bruno Fonseca. „Ich bin ein Ex-Bolsonarista“, sagt der 21‑Jährige. Mit elf Jahren radikalisierten ihn rechtsextreme Inhalte im Internet, Fonseca wurde Geschäftsführer der PL-Jugendorganisation in São Paulo, machte Wahlkampf für Jair Bolsonaro.

„Ich lebte in einer Blase“, sagt er heute. „Bis ich mein Studium begonnen habe.“ Dort lernte er genau die kennen, die er vorher dämonisiert hatte: Menschen, die von den sozialen Programmen der PT profitieren. „Heute bin ich links und wähle Lula“, sagt Fonseca in seinen Videos. Auf Instagram folgen ihm mehr als 300.000 Menschen.

Während die Mehrheit der jungen Wähler:innen Lula unterstützt, sieht es in den Kirchen – gerade den evangelikalen – anders aus. 62 Prozent der Evangelikalen werden Umfragen zufolge für Flávio Bolsonaro stimmen. Die brasilianische Gesellschaft ist extrem religiös: Etwa 26 Prozent sind evangelikal, 56 Prozent katholisch, ein Prozent folgt Glaubensrichtungen mit afrikanischen oder indigenen Einflüssen.

Gerade evangelikale Kirchen wachsen in Brasilien seit Jahren rasant – und seit 2018 stehen viele von ihnen an der Seite des Bolsonarismus.

„Viele Pastoren machten damals in ihren Gottesdiensten offen Wahlkampf für Jair Bolsonaro“, sagt Delana Corazza, Soziologin am Instituto Tricontinental de Pesquisa Social, dem Tagesspiegel. Auch diesmal habe sie das in einigen Messen erlebt, wenn auch oft indirekter.

So etwa in der Igreja Universal do Reino de Deus, einer der einflussreichsten Freikirchen Brasiliens. An einem Sonntagmorgen, in einer großen Kirche in einem Arbeiterviertel in Rio de Janeiro, spricht Bischof Honorilton Gonçalves zu Tausenden Gläubigen von einem „spirituellen Kampf“. Davon, das Böse loszulassen und sich dem Guten zuzuwenden.

Einen Tag vorher spricht Flávio Bolsonaro, der selbst evangelikal ist, bei einem Besuch in der Igreja Assembleia de Deus davon, dass Brasilien vor einem „spirituellen Krieg“ steht.

Möglicherweise besteht zwischen den Worten von Bolsonaro und Bischof Gonçalves keine Verbindung. Offiziell hat sich die Igreja Universal vor der Stichwahl zu keinem Kandidaten bekannt.

Aber es sei kein Zufall, dass beide dieselbe Sprache nutzen, sagt Delana Corazza. „Die Verbindung zwischen den Freikirchen und dem Bolsonarismus hat sich mit den Jahren sehr gefestigt. Die Geistlichen müssen deshalb gar nicht mehr offensiv für rechte Kandidaten werben.“

Aber gerade die arme Arbeiterschicht, aus der viele evangelikal sind, sei volatil in ihrer Wahlentscheidung. „Einige zeigten zuletzt wachsendes Unbehagen damit, wie die Rechten ihre Religion instrumentalisiert haben“, sagt die Soziologin. Lula hat versucht, sich ihnen anzunähern.

Ob das – genau wie seine Offensive in den sozialen Medien – im ausreichenden Maße funktioniert hat, wird sich diesen Sonntag zeigen. Es wäre historisch: Noch nie in der Geschichte der heutigen brasilianischen Demokratie hat ein Kandidat in der Stichwahl gewonnen, nachdem er die erste Wahlrunde verloren hat.

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