Macht KI die Welt ungleicher? Was sich aus der Geschichte lernen lässt
Künstliche Intelligenz könnte die Arbeitswelt komplett umkrempeln. Der Wirtschaftshistoriker Jörg Baten hält die Warnungen vieler Ökonomen für richtig und erklärt, warum große Innovationen in der Geschichte oft erstmal für mehr Ungleichheit gesorgt haben. Ein Interview von Leon Kottmann Macht Künstliche Intelligenz uns alle reicher oder profitieren nur die Hersteller, während der Rest sich um die verbliebenen Jobs streitet? Ein Blick in die Geschichte kann zumindest Hinweise darauf geben, wie der Umbruch durch Künstliche Intelligenz verlaufen kann. Der Tübinger Wirtschaftshistoriker Jörg Baten forscht seit Jahren zu Ungleichheit und zieht im Gespräch mit unserer Redaktion Parallelen zu anderen technologischen Umbrüchen in der Geschichte. Herr Baten, hat die Entwicklung der KI die Welt bislang gleicher oder ungleicher gemacht? Jörg Baten: Kurzfristig ist relativ klar, dass vor allem die Hersteller profitieren. Wie sich das gesamtwirtschaftlich auswirkt, ist statistisch aber noch kaum erfasst. Über die kurzfristigen Effekte lässt sich also einiges sagen, über die mittel- und langfristigen Folgen dagegen noch nichts Verlässliches. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück: Untersucht man historische Innovationen und ihre Wirkung auf Ungleichheit, lässt sich vielleicht ableiten, wohin die Entwicklung bei der KI führen könnte. Welche historische Innovation eignet sich am besten als Parallele? Es gibt eine ganze Reihe, aber besonders aufschlussreich finde ich den Buchdruck und die damit verbundene frühe Bildungsrevolution – also die Fähigkeit, selbst mit Zahlen und Buchstaben umzugehen. Das Paradoxe: Vom späten 15. bis zum 18. Jahrhundert nahm die Ungleichheit in dieser Zeit enorm zu, obwohl Bildung normalerweise als ungleichheitsmindernd gilt. Wie erklären Sie sich dieses Paradox? Die Regionen, die vom Buchdruck profitierten und in denen die Bildung stark zunahm, konnten mehr überlebende Kinder ernähren. Die Bevölkerung wuchs dort besonders stark. Das führte zu einem großen Angebot an Arbeitskräften bei knappem Land. Das erzeugt fast immer Ungleichheit. Für diese frühe Zeit können wir das inzwischen sehr genau messen. Aber KI wird ja kein Bevölkerungswachstum auslösen – zumindest ist darüber noch nichts bekannt. Das stimmt. Aber KI wirkt ähnlich selektiv wie damals die Bildung: Berufseinsteiger etwa werden für bestimmte Tätigkeiten schon jetzt schlechter entlohnt und seltener eingestellt. Gleichzeitig hat KI ja auch das Potenzial, Bildung zu demokratisieren – jeder hat Zugriff auf Wissen und kann sich Inhalte selbst beibringen. Das kommt ganz darauf an, wie es organisiert wird. Wir wissen noch nicht, wie viel Menschen künftig für den Zugang zu KI bezahlen müssen oder wie der Staat das regulieren wird. Genau das ist derzeit das Problem: Dazu können wir noch keine seriösen Prognosen wagen. Was wir jedoch wissen: Viele technische Innovationen führen oft erstmal zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen, machen die Produzenten reicher und führen zu mehr Ungleichheit. Mittel- und langfristig sind die Wirkungen aber oft positiver. Ein historisches Beispiel, das oft genannt wird, sind Webstuhl und Dampfmaschine – beide haben viele Arbeitsplätze gekostet. Absolut, das ist der Klassiker. In der Anfangsphase der Nutzung von Dampftechnologie stieg die Ungleichheit stark. Gut ausgebildete Textilhandwerker konnten mit dieser Innovation nicht mithalten. Dafür wurden wesentlich mehr ungelernte Arbeitskräfte eingestellt, darunter viele Frauen und Kinder zu sehr niedrigen Löhnen. Am Ende dieser Übergangsphase erreichte die Ungleichheit in Europa ein Niveau, das es vorher nie gegeben hatte. 200 Ökonomen haben gewarnt, dass der wirtschaftliche Wandel durch KI die industrielle Revolution sogar übertreffen könnte – weil er sich viel schneller vollzieht. Was macht dieses Tempo mit einer Gesellschaft? Dass die Ökonomen warnen, ist richtig und wichtig – es braucht politische Aktivität, um sinnvoll zu regulieren. Die Gefahren bestehen. Allerdings stehen wir am Anfang einer Entwicklung und können sie deswegen noch nicht genau beziffern. Ungleichheit erhöht das Risiko für Konflikte Werden politische Systeme durch Ungleichheit instabiler? Gilt also: Je höher die Ungleichheit, desto größer das Risiko für einen Umsturz? Genau damit haben wir uns intensiv beschäftigt, speziell mit gewaltsamen Konflikten innerhalb von Ländern. Wir haben ein Prognosemodell für fast 200 Länder über die letzten 200 Jahre gebaut. Das Ergebnis: Höhere Ungleichheit erhöht das Bürgerkriegsrisiko erheblich, selbst wenn man viele andere Faktoren berücksichtigt. Ein Befund, von dem wir hoffen, dass er sich nicht bestätigt: Auch in den USA ist die Bürgerkriegswahrscheinlichkeit gestiegen. Wenn wir bei Webstuhl und Dampfmaschine bleiben: Gab es politische Maßnahmen, die damals die Ungleichheit reduziert haben – und die sich auf den Umgang mit KI übertragen ließen? Ja, durchaus. Der starke Anstieg der Ungleichheit wurde im späten 19. Jahrhundert durch soziale Innovationen wieder ausgeglichen: Sozialversicherung und allgemeine Schulpflicht wirkten deutlich ungleichheitsmindernd. Danach kamen Ausbildung, gestärkte Gewerkschaften und die Sozialdemokratie hinzu. Auch technische Innovationen wie Kunstdünger hatten eine egalisierende Wirkung, weil sich dadurch deutlich mehr Menschen günstige Lebensmittel leisten konnten. Insgesamt sank die Ungleichheit von diesem sehr hohen Niveau bis in die 1970er-Jahre. Bei der Entwicklung von KI sind die USA und China dem Rest der Welt enteilt. Sollte sich die Technologie durchsetzen und weltweit Arbeitskräfte ersetzen, fließt das Geld stattdessen in diese Länder. Gibt es dafür historische Präzedenzfälle? Wir haben bisher vor allem über Ungleichheit innerhalb von Ländern gesprochen. Betrachtet man die Ungleichheit zwischen Ländern, gab es solche Konzentrationen in der Wirtschaftsgeschichte durchaus schon in dramatischer Form – im 19. Jahrhundert etwa hat Großbritannien die anderen Länder dominiert. In welcher Industrie war Großbritannien damals so weit voraus? Vor allem in der Textilindustrie, insbesondere bei Baumwolltextilien. Das machte damals einen erheblichen Anteil am gesamten Welthandel aus. Kann man sich als Land gegen solche Entwicklungen abschotten, um die heimische Industrie zu schützen? Es wurde oft versucht, hat aber in der Regel nicht funktioniert. Der krasseste Fall war die napoleonische Kontinentalsperre, mit der die Europäer englische Produkte vom Kontinent ausschlossen. Einige Jahre lang konnten europäische Produzenten dadurch deutlich mehr absetzen. Doch als Napoleons Herrschaft über Europa endete, brach das System zusammen – und die Anpassung danach traf die Europäer noch viel härter.