Machtkampf in Kiew: Druck auf Selenskyj wird größer
"Bringt Fedorow zurück" Machtkampf in Kiew Von t-online, wan Aktualisiert am 18.07.2026 - 03:19 UhrLesedauer: 3 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! In Kiew fordern Bürger die Wiedereinsetzung von Mychailo Fedorow. Der abgelöste Verteidigungsminister und Berater von ihm erheben Vorwürfe gegen Armeechef Syrsky. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben am Freitagabend erneut Tausende Menschen gegen die Ablösung des Verteidigungsministers Mychailo Fedorow protestiert. Die Demonstrierenden schwenkten ukrainische Flaggen und hielten Plakate mit der Aufschrift "Bringt Fedorow zurück!" und "Respektiert das Volk!" hoch, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Fedorow war am Mittwoch im Zuge einer umfassenden Regierungsumbildung von Präsident Wolodymyr Selenskyj zurückgetreten. Der Staatschef begründete die Neuaufstellung des Kabinetts mit "neuen Herausforderungen und Aufgaben". Der 35 Jahre alte Minister gilt als Reformer, der das Beschaffungswesen für die Armee verändert hat und der stark auf Technisierung und Digitalisierung der ukrainischen Verteidigung setzt. Allerdings lag Fedorow, wie er selbst eingesteht, in einem Dauerstreit mit General Syrskyj. Es ging dabei vor allem um die Modernisierung und welche Waffen Vorrang haben. Fedorow setzt auf Drohnen, während Syrskyj auf klassische Waffen wie Panzer und Haubitzen nicht verzichten will. Die Ablösung des geschassten Verteidigungsministers stößt jedoch auf spürbaren Widerstand in der Bevölkerung. Es zeichnet sich ein Machtkampf zwischen Federow und seinen Anhängern mit Präsident Selenskyj und dessen Armeechef Oleksander Syrskyj ab. Krieg gegen die Ukraine: Alle aktuellen Meldungen Selenskyj trennt sich von beliebtem Minister: Streit mit General? Fedorow spricht von Ultimatum gegen ihn Nach seinem Rückzug erhob Fedorow schwere Vorwürfe gegen die militärische Führung. Armeechef Oleksander Syrskyj habe seine Entlassung mit einem Ultimatum erzwungen, erklärte der ehemalige Minister. "In dieser Konstellation weiß ich persönlich nicht, wie der Krieg gewonnen werden kann", sagte Fedorow. Zugleich kritisierte er langsame bürokratische Abläufe und mangelnde Flexibilität innerhalb der Streitkräfte. Andrij Tkachuk, Major der ukrainischen Armee und Politologe, erklärte in einem Interview mit Radio NV, dass das Militär die Entlassung von Verteidigungsminister Mychailo Fedorow aufmerksam verfolge. "Ich bedauere aufrichtig, dass Minister Fedorow keine Gelegenheit hatte, das zu Ende zu bringen, was er begonnen hat. Ich wünschte, man hätte ihm wenigstens noch ein weiteres Jahr Zeit gegeben, um die von ihm eingeleiteten Reformen abzuschließen. Gleichzeitig hoffe ich, dass der Austausch einer Person die positiven Veränderungen, die im Militär bereits im Gange sind, nicht zunichte macht. Im Gegenteil, ich hoffe, dass diese Reformen fortgesetzt werden", sagte er. Hat Syrskyj Vorfälle vertuscht? Ein ehemaliger Berater des entlassenen Verteidigungsministers Mychailo Fedorov hat Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj vorgeworfen, Vorfälle von Beschuss durch eigene Truppen vertuscht und einige ukrainische Brigaden angesichts der russischen Angriffe absichtlich geschwächt zu haben. "Desorientiert griffen (ukrainische Truppen) versehentlich die Stellungen einer anderen ukrainischen Brigade an. Es kam zu einem Vorfall mit Eigenbeschuss. Soldaten einer anderen ukrainischen Brigade wurden getötet. Auch die Soldaten, die zu diesem Angriff entsandt worden waren, kamen ums Leben", sagte er. Sternenko erklärte, der Angriff sei von Truppen unter dem Kommando des mittlerweile suspendierten Kommandeurs des 425. "Skelia"-Regiments, Jurij Harkawyi, durchgeführt worden. Er habe sie zu einem gepanzerten Angriff geschickt, ohne benachbarte ukrainische Einheiten zu benachrichtigen oder eine Aufklärung durchzuführen. Laut Sternenko fuhr die Kolonne in ukrainische Minenfelder, bevor sie unter russisches Artillerie- und Drohnenfeuer geriet. Die überlebenden Soldaten verloren daraufhin die Orientierung und griffen versehentlich die Stellungen einer anderen ukrainischen Einheit an. Sternenko behauptete, anstatt den Vorfall zu untersuchen und Harkavyi zu entlassen, habe die ukrainische Militärführung versucht, ihn zu diskreditieren, nachdem er öffentlich über den Angriff geschrieben hatte. Serhii "Flash" Beskrestnow, ebenfalls Berater des ehemaligen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow, hat eine neue Position im Verteidigungsministerium abgelehnt. "Präsident (Wolodymyr Selenskyj) hat mir eine Position in der neuen Zusammensetzung des Verteidigungsministeriums angeboten, die ich jedoch abgelehnt habe. Ich bin Mitglied von Fedorows Team. Ich bin auf seine Einladung hin als sein persönlicher Berater ins Verteidigungsministerium gekommen, und aus moralischen Gründen kann ich ohne Mychailo nicht im Verteidigungsministerium bleiben", sagte Beskrestnow. Er nahm jedoch eine Rolle als Berater des Präsidenten für Verteidigungstechnologien an, wie er am 17. Juli mitteilte. Fedorow stand für eine Modernisierung Für viele Ukrainer verkörperte der erst seit sechs Monaten amtierende Verteidigungsminister die Modernisierung der von Bürokratie und Korruptionsvorwürfen belasteten Armee. Fedorow hatte die Digitalisierung der Streitkräfte vorangetrieben und den Einsatz von Drohnen verstärkt. Unter seiner Leitung wurden die Bezüge der Soldaten deutlich erhöht, zudem ließ er Pläne für eine schrittweise Demobilisierung ausarbeiten. Die anhaltenden Proteste in Kiew machen sichtbar, wie umstritten der Kurs der Regierung bei der Neuaufstellung von Militärführung und Kabinett ist. Für viele Demonstrierende bleibt Fedorow ein Symbol für den Versuch, die ukrainische Armee unter Kriegsbedingungen zu reformieren – sein Abgang wird von ihnen als Rückschritt empfunden.