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Machtkampf um Arbeitszeit und Privilegien in der Autokrise

Wirtschaft

Am kommenden Montag werden vor den Werkstoren von Mercedes in Sindelfingen, von Porsche in Zuffenhausen und von vielen anderen deutschen Autofabriken rote Fahnen wehen. Die Gewerkschaft IG Metall ruft die Beschäftigten der Branche zu einem «Aktionstag» auf. Der soll «ein Zeichen für Investitionen, Beschäftigungssicherung und zukunftsfähige Industriestandorte» setzen. Kurzfristige Programme zur Kostensenkung lehnt die Gewerkschaft ab, die Folgen der derzeitigen Krise dürften «nicht einseitig auf die Beschäftigten abgewälzt werden».

Mit der an diesem Donnerstag angekündigten Aktion kämpft die Gewerkschaft um Arbeitsplätze und um Privilegien, die sie über Jahrzehnte erstritten hat. Wegen der dramatischen Situation der wichtigsten deutschen Industrie stehen diese derzeit unter Druck wie nie.

Die Gewerkschaft kämpft aber auch dagegen an, dass die Autokrise zu ihrer eigenen Krise wird. Eine der mächtigsten Institutionen Deutschlands muss wie selten zuvor um ihren Einfluss ringen.

Die IG Metall hat mehr als 10 Prozent der Mitglieder verloren

Die IG Metall ist weiterhin die grösste Einzelgewerkschaft Europas. Nach vielen Jahren der Stabilität hat sie seit 2020 jedoch mehr als 10 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Hält der Trend an, dürfte die Zahl der Gewerkschafter bis Ende des Jahres erstmals unter die Marke von 2 Millionen fallen. Da Mitglieder normalerweise ein Prozent ihrer in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich gestiegenen Löhne an die Organisation überweisen, sind deren Einnahmen bisher stabil geblieben. Mittelfristig könnte sie aber auch finanziell unter Druck geraten.

Wichtigster Grund für den Schwund ist der Abbau von Arbeitsplätzen in der deutschen Industrie. In den für die Gewerkschaft zentralen Branchen Metall, Autobau und Elektro hat sich die Zahl der Stellen seit 2020 um fast 300 000 reduziert. Durch den Aderlass schrumpft auch der Abstand zur im öffentlichen Dienst starken Gewerkschaft Verdi. 2023 zählte diese noch fast 300 000 Mitglieder weniger als die IG Metall, Ende 2025 betrug der Unterschied nur noch gut 150 000.

Der Einfluss in den einzelnen Unternehmen ist trotz dem Schwund bisher relativ konstant geblieben. Bei der letzten Betriebsratswahl entfielen durchschnittlich rund 75 Prozent der Stimmen auf die Kandidaten der grössten Gewerkschaft. Besonders stark ist ihre Position in der Autoindustrie. Bei Volkswagen erreichte die IG Metall zuletzt ein Ergebnis von 85 Prozent.

Der Vizekanzler will Solidarität zeigen

In dem Konzern hat sie auch deshalb eine starke Stellung, weil ihre Abgesandten gemeinsam mit den Vertretern des Landes Niedersachsen die Mehrheit im Aufsichtsrat stellen. In der gegenwärtigen Krise des Autobauers zeigte sich das besonders deutlich. Olaf Lies, der sozialdemokratische Ministerpräsident Niedersachsens, trat bei mehreren Veranstaltungen in VW-Werken an der Seite der Betriebsratschefin Daniela Cavallo auf. An diesem Donnerstag hat auch sein Parteikollege Lars Klingbeil die Arbeitnehmervertreter in Wolfsburg besucht. Es sei ihm wichtig gewesen, ein «klares Zeichen der Solidarität zu senden», sagte der Vizekanzler anschliessend.

Traditionell ist die Verbindung zwischen Gewerkschaft und SPD besonders eng, auch die Linkspartei steht der IG Metall bei vielen Themen nahe. In ihrer Klientel ist das Bild weniger eindeutig. Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten 38 Prozent der Arbeiter für die AfD, in keiner anderen Berufsgruppe konnte die Partei so stark punkten.

Mit einem klaren Anti-Elektroauto-Kurs wirbt die AfD gezielt um die verunsicherten Beschäftigten der Branche, Spitzenpolitiker der Partei schenkten auch schon vor dem Werkstor von Mercedes Kaffee aus. Bisher konnten ihr nahestehende Gewerkschaften auch im Osten Deutschlands noch keine grossen Erfolge erzielen. Die IG Metall hat sich von der Partei klar abgegrenzt und beteiligt sich regelmässig an den gegen sie gerichteten Demonstrationen.

In der derzeitigen Branchenkrise geht es für die Gewerkschaft nun um einen Spagat zwischen Einsicht in die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten und Verteidigung über Jahrzehnte erkämpfter Privilegien. «Wir erleben keine konjunkturelle Delle, sondern einen strukturellen Bruch», sagte Barbara Resch, die Vorsitzende des wichtigsten Bezirks Baden-Württemberg, kürzlich der NZZ. Die Gewerkschaft wehre sich dennoch gegen «Generalangriffe» auf Arbeitnehmerrechte.

Zu denen zählt sie auch die 35-Stunden-Woche. Im härtesten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte die IG Metall 1984 durchgesetzt, dass die wöchentliche Arbeitszeit in mehreren Schritten bei vollem Lohnausgleich um 5 Stunden reduziert wird. Derzeit will insbesondere Mercedes zur 40-Stunden-Woche zurückkehren. Der Autobauer drohte jüngst sogar damit, ein Werk zu schliessen, wenn sich die Arbeitnehmer diesem Schritt hartnäckig widersetzen sollten.

Auf dem Prüfstand stehen aber auch weitere Privilegien wie in Tarifverträgen garantierte Boni und bezahlte Pausen. Früher konnte sich die Branche diese leisten. Diese guten Zeiten sind vorbei.

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