DAX +0,03 % 26.331,07 Pkt 18:00:00 MDAX +0,26 % 32.335,17 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,26 % 6.533,99 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,38 % 53.770,27 Pkt 22:43:59 S&P 500 -0,06 % 7.748,50 Pkt 22:36:53 Nasdaq -0,06 % 26.588,49 Pkt 23:15:59 Nikkei +1,26 % 68.375,07 Pkt 03:47:35 Gold +1,97 % 4.469,30 USD 03:52:35 Silber +1,14 % 65,51 USD 03:52:33 Brent -0,98 % 88,04 USD 03:52:21 WTI -1,06 % 82,32 USD 03:52:33 Bitcoin -0,03 % 63.388,81 USD 04:02:33 EUR/USD -0,13 % 1,15290 USD 04:02:21 EUR/GBP -0,02 % 0,85420 GBP 04:02:39 EUR/CHF +0,15 % 0,93760 CHF 04:02:38 EUR/JPY -0,10 % 183,658 JPY 04:02:38

Machtwechsel

Welt

Das sind Zah­len, die man noch vor 25 Jah­ren nach einer gut geschrie­be­nen FAZ-Rezen­si­on abset­zen konn­te, und zwar ohne Ver­lin­kung. Man hät­te es aber damals nur dann machen kön­nen, wenn man als Ver­lag bei einem der drei rele­van­ten Gros­sis­ten (Libri, KNV, Umbreit) gelis­tet, also in des­sen Sor­ti­ment und Daten­bank für jeden Buch­händ­ler auf­find­bar gewe­sen wäre. Antai­os ist bei kei­nem die­ser drei Gros­sis­ten mehr gelis­tet, die Kün­di­gun­gen erfolg­ten schon vor Jah­ren ohne Anga­be von Grün­den. Das Heer­la­ger der Hei­li­gen kann also über den Buch­han­del nicht ohne wei­te­res bestellt wer­den – eine Über-Nacht-Lie­fe­rung ist dort­hin seit der Strei­chung sowie­so völ­lig ausgeschlossen. Der Wett­be­werbs­nach­teil im Rin­gen um Leser und Prä­senz (über den ich mich nicht bekla­ge, den ich hier­mit aber wie­der ein­mal kon­sta­tie­re) ist für einen Ver­lag mit meta­po­li­ti­schem Anspruch eine erns­te Sache. Es geht im “erwei­ter­ten Ver­le­ger­tum” nicht nur um den Brot­er­werb, son­dern auch um welt­an­schau­li­chen Einfluß. Der eige­ne, über Jah­re pro­fes­sio­nell auf­ge­bau­te Ver­sand und die zuver­läs­si­gen Zweit­ver­käu­fer kom­pen­sie­ren die Benach­tei­li­gung nicht voll­stän­dig. Die par­ti­el­le Unsicht­bar­keit ist für einen Ver­lag also kein Pap­pen­stiel, und die direk­te Ver­lin­kung ist aus die­sem Grund wie ein offe­nes Tür­chen in einer Brandmauer. Die­ses Tür­chen hat der ehe­ma­li­ge Welt-Jour­na­list Robin Alex­an­der bemerkt. Er spricht dar­über mit sei­ner Kol­le­gin Dag­mar Rosen­feld im Pod­cast “Macht­wech­sel” (hier ab Minu­te 24.30) , den sie zusam­men seit 2021 betrei­ben, und mißt der Emp­feh­lung des Heer­la­gers durch Mar­ten­stein ein grö­ße­res Gewicht bei als wei­te­ren erober­ten zwei Pro­zent­punk­ten für die AfD bei einer Landtagswahl. Um dies zu begrün­den, holt Alex­an­der weit aus und beschreibt die Emp­feh­lung durch Mar­ten­stein als Ergeb­nis eines stra­te­gi­schen Han­delns, mit dem mein Ver­lag früh begon­nen habe. Drei Pha­sen erkennt er: 1. Bis zur Grün­dung der AfD habe Antai­os Schu­lun­gen in gutem Beneh­men für Dorf­na­zis angeboten. 2. Mit Grün­dung der AfD sei man auf Kaper­fahrt gegan­gen und habe mit Wucht und Skru­pel­lo­sig­keit die AfD jenen euro­kri­ti­schen Pro­fes­so­ren, die sie gegrün­det hat­ten, aus der Hand gewun­den und zu einem dezi­diert neu­rech­ten Pro­jekt gemacht. 3. Seit­her habe Antai­os mit Esels­ge­duld einen Boh­rer nach dem ande­ren ange­setzt, um durch die Brand­mau­er im Feuil­le­ton zu sto­ßen und Din­ge an Stel­len zu pla­zie­ren, wo sie zuvor nicht waren. Das alles stimmt. Nur die läs­si­ge Beschrei­bung von Pha­se 1 bedarf einer Kor­rek­tur: Der Schu­lungs­an­satz der Neu­en Rech­ten setz­te nicht bei Dorf­na­zis an, son­dern beim gebil­de­ten Teil jener Jahr­gän­ge, die in Ober­stu­fe und Uni­ver­si­tät eine Gedan­ken­welt rechts der Mit­te nicht antra­fen und sich auf die Suche danach bega­ben. Das waren im Ver­lauf der letz­ten 25 Jah­re ein paar Tau­send, und ein paar Hun­dert davon arbei­ten mitt­ler­wei­le in Ver­la­gen, Medi­en­häu­sern, bei der AfD. Fünf Dut­zend sind Mandatsträger. Ich bin davon über­zeugt, daß vie­le Ver­la­ge und vie­le Publi­zis­ten (auch sol­che vom Schla­ge Robin Alex­an­ders) viel dafür geben wür­den, wenn auch sie stun­den­lang von einem Auf­bruch und Auf­bau erzäh­len könn­ten, wie Antai­os ihn meis­ter­te. Fast alles war neu, erst­mals, ein­ma­lig, und es ver­dich­te­te sich von Jahr zu Jahr, und die­se Ver­dich­tung war zugleich eine Suche und ein Abwarten. Denn das, was über die neu­rech­te Sze­ne, die eine Nische war, hin­aus­füh­ren konn­te, muß­te aus der Mit­te kom­men, und es kam. Man­che Beob­ach­ter der Sze­ne tun bis heu­te so, als sei es nicht legi­tim gewe­sen, die AfD 2015 zu kapern. Indes: War­um soll­te es nicht statt­haft gewe­sen sein? Es funk­tio­nier­te, Punkt. Dazu muß­te man kei­nen Gramsci gele­sen haben (hat­te auch kei­ner), son­dern aktu­el­le­res, etwas aus der jün­ge­ren Geschich­te der BRD, aus der Hoch­pha­se der Neu­en Lin­ken. Drei Vor­bil­der, drei Stu­di­en­ob­jek­te: Wenn wir etwas getan haben, dann genau zu ana­ly­sie­ren und nach der Lek­tü­re die Pro­zes­se zu verinnerlichen: Da war zum einen die Über­nah­me der gro­ßen, per se kon­ser­va­ti­ven, hei­mat­ver­bun­de­nen Pfad­fin­der­bün­de und bün­di­schen Grup­pen durch lin­ke, sozia­lis­ti­sche Grup­pen. Die Beschäf­ti­gung damit lag nahe: Man war ja selbst auch bün­disch. Die Lek­tü­re war in die­sem Bereich spär­lich, sehr viel ergie­bi­ger waren Gesprä­che mit Zeit­zeu­gen – Ende der 60er, Anfang der 70er Jah­re lief das ab. Pro­mi­nen­ter war die Kape­rung der frü­hen Grü­nen durch K‑Gruppen rund um Fischer, Trit­tin, Strö­be­le und ande­re. Die grü­nen Impul­se aus der Uni­on waren stets gebun­den gewe­sen an Hei­mat­schutz, Land­schafts­schutz, regio­na­le Ver­or­tung und Anti­glo­ba­lis­mus. Gegen die­ses unbe­darft Gras­wur­ze­li­ge hat­ten die kom­mu­nis­tisch geschul­ten Kader leich­tes Spiel. Die Lite­ra­tur­la­ge war satt, die Gesprä­che mit Rabehl, Maschke, Spring­mann, Gruhl sehr ergiebig. Wich­tig war zuletzt das Stu­di­um der Durch­drin­gung von Uni­ver­si­tä­ten und Leh­rer­ver­bän­den mit links­ra­di­ka­len päd­ago­gi­schen Ansät­zen und Lehr­sät­zen. Drei Vor­le­sun­gen bei Wolf­gang Klaf­ki, eini­ge bei Micha Brum­lik und sei­ner päd­ago­gi­schen Assis­ten­tin Sabi­ne And­re­sen (heu­te Pro­fes­so­rin in Frankfurt/Main), dane­ben die Hilf­lo­sig­keit von Chris­ta Meves – das ersetz­te einen hal­ben Regal­me­ter Ana­ly­se. Man stand fas­sungs­los vor der nai­ven Netz­werk­po­li­tik kon­ser­va­ti­ver Pro­fes­so­ren, vor ihrer selbst­mör­de­ri­schen Groß­zü­gig­keit, wenn es dar­um ging, dezi­diert lin­ke Bewer­ber in Ämter heben zu helfen. Was also? Soll­ten wir, als es 2014, 2015 end­lich soweit war, mit dem­sel­ben kon­ser­va­tiv-vor­neh­men Skru­pel zuse­hen, wie etwas, das rechts hät­te sein kön­nen, libe­ral­kon­ser­va­tiv ste­hen­blieb? Es ist völ­lig uner­heb­lich, ob in Thü­rin­gen, Sach­sen-Anhalt, Bran­den­burg die AfD trotz oder wegen die­ser ein­deu­ti­gen Kurs­vor­ga­be nach rechts so erfolg­reich ist und sogar bun­des­weit alle ande­ren weit abge­hängt hat. Sie ist da, sie ist rechts, sie greift nach der Macht, und Mil­lio­nen Wäh­ler wol­len nichts ande­res als einen Macht­wech­sel, also: die­sen Machtwechsel. Wie­viel am Ende von der welt­an­schau­li­chen Grund­sätz­lich­keit übrig­ge­blie­ben sein wird, wenn eine Wei­le regiert wor­den ist, das weiß kei­ner. Das ursprüng­lich Libe­ral­kon­ser­va­ti­ve hät­te jeden­falls nur etwas Nicht-Spür­ba­res nach sich gezogen. Spür­bar ist jetzt schon das, was spä­ter in Rück­bli­cken letzt­lich als das maxi­mal Erreich­ba­re beschrie­ben wer­den wird: In Deutsch­land bil­det sich ein gro­ßes, welt­an­schau­lich alter­na­ti­ves, bis­her nicht vor­han­de­nes Milieu her­aus, das in andert­halb Jahr­zehn­ten eine Par­tei, Ver­la­ge, Pro­jek­te, Insti­tu­tio­nen, Medi­en, Häu­ser, Lehr­stüh­le, Ver­ei­ne, Stif­tun­gen, Unter­neh­mer- und Arbei­ter­ver­bän­de und Seg­men­te einer rekon­stru­ier­ten Gläu­big­keit umfas­sen wird. Die­ses Milieu wird Archi­tek­ten, Künst­ler, Leh­rer, Musi­ker, Poli­ti­ker, Minis­ter, Publi­zis­ten, Poli­zis­ten, Bür­ger­meis­ter her­vor­brin­gen und sicht­bar und wirk­mäch­tig sein. Wir wer­den auf dem Weg dort­hin Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen rech­ten Fun­dis und rech­ten Rea­los erle­ben, aber rechts wer­den sie alle sein. Das poli­ti­sche Sys­tem der BRD wird ergänzt wor­den sein. Harald Mar­ten­stein wird noch etli­che Male sym­pa­thi­siert, Robin Alex­an­der noch in dut­zen­den Fol­gen sei­nes Pod­casts dar­über gere­det haben, wie es so weit hat kom­men kön­nen. Dabei weiß er es doch: So füh­len sich Macht­wech­sel an, exak­ter ver­mut­lich Macht­be­tei­li­gun­gen. Nichts ist nor­ma­ler für das ins abnor­ma­le abge­rutsch­te Deutschland.

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