Mädchen und junge Frauen immer unzufriedener - aber warum?
Die Lebenszufriedenheit junger Menschen sinkt. Besonders auffällig ist, dass Mädchen deutlich unglücklicher sind als ihre männlichen Altersgenossen. Was ist da passiert?
Ein Interview
von Lara Lattek
Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass der Verlauf unseres Lebensglücks einem bestimmten Muster folgt: In jungen Jahren geht die Kurve nach oben, im Laufe des Erwachsenenlebens wieder nach unten – um dann im Alter wieder deutlich anzusteigen.
Doch die Zeiten haben sich geändert und Studien zeichnen inzwischen ein anderes Bild. Gerade bei jungen Menschen sinkt die Lebenszufriedenheit, während Einsamkeit und psychische Belastungen zunehmen. Eine Studie der Verhaltenspsychologin Julia Rohrer zeigt: Besonders Mädchen und junge Frauen sind davon betroffen.
Was steckt hinter dieser Entwicklung? Und warum fällt es jungen Frauen heute offenbar schwerer, Zufriedenheit und Zuversicht zu empfinden?
Frau Rohrer, in den sozialen Medien erzählen immer mehr junge Frauen offen davon, kaum Freunde zu haben. Ist das nur ein Online-Trend – oder spiegelt sich darin die Lebensrealität junger Menschen?
Julia Rohrer: Das spiegelt die Lebensrealität durchaus wider, ist aber nicht neu. Schon in älteren Filmen gibt es immer wieder das Motiv der Außenseiterin in der Schule, die sagt, sie habe keine Freunde. Dass sich junge Menschen einsam fühlen, ist also gewissermaßen eine kulturelle Konstante.
Heißt das also, junge Menschen sind heute nicht einsamer als früher?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Menschen heute insgesamt mehr Zeit allein verbringen. Und das betrifft nicht nur junge Menschen. Ob sie sich dadurch einsam fühlen, ist ein sehr subjektives Gefühl. Dennoch zeigen Daten, dass Einsamkeit bei jungen Menschen tendenziell zunimmt.
Woran liegt das? Schließlich können wir heute jederzeit mit anderen in Kontakt treten.
Heute kommuniziert man vielleicht häufiger mit anderen, trifft sich aber nicht unbedingt öfter persönlich. Gleichzeitig können soziale Medien unsere Erwartungen an das eigene Sozialleben verändern. Wenn man ständig sieht, was andere unternehmen, entsteht schnell das Gefühl, man müsse selbst auch immer etwas erleben. Ein weiterer Faktor könnten die immer kleiner werdenden Familien sein. Gerade Geschwister sind für Jugendliche wichtige soziale Kontakte, mit denen sie automatisch viel Zeit verbringen.
Die sozialen Medien stehen umgekehrt aber auch im Verdacht, Menschen unglücklich zu machen.
Dafür gibt es erstaunlich wenig belastbare Evidenz. So können die sozialen Medien für manche hilfreich sein, für andere aber auch belastend wirken. Beispielsweise, wenn man ständig sieht, wie glücklich, erfolgreich oder schlank andere scheinbar sind. Gerade Mädchen interessieren sich tendenziell stärker für psychologische Themen und suchen entsprechende Inhalte häufiger in den sozialen Medien. Dadurch beschäftigen sie sich intensiver mit ihren eigenen Gefühlen und nehmen negative Gefühle möglicherweise bewusster wahr. Eine Studie aus Großbritannien zeigt sogar, dass Schülerinnen teilweise von einer geringeren Lebenszufriedenheit berichten, wenn Schulen einen verstärkten Fokus auf psychische Gesundheit und Selbstreflexion legen.
Was zeigt Ihre eigene Studie über die Lebenszufriedenheit junger Menschen in Leipzig?
In Leipzig ist die Lebenszufriedenheit bei beiden Geschlechtern etwas gesunken, bei den Mädchen aber deutlich stärker. Gerade bei Freundschaften und bei der Freizeitgestaltung sehen wir bei ihnen eine Verschlechterung. Gleichzeitig ist natürlich zwischen 2010 und 2023 unglaublich viel passiert, allem voran die Corona-Pandemie.
Über die Leipziger Jugendstudie
Für die Studie wurden 2010, 2015 und 2023 jeweils rund 2.000 bis 3.000 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren im Schulkontext befragt.
Insgesamt flossen die Antworten von rund 4.800 Jugendlichen in die aktuelle Auswertung ein. Untersucht wurde unter anderem, wie zufrieden die Jugendlichen mit ihrem Leben sind.
Die Pandemie hat Mädchen und Jungen gleichermaßen getroffen. Warum scheint sie sich bei Mädchen trotzdem stärker auszuwirken?
Das ist schwer zu sagen. Eine Hypothese wäre, dass bei Jungen Online-Gaming dazu beiträgt, Freundschaften auch digital aufrechtzuerhalten – man verabredet sich zum gemeinsamen Spielen und bleibt so in Kontakt. Bei Mädchen scheint diese Form des digitalen Soziallebens weniger gut zu funktionieren, sodass die Umstellung für sie schwieriger gewesen sein könnte.
Was könnte den Unterschied zwischen Mädchen und Jungen noch erklären?
Mädchen reflektieren möglicherweise stärker ihre Gefühle und ihre Lebenssituation. Zudem hat sich die Wahrnehmung von Geschlechterverhältnissen verändert. Mädchen fragen sich möglicherweise stärker, wie gleichberechtigt sie sich im Vergleich zu Jungen fühlen, welche Freiheiten Jungen haben oder welche Erwartungen an sie gestellt werden. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Lebenssituation kritischer bewerten.
Laut Ihrer Studie ist der Rückgang der Lebenszufriedenheit bei Mädchen mit Migrationshintergrund besonders stark. Warum?
Ja, dieser Befund könnte mit Mädchen aus muslimisch geprägten Ländern zusammenhängen. Ein möglicher Grund dafür sind Konflikte mit den Eltern.
Was für Konflikte sind das?
Mädchen passen sich oft stärker an die Geschlechterverhältnisse in ihrer neuen Umgebung an. Dadurch erleben sie möglicherweise einen größeren Unterschied zu den Erwartungen ihrer Familie. Sie haben möglicherweise andere Vorstellungen davon, wie sie leben möchten, welche Freiheiten sie haben wollen oder mit wem sie eine Beziehung eingehen möchten. Bei Jungen gibt es in dieser Hinsicht oft weniger Reibung.
Inwiefern belasten Krieg, Klimakrise und andere Zukunftsfragen junge Menschen zusätzlich?
Ich wäre vorsichtig mit der Aussage, dass wir heute stärker von Krisen betroffen sind als damals. Krisen gab es immer. Während des Kalten Krieges hatten die Menschen beispielsweise Angst vor einem Atomkrieg. Was sich verändert hat, ist, wie präsent diese Krisen sind. Der öffentliche Diskurs konzentriert sich stark auf das, was schlecht läuft und was noch schlimmer werden könnte.
Und das kann natürlich permanent über das Internet auf die Menschen einwirken.
Genau. Wenn Menschen ständig das Gefühl vermittelt bekommen, dass alles schlimmer wird und die Zukunft nur noch bergab geht, kann das natürlich deprimierend sein und die Lebenszufriedenheit beeinflussen. Durch das Smartphone sind Krieg, Krisen und Katastrophen heute jederzeit präsent – nicht nur einmal am Tag in den Nachrichten, sondern als ständiges Hintergrundrauschen. Fortschritte und positive Entwicklungen bekommen dagegen oft deutlich weniger Aufmerksamkeit. Gerade vor diesem Hintergrund finde ich es bemerkenswert, wie zufrieden junge Menschen im Allgemeinen trotzdem sind. Das spricht für eine gewisse Resilienz.
In der öffentlichen Debatte entsteht dagegen oft der Eindruck, dass gerade junge Menschen zunehmend perspektivlos werden.
Es gibt einzelne Forschende, die dieses pessimistische Bild sehr vehement vertreten und damit auch in den Medien präsent sind. In der Wissenschaftscommunity wird das allerdings deutlich kritischer gesehen, da die Daten dieses Bild nicht stützen. Es gibt eben nicht die unglückliche Jugend. Einige Jugendliche sind sehr zufrieden, andere sehr unzufrieden.