Makuladegeneration: Netzhaut-Chip gibt Erblindeten Sehfunktion zurück
Ein neuartiger Netzhaut-Chip kann Menschen mit einer fortgeschrittenen trockenen altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) erstmals einen Teil ihres verloren gegangenen zentralen Sehvermögens zurückgeben. Wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) auf einer Kongress-Pressekonferenz anlässlich der DOG 2026 mitteilte, markiert die Technologie einen Paradigmenwechsel, da ein bereits eingetretener Funktionsverlust bislang nicht rückgängig gemacht werden konnte. In Deutschland leben rund eine Million Menschen mit einer diagnostizierten AMD, wovon schätzungsweise 400.000 von der fortgeschrittenen trockenen Form, der sogenannten geografischen Atrophie (GA), betroffen sind. Bei dieser Erkrankung gehen die Photorezeptoren im Zentrum der Netzhaut schrittweise zugrunde, wodurch die Patienten die Fähigkeit zum Lesen oder Gesichtererkennen verlieren.
Das neu zugelassene Implantat namens PRIMA übernimmt technisch die Funktion der zerstörten Photorezeptoren. Das zwei mal zwei Millimeter große und 30 Mikrometer dünne System enthält 378 photovoltaische Pixel und wird unter die Netzhaut eingesetzt. Eine spezielle Kamerabrille erfasst die Umgebung und projiziert die Bildinformationen per Nahinfrarotlicht auf das Implantat. Die photovoltaischen Elemente wandeln das Licht kabellos und ohne Batterie in elektrische Signale um, welche die verbliebenen Nervenzellen der Netzhaut stimulieren.
Die Wirksamkeit der Methode wurde in der internationalen Zulassungsstudie PRIMAvera mit 38 Patienten untersucht. Nach zwölf Monaten zeigte sich bei 81 Prozent der ausgewerteten Teilnehmer eine klinisch relevante Verbesserung der Sehschärfe um mindestens zehn ETDRS-Buchstaben, was etwa zwei Zeilen auf der Sehtafel entspricht. Die Betroffenen konnten dadurch wieder Muster, Buchstaben, Zahlen und Wörter erkennen, während die natürliche Sehfunktion außerhalb des behandelten Areals im Durchschnitt erhalten blieb. Die Technologie hat im Juli 2026 die europäische CE-Kennzeichnung erhalten.
Die DOG betont jedoch, dass das Implantat kein normales Sehvermögen ersetzt. Auflösung und Gesichtsfeld seien limitiert, ein Farbsehen sei nicht möglich und die Nutzung müsse in einer monatelangen Rehabilitation erlernt werden. Zudem erfordert das Einsetzen einen hochspezialisierten chirurgischen Eingriff. Derzeit ist der Zugang auf spezialisierte Studien- und Netzhautzentren beschränkt, und auch die Erstattungsmodelle für die Kosten sind noch ungeklärt. Zukünftige Implantat-Generationen sollen höhere Auflösungen und größere Gesichtsfelder ermöglichen.
Die Ergebnisse der zugrundeliegenden Studie wurden im New England Journal of Medicine unter der DOI 10.1056/NEJMoa2501396 veröffentlicht.
Literatur:
1. Holz FG, Le Mer Y, Muqit MMK, Hattenbach LO et al. Subretinal Photovoltaic Implant to Restore Vision in Geographic Atrophy Due to AMD. N Engl J Med. 2026;394(3):232-242. doi:10.1056/NEJMoa2501396.
2. ClinicalTrials.gov. PRIMAvera: Clinical Study of the PRIMA System in Patients With Atrophic Dry Age-Related Macular Degeneration. NCT04676854.
3. Vujosevic S, Alovisi C, Chakravarthy U. Epidemiology of geographic atrophy and its precursor features of intermediate age-related macular degeneration. Acta Ophthalmol. 2023;101(8):839-856.
4. Palanker D, Le Mer Y, Mohand-Said S, Muqit MMK, Sahel JA et al. Photovoltaic Restoration of Central Vision in Atrophic Age-Related Macular Degeneration. Ophthalmology. 2020;127(8):1097-1104.
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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