Marathon: Tigst Assefa erleidet Verletzung kurz vor dem Weltrekord
Als das Rennen bereits zwei Stunden zurücklag, bewegten sich die Spitzenläufer langsam aufs Podium zur Pressekonferenz. Der Lauf hatte Kraft gekostet, wie jeder Marathon. Aber vielleicht war der Berlin-Marathon in diesem Jahr besonders anstrengend – und aufregend.
Bei der Männerkonkurrenz fand ein echter „Meisterschaftskampf“ statt, wie es Renndirektor Mark Milde formulierte. Der Weltrekord von Sabastian Sawe, der in diesem Jahr verletzungsbedingt nicht teilnehmen konnte, war für die Favoriten außer Reichweite.
Der Einzige, der nach dem Lauf noch einen frischen Eindruck machte, war der Sieger: Guye Adola. Der 35-Jährige war zwölf Kilometer vor dem Ziel seinen Verfolgern davongelaufen und gewann das Rennen in 2:02:50 Stunden. „Ich habe mich großartig gefühlt und mir war vor dem Start klar, dass ich das Ding heute machen werde.“
Adola ist kein Unbekannter in Berlin. 2021 lief er bereits als Erster durchs Ziel nahe dem Brandenburger Tor und distanzierte dabei sogar Eliud Kipchoge, den Großmeister der Marathonstrecke.
Und trotzdem: „Ich habe heute gemischte Gefühle“, sagte Milde. Der Elefant im Raum war groß. Adolas Landsfrau Tigst Assefa konnte der Pressekonferenz nicht beiwohnen, weil sie sich bereits zu Untersuchungen im Krankenhaus befand.
Assefa hatte fast bis zum Schluss auf Weltrekordkurs gelegen, ehe sie zwei Kilometer vor dem Ziel kaum noch laufen konnte. Man sah ihrem Gesicht die Schmerzen an. Humpelnd schleppte sie sich die letzten beiden Kilometer bis zum Ziel.
Sehnenverletzung verhindert Weltrekord
Wie später mitgeteilt wurde, erlitt sie während des Laufs eine Sehnenverletzung. Sie befand sich zur Untersuchung in einem Berliner Krankenhaus.
Sie verpasste den Weltrekord von Ruth Chepngetich, der bei 2:09:56 Stunden liegt. Doch trotz der starken körperlichen Einschränkung erzielte sie in 2:11:04 Stunden einen neuen Streckenrekord. „Unglaublich“, sagte Renndirektor Milde.
Dass es bei den Männern trotz des verletzungsbedingten Ausfalls von Weltrekordinhaber Sabastian Sawe ein hochklassiges Rennen werden würde, hatte sich angedeutet. Das Wetter war mit rund 14 Grad und wenig Ostwind zur Startzeit um 8.45 Uhr ideal. Und das Feld der Spitzenläufer war von Renndirektor Mark Milde sorgfältig zusammengestellt worden. Mit Gabriel Geay aus Tansania sowie Guye Adola, Selemon Barega und Gemechu Dida aus Äthiopien waren Läufer verpflichtet worden, die sich allesamt in herausragender Form befanden.
Kai Wegner hatte noch einmal einen großen Auftritt
Adola, der den Berlin-Marathon 2021 gewann, sagte im Vorfeld, dass er noch nie auf einem solchen Niveau gewesen sei. Dasselbe galt für Geay. Von Barega heißt es in der Marathonszene schon lange, dass er ein Superstar auf der Langstrecke werden könnte.
Zwei Stunden vor Adolas Zieleinlauf hatte Kai Wegner seinen wohl letzten großen sportlichen Auftritt als Regierender Bürgermeister von Berlin. Er drückte auf den Buzzer und startete das Rennen.
Milde hatte die Pacemaker angewiesen, bei den Männern auf Streckenrekordkurs zu gehen. Ganz so schnell war die Gruppe um Barega, Geay und Adola aber nicht unterwegs. Bei Kilometer zehn betrug die Durchgangszeit 28:58 Minuten. Das entsprach einem Kurs von 2:02 Stunden.
Bei Kilometer 30 setzten sich die drei Äthiopier Barega, Adola und Gemechu ab. Geay konnte dem Tempo der Gruppe nicht folgen. Ein paar Kilometer später, auf dem Kurfürstendamm, war es Adola, der zulegte und seine beiden Verfolger distanzierte. Der 35-Jährige ließ nicht nach und vergrößerte seinen Vorsprung, ehe er leicht und locker als Erster über die Ziellinie lief.
Der Höhepunkt in diesem Jahr war aber fraglos das Frauenrennen. Assefa hatte sich vor dem Rennen auf die Frage, ob sie einen Weltrekord angehen würde, bedeckt gehalten. Allerdings sagte sie auch: „Kann nicht, gibt es bei mir nicht.“
Assefa ging das Rennen bei perfekten Bedingungen dementsprechend schnell an. Vor allem in der zweiten Hälfte legte sie zu und lag zeitweise bis zu 20 Sekunden unter dem Weltrekordkurs. Tausende Zuschauer jubelten ihr zu, doch kurz vor dem Ziel machte ihr Körper nicht mehr mit.
Dass es dennoch für den Berliner Streckenrekord reichte, zeigte, welch fulminantes Rennen Assefa gelaufen war. „Heute ist Frauentag“, sagte der frühere Weltklasseläufer Haile Gebrselassie, der in Berlin als Zuschauer den Lauf verfolgte. Da konnte ihm keiner widersprechen.