Marc Friedrich: Die Quantenlüge - Bitcoin wird nicht morgen geknackt
Kaum ein Begriff sorgt in der Bitcoin-Welt derzeit für so viel Unruhe wie der Quantencomputer. Immer wieder entsteht der Eindruck, als könnten solche Rechner schon bald private Schlüssel berechnen, Bitcoin-Wallets leeren und damit das gesamte Netzwerk gefährden. So einfach ist es allerdings nicht. Quantencomputer sind langfristig durchaus ein Thema für Bitcoin, aber die deutlich greifbarere Gefahr liegt heute an anderer Stelle: bei fehlerhafter Software, schlechten Zufallszahlen und überstürzten Änderungen am Bitcoin-Protokoll. Wo Quantencomputer Bitcoin wirklich gefährlich werden könnten Um das zu verstehen, muss man zuerst wissen, wie eine Bitcoin-Wallet grundsätzlich funktioniert. Jede Wallet besitzt einen privaten Schlüssel. Man kann ihn sich vereinfacht wie den Schlüssel zu einem Tresor vorstellen. Wer diesen privaten Schlüssel besitzt, kann über die zugehörigen Bitcoin verfügen. Aus diesem privaten Schlüssel wird ein öffentlicher Schlüssel berechnet. Mit normalen Computern ist es praktisch unmöglich, diese Rechnung rückwärts durchzuführen und aus dem öffentlichen Schlüssel wieder den privaten Schlüssel zu berechnen. Ein sehr leistungsfähiger Quantencomputer könnte genau hier theoretisch ansetzen. Er könnte bestimmte mathematische Aufgaben deutlich schneller lösen als heutige Rechner und dadurch versuchen, aus einem öffentlichen Schlüssel den privaten Schlüssel abzuleiten. Das wäre tatsächlich gefährlich für Bitcoin. ANZEIGE ANZEIGE Digitaler Fingerabdruck ist zusätzlicher Schutz Allerdings ist nicht bei jeder Bitcoin-Adresse der öffentliche Schlüssel von Anfang an offen sichtbar. Bei vielen Adressen wird zunächst nur eine Art digitaler Fingerabdruck des öffentlichen Schlüssels veröffentlicht. Dadurch besteht ein zusätzlicher Schutz. Wichtig ist außerdem: Bitcoin besteht nicht nur aus einem einzigen Verschlüsselungsverfahren. Es werden verschiedene mathematische Verfahren eingesetzt. Eines davon ist SHA-256. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, das unter anderem beim Bitcoin-Mining und beim Schutz von Adressen eine wichtige Rolle spielt. Auch Quantencomputer können hier nicht einfach alle Möglichkeiten in wenigen Sekunden durchprobieren. Warum 256 Bit so sicher sind Ein Bitcoin-Schlüssel kann vereinfacht aus 256 Stellen bestehen, die jeweils nur den Wert 0 oder 1 annehmen können. Eine solche Stelle nennt man Bit. Ein Bit ist also nichts anderes als die kleinste digitale Informationseinheit und kann entweder 0 oder 1 sein. Bei zwei Bits gibt es bereits vier mögliche Kombinationen. Mit jedem weiteren Bit verdoppelt sich die Zahl der Möglichkeiten. Bei 256 Bit ergeben sich deshalb 2 hoch 256 verschiedene Kombinationen. Das ist eine Zahl mit 78 Stellen. Man muss sich diese Zahl nicht merken. Entscheidend ist nur, dass sie unvorstellbar groß ist. Selbst mit enormer Rechenleistung wäre es praktisch unmöglich, einfach alle möglichen Schlüssel nacheinander auszuprobieren. Ein Quantencomputer könnte bestimmte Suchvorgänge zwar deutlich beschleunigen, aber auch dadurch wird aus einer astronomisch großen Zahl nicht plötzlich eine kleine Zahl. Vereinfacht gesagt wird aus „praktisch unmöglich“ zunächst nur „etwas weniger unmöglich“. Die viel realere Gefahr: schlechte Zufallszahlen Die greifbarere Gefahr liegt deshalb derzeit an einer anderen Stelle: bei schlechten Zufallszahlen. Ein sicherer privater Schlüssel muss möglichst zufällig erzeugt werden. Diesen Grad an Zufälligkeit bezeichnet man in der Kryptografie als Entropie. Entropie beschreibt ganz einfach, wie unvorhersehbar ein Schlüssel ist. Man kann sich das so vorstellen: Wenn du eine Zahl zwischen 1 und einer Billion erraten musst, ist das extrem schwierig. Wenn du aber weißt, dass die Zahl nur zwischen 1 und 100 liegen kann, wird die Aufgabe plötzlich sehr viel einfacher. Genau das passiert, wenn eine Wallet schlechte Zufallszahlen verwendet. Eigentlich sollte der private Schlüssel aus einer gewaltigen Zahl möglicher Kombinationen stammen. Wenn der Zufallsgenerator aber fehlerhaft oder vorhersehbar ist, wird die tatsächliche Zahl möglicher Schlüssel viel kleiner. Aus einem praktisch unknackbaren Schlüssel kann so plötzlich ein angreifbarer Schlüssel werden. Über Marc Friedrich Marc Friedrich ist Deutschlands erfolgreichster Sachbuchautor (7 SPIEGEL Bestseller in Folge), ausgewiesener Finanzexperte, gefragter Redner, YouTube-Star, bekannt aus Funk und TV, Vordenker, Freigeist und Honorarberater. Sein neuester SPIEGEL Bestseller trägt den Titel “Die größte Revolution aller Zeiten – Warum unser Geld stirbt und wie Sie davon profitieren (Anzeige)" und beschäftigt sich ausschließlich mit den Themen Bitcoin, Zyklen und Geldgeschichte. Gründer des Investmentsnewsletters Friedrich.report und betreibt einen der größten YouTube Finanzkanäle mit knapp 700.000 Abonnenten. Solche Fehler gab es bereits Genau solche Probleme hat es in der Vergangenheit bereits gegeben. 2013 gab es beispielsweise Schwierigkeiten bei der Erzeugung von Zufallszahlen auf bestimmten Android-Geräten. Dadurch konnten Bitcoin-Wallets angreifbar werden. 2023 wurde beim sogenannten „Milk Sad“-Vorfall bekannt, dass eine Software ungeeignete Zufallszahlen zur Erstellung von Schlüsseln verwendete. Mehr als 2600 Wallets waren betroffen, der Schaden lag bei rund 900.000 US-Dollar. Auch bei bestimmten Versionen der Hardware-Wallet Coldcard gab es zuletzt Probleme mit der Erzeugung von Zufallszahlen. Eine Hardware-Wallet ist ein kleines Gerät, auf dem private Bitcoin-Schlüssel getrennt vom normalen Computer gespeichert werden. Das Entscheidende daran ist: Für diese Angriffe war kein Quantencomputer notwendig. Die Schwachstelle lag nicht in der grundlegenden Mathematik von Bitcoin, sondern in fehlerhafter Software und schlechter Umsetzung. Warum eine überstürzte Rettung gefährlich sein kann Genau deshalb kann auch eine überstürzte Lösung gefährlich werden. Man könnte nun auf die Idee kommen, Bitcoin möglichst schnell auf neue, angeblich quantensichere Verschlüsselungsverfahren umzustellen. Solche Verfahren werden häufig als Post-Quanten-Kryptografie bezeichnet. Damit sind Verschlüsselungsverfahren gemeint, die auch gegen zukünftige leistungsfähige Quantencomputer möglichst sicher sein sollen. Das Problem dabei ist: Neue Verfahren sind nicht automatisch sicherer. Sie müssen jahrelang untersucht, getestet und angegriffen werden, bevor man ihnen wirklich vertrauen kann. SIKE ist ein gutes Beispiel für Schwachstellen Ein gutes Beispiel ist das Verfahren SIKE. Es galt zeitweise als möglicher Kandidat für eine neue Generation quantensicherer Verschlüsselung. 2022 wurde es jedoch von Forschern gebrochen. Dafür war kein Quantencomputer nötig. Ein gewöhnlicher Rechner reichte aus. Auch bei anderen neuen Verfahren wurden später Schwachstellen entdeckt. Das zeigt, dass ein mathematisch gut klingendes Verfahren in der Praxis trotzdem Fehler enthalten kann. Besonders gefährlich wird es dann, wenn neue Technik zu schnell eingeführt wird und dabei Schwachstellen übersehen werden. Ruhe statt Panik Für Bitcoin bedeutet das nicht, dass man das Thema Quantencomputer ignorieren sollte. Im Gegenteil: Es ist sinnvoll, sich frühzeitig damit zu beschäftigen und mögliche Lösungen zu entwickeln. Aber grundlegende Änderungen am Bitcoin-Protokoll sollten nicht aus Angst und unter Zeitdruck vorgenommen werden. Eine große Stärke von Bitcoin liegt gerade darin, dass Änderungen normalerweise langsam erfolgen. Neue Vorschläge werden diskutiert, geprüft und über längere Zeit getestet. Dadurch soll verhindert werden, dass eine schnelle Lösung am Ende mehr Probleme verursacht, als sie löst. Quantencomputer sollte man ernst nehmen Für Anleger heißt das vor allem: Quantencomputer sollte man ernst nehmen, aber sie sind derzeit kein Grund für Panik. Die deutlich greifbareren Gefahren liegen heute in fehlerhafter Software, schlechten Zufallszahlen und menschlichen Fehlern. Bitcoin wurde bislang nicht durch einen Quantencomputer geknackt. Wallets wurden dagegen sehr wohl durch schlechte Programmierung angreifbar. Deshalb sollte die Antwort auf die mögliche Gefahr durch Quantencomputer nicht Hektik sein, sondern Vorsicht. Neue Schutzverfahren müssen mindestens genauso gründlich geprüft werden wie die Technik, vor der sie schützen sollen. Denn am Ende könnte die größere Gefahr darin liegen, Bitcoin aus Angst vor einer zukünftigen Bedrohung schon heute unnötig unsicher zu machen.