Marius Dick: Zu Besuch bei den Eltern des getöteten Studenten in Trier
Wenn im Haus der Familie Dick in Landstuhl der Pieper losgeht, springen meistens zwei Personen auf: Thomas Dick und sein Sohn. Der Sohn ist bei der freiwilligen Feuerwehr, aber erst 17 Jahre alt, Autofahren darf er nur in Begleitung. Also springt sein Vater mit ins Auto, dann rasen beide Richtung Wache. Im September wird der Sohn 18 Jahre alt, dann darf er direkt allein fahren. „Das sind so Voraussetzungen, die wir geschaffen haben, um unseren Sohn ins Leben reinzubringen“, sagt Thomas Dick. „Oder: unsere Söhne.“ Auch sein zweiter Sohn, Marius Dick, sei gerade dabei gewesen, „so richtig ins Leben reinzustarten“. Im kommenden Jahr wollte der Zweiundzwanzigjährige in Trier seinen Bachelor-Abschluss – Hauptfach Geschichte, Nebenfach Politikwissenschaften – machen, danach in Potsdam seinen Master in Militärhistorie. Thomas Dick sagt: „Das war für uns so schön zu sehen, dass das eigenständige Leben jetzt richtig losgeht und wir auch mal loslassen können.“ F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Daraus wird nun nichts mehr: Marius Dick wurde am Mittwoch, dem 15. Juli, in Trier um kurz vor zehn Uhr vormittags von einem 22 Jahre alten Afghanen mit einem Küchenmesser erstochen. Dick kam gerade vom Einkaufen. Der Täter wurde gefasst, er hat gestanden, aber kein Motiv genannt. Die Staatsanwaltschaft geht nach einer Untersuchung durch einen Amtsarzt „vorläufig“ davon aus, dass der Beschuldigte psychisch krank ist. Er wurde in einer forensischen Psychiatrie untergebracht, gegen ihn wird wegen Totschlags ermittelt. Seinem Opfer soll er vor der Tat nie begegnet sein. Vier Wochen später steht im Wohnzimmer der Familie Dick ein Sessel, auf dem Marius vorher oft in seiner Studentenwohnung in Trier saß. Vor der Tür parkt sein Auto, ein schwarzer Corsa, im Flur liegt ein aufgerissenes Paket an ihn. Es kam zwei Tage nachdem er getötet wurde an, Marius hatte sich schwarz-weiße Schuhe der Marke Vans bestellt, Größe 45. „Keine Ahnung, was ich damit machen soll“, sagt Thomas Dick. Neben ihm sitzt seine Frau Elke, sie sagt: „Als ich heute Morgen an Marius’ Zimmer vorbei bin, dachte ich kurz, ich muss leise sein, damit er nicht aufwacht. Dann ist es mir wieder eingefallen. Es ist unbegreiflich.“ Obwohl ihr Sohn seit 2023 in Trier studierte, sei er immer noch zwei Drittel der Zeit bei ihnen in Landstuhl gewesen. Am Sonntag vor seinem Tod fuhr seine Mutter ihn zum Bahnhof. „Er hätte am Donnerstag eine Klausur geschrieben, danach wäre er wieder heimgekommen.“ „Wie viele sollen denn noch sterben?“ Die Eltern wollten dieses Interview ausdrücklich geben. „Wir haben die Hoffnung, dass dadurch ein Stein ins Rollen kommt, dass so etwas in Zukunft verhindert werden kann“, sagt Elke Dick. „Wie viele sollen denn noch sterben?“ Thomas Dick telefoniert mittlerweile fast täglich mit Michael Kyrath, dessen 17 Jahre alte Tochter vor dreieinhalb Jahren in Brokstedt von einem Staatenlosen ermordet wurde, der 2014 als Flüchtling aus dem Gazastreifen nach Deutschland gekommen war. Kyrath setzt sich seitdem für eine strengere Migrationspolitik ein, verweist darauf, dass es im Schnitt 80 Messerangriffe am Tag in Deutschland gibt und Ausländer unter den Tatverdächtigen überrepräsentiert sind. Er steht laut eigenen Angaben in Kontakt mit Hunderten Familien, die Ähnliches erlitten haben wie er. „Er hat mir auch gesagt, dass wir auf unsere Ehe aufpassen sollen, viele Paare trennen sich in den ersten zwei Jahren nach so einem Vorfall“, sagt Thomas Dick. Dick ist 59 Jahre alt, seine Frau 56, beide sind in der Pfalz aufgewachsen, Landstuhl liegt direkt am US-Militärflugplatz Ramstein. Elke Dick arbeitet als Bankkauffrau bei der Sparkasse in Kaiserslautern, ihr Mann bei einem Industriebetrieb, der Abgas-Katalysatoren und Filter für Autos herstellt. Früher wechselte er immer zwischen Früh-, Tag-, Spät- und Nachtdienst. „Das war schon anstrengend, die Kinder waren ja noch klein.“ Seine Frau blieb ein paar Jahre zu Hause, dann fing sie wieder an, in Teilzeit zu arbeiten. 2007 kauften sie das Haus, entkernten und renovierten es. Der Kredit ist seit Kurzem abbezahlt. Obwohl das Paar also mehr als genug zu tun hatte, fingen beide an, sich politisch zu engagieren. Thomas Dick trat 2004 in die CDU ein, seine Frau folgte ihm. Er musste sein Engagement wegen seiner Arbeit bald zurückfahren, aber die Partei war sowieso auf der Suche nach Frauen. Deswegen sitzt Elke Dick nun schon seit 17 Jahren im Stadtrat, mittlerweile ist sie auch ehrenamtliche Beigeordnete der Verbandsgemeinde Landstuhl. „Wenn der Bürgermeister keine Zeit für einen Termin hat, schreibt er uns Beigeordneten“, sagt sie. Wie kam es zu dem Interesse für Lokalpolitik? „Ich fand es einfach schön, hier im Ort etwas bewirken zu können“, sagt Elke Dick. „Gerade wenn man kleine Kinder hat, will man für sie ja die Zukunft gestalten.“ So sind sie heute in der Stadtgesellschaft gut vernetzt, auch, weil sie noch in zwei Tennisvereinen aktiv sind. Thomas Dick sagt: „Hier läuft viel über eigene Initiativen. Wenn in der Schule etwas fehlt, wird das über Fördervereine organisiert, und dann wird mit privatem Geld renoviert.“ Man schaue sich die Probleme gemeinsam an, spreche darüber und löse sie. Den trauernden Eltern werden Vorwürfe gemacht Nach dem Tod ihres Sohnes wird den Eltern jetzt plötzlich ihre Parteimitgliedschaft zum Vorwurf gemacht – wegen der Migrationspolitik der CDU. „Ich habe Kommentare unter Zeitungsartikeln auf Facebook gesehen, in denen es hieß: Sie hat Blut an den Händen, sie ist selbst dran schuld“, sagt Elke Dick. „Die haben so getan, als wäre ich mit Frau Merkel auf du und du gewesen. Aber ich bin doch nur eine kleine Kommunalpolitikerin. Wir haben hier doch keine Einflussmöglichkeit auf die Migrationspolitik.“ Der Vorwurf arbeitet trotzdem in ihr: „Ich fand solche Fälle schon immer ganz grausam, mir ist es wirklich eiskalt den Buckel runtergelaufen, wenn ich davon gelesen habe, dass Eltern so ihre Kinder verloren haben.“ Sie habe das auch weitergegeben. Nach dem Tod ihres Sohnes konnte sie das Friedrich Merz persönlich sagen. Der Bundeskanzler rief die Eltern einen Tag nach der Tat an. „Er war sehr ergriffen und hat auch zum Teil mit den Worten gerungen“, sagt Elke Dick. Ihr Mann sagt: „Aber jetzt muss auch etwas passieren.“ Die Frage ist nur: Was? Thomas Dick nimmt durchaus wahr, dass die Migrationspolitik unter Merz bereits verschärft wurde. „Aber es ist nicht genug passiert.“ Der CDU-Vorsitzende habe im Wahlkampf selbst die Erwartung geweckt, dass man solche Gewalttaten verhindern könne. Nach einem Messerangriff auf eine Kindergartengruppe in Aschaffenburg im Januar 2025 sagte der damalige Oppositionsführer: „Ich weigere mich anzuerkennen, dass die Taten von Mannheim, Solingen, Magdeburg und jetzt Aschaffenburg die neue Normalität in Deutschland sein sollen. Das Maß ist endgültig voll.“ Danach verabschiedeten CDU und CSU im Bundestag gemeinsam mit der AfD einen Antrag für eine schärfere Migrationspolitik. Später sagte Merz, er „bedauere“ das Zustandekommen dieser Mehrheit. „Wir können doch zusammenarbeiten“ Thomas Dick versteht das nicht. „Ich erwarte, dass man sich spätestens jetzt mit allen Parteien zusammensetzt, auch mit der AfD. Man muss ja keine Koalition bilden, aber wir können doch zusammenarbeiten.“ Auch mit den Rechtsextremen in der Partei? „So viele Leute, wie diese Partei wählen, das können nicht alle Nazis sein“, sagt er. „Die AfD sollte aufräumen in der Ecke, die wirklich in diese Richtung geht, und dann sucht man Lösungen gemeinsam.“ Dick glaubt, dass man die AfD gar nicht brauche, wenn gute Politik gemacht werde. Sein Beweis ist Landstuhl: 2024 wurde die AfD bei der Europawahl dort stärkste Kraft, sie erreichte 32,4 Prozent. Bei der Verbandsgemeinderatswahl in Landstuhl im selben Jahr stand sie gar nicht zur Wahl. „CDU-Wähler, die mit der Kommunalpolitik zufrieden sind, wählen also die AfD, sobald es um Deutschland und Europa geht, weil sie da unzufrieden sind“, sagt Dick. Ein Nachbar habe ihm kürzlich gesagt, dass er jetzt AfD wähle. „Soll ich jetzt mit dem nicht mehr reden?“, fragt Dick. „Der hat mir nach Marius’ Tod Essen gemacht: ,Thomas, wir haben Wurstsalat. Komm einfach hoch, bring deinen Teller mit, nimm so viel wie du brauchst für deine Familie.‘“ Den werde er jetzt nicht als Nazi beschimpfen. „Ich kann seine Unzufriedenheit ja sogar verstehen“, sagt Dick. „Wir müssen immer mehr arbeiten, und hier auf den Straßen kommt nichts davon an. Das Sondervermögen wird zum Schuldenstopfen genutzt. Wie viele Menschen kommen noch in die Sozialsysteme? Wie lange kann sich das der Staat leisten?“, fragt Dick. Woher kommen die Hasskommentare? Aber kommen die Hasskommentare, die seine Frau und ihn nun treffen, nicht genau aus dem Milieu der AfD-Wähler? Würde er sich mit denen auch an einen Tisch setzen? „Sofort“, sagt Dick. „Aber dann würden die ja keinen Ton mehr rausbekommen.“ Elke Dick sagt: „Unter diesen Kommentaren sind oft blaue Herzen drunter gewesen. Das kommt schon aus der AfD-Richtung. Die schreiben ja auch, ich solle ein Zeichen setzen und aus der Partei austreten.“ Thomas Dick sagt: „Was bringt es uns jetzt, wenn wir regional aus der CDU austreten, wo wir hier doch gut zusammenarbeiten und vernetzt sind? Wir wollen ja etwas bewegen.“ Bundespolitisch würde er aber austreten, „definitiv“. Eine andere Frage ist: Was müsste politisch passieren, um solche Taten zu verhindern? Kriminelle Flüchtlinge sofort auszuweisen hätte im Fall von Marius Dick wahrscheinlich nichts geändert. Sajad M., der Beschuldigte, war laut der Staatsanwaltschaft in Trier nicht vorbestraft. 2023 sei zwar zweimal gegen ihn ermittelt worden; einmal wegen des Führens eines E-Scooters ohne Versicherungsschutz und weil er verbotenerweise einen Schlagring an seinem Schlüsselbund befestigt hatte. Beide Verfahren wurden wegen geringer Schuld aber eingestellt. Die zuständige Ausländerbehörde wurde über die Verfahren unterrichtet. M. soll laut dem Innenministerium des Landes Rheinland-Pfalz 2003 in Kabul geboren worden sein. Nach Deutschland kam er 2015. Seinen Asylantrag lehnte das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im März 2017 ab. Gleichzeitig sei für den unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aber das Bestehen eines Abschiebungsverbots festgestellt worden, wie die Stadt Trier mitteilt. Die Kreisverwaltung Trier-Saarburg habe ihm deswegen eine befristete Aufenthaltserlaubnis ausgestellt, die 2018 und 2020 verlängert worden sei. 2022 sei M. nach Trier gezogen und habe dort eine Niederlassungserlaubnis beantragt. Im Gegensatz zu einer Aufenthaltserlaubnis ist diese nicht befristet. M. sei diese Niederlassungserlaubnis im April 2023 mit Verweis auf einen Gesetzesparagrafen erteilt worden, der sich auf Kinder bezieht, die vor Vollendung des 18. Lebensjahres nach Deutschland eingereist sind. Dem ging laut dem Sprecher der Stadt Trier „eine umfassende Sicherheitsprüfung voraus“. Außerdem sei das BAMF kontaktiert worden. Das Bundesamt habe im September 2023 mitgeteilt, dass das Abschiebungsverbot weiterhin gelte. Gegenüber der F.A.Z. beantwortete das BAMF mit Verweis auf das „laufende Verfahren“ keine Fragen zu dem Fall. M. galt bis zu der Tat jedenfalls als gut integriert. Auf eine religiöse Radikalisierung deutete nichts hin. Er schloss nach der mittleren Reife eine Berufsausbildung in Spanender Metallbearbeitung ab und arbeitete danach bis zuletzt in dem Feld. Seine Kollegen sollen von der Tat völlig überrascht gewesen sein. Und M. war zwar laut der Staatsanwaltschaft „in jüngerer Zeit“ wegen psychischer Probleme in klinischer Behandlung, allerdings gab es laut dem Innenministerium in Rheinland-Pfalz keine Hinweise auf potentielle Fremdgefährdung, die an Behörden weitergegeben worden seien. Konkrete Fragen zur Art der Erkrankung und dem Zeitpunkt der Behandlung beantwortete das Ministerium mit Verweis auf Persönlichkeitsrechte des Beschuldigten nicht. Wo verläuft die Grenze? Was für Schlüsse kann die Politik aus so einem Fall also ziehen? Thomas Dick sagt: „Man sollte darüber mal grundsätzlich reden: Wie straffällig muss jemand werden, damit er ausgewiesen wird? Reicht ein einfacher Ladendiebstahl? Reicht es, wenn man eine Schlagwaffe besitzt? Wo verläuft die Grenze? Da erwarte ich Antworten.“ Außerdem kämen immer noch zu viele Flüchtlinge nach Deutschland, sagt er, auch wenn im ersten Halbjahr 2026 die Zahl der Asyl-Erstanträge weiter gesunken ist: auf 39.646 im Vergleich zu 72.818 im Vorjahreszeitraum. „Ich bin für humanitäre Hilfe“, sagt Dick. „Aber wir haben so viel gemacht, wir können nicht mehr, unsere gesellschaftliche Ordnung leidet darunter. Und irgendwann kippt das System.“ In Ceuta habe man doch gerade wieder gesehen, dass fast nur junge Männer nach Europa wollten. „Werden die wirklich alle verfolgt?“, fragt Dick. Auf den Einwand, dass die Flüchtlinge aus Ceuta doch fast alle zurückgedrängt worden seien, entgegnet Dick: „Soweit ich weiß, sind immer noch einige Tausend dort.“ Man merkt dem Ehepaar an, dass an dem Tisch im Wohnzimmer gerne und viel über Politik geredet wird. „Ich rede mit jedem, der mir nichts Böses will“, sagt Thomas Dick. „Wir hocken hier am Tisch, wir trinken Wein, wir essen was, wir diskutieren. So müssen wir das auch als Gesellschaft hinkriegen, dass wir uns nicht niederschreien, sondern wieder zusammenwachsen.“ Am Abend vor dem Interview war das Ehepaar zum ersten Mal seit dem Tod ihres Sohnes wieder bei Freunden zu Gast, Brote essen, Wein trinken. In den kommenden Tagen erwarten sie Freunde aus Amerika. Abends werden sie zusammen am Tisch sitzen. „Da sprechen wir über alles, von Trump bis Migration“, sagt Dick. Nach einer Stunde Interview sind die Eltern am Ende ihrer Kräfte angelangt. Elke Dicks linkes Augenlid zuckt im Sekundentakt, Thomas Dick ist schweißgebadet. Hinter ihnen hängen Fotos ihrer Söhne im Wohnzimmer, auf dem Tisch steht eine Trauerkerze, die ihnen ein fremder Pfarrer angefertigt und geschickt hat. Der Zuspruch gibt ihnen Kraft. Einer Bekannten, die nicht wusste, wie sie mit ihm umgehen soll, rief Dick kürzlich zu: „Nimm mich einfach in den Arm.“ Am Wochenende will das Paar mal wieder auf den Tennisplatz gehen. Sie wollen weitermachen, in der CDU, im Tennisverein, im Stadtrat, in der Verbandsgemeinde, auf Stadtfesten, an ihrem Wohnzimmertisch. „Irgendwie muss das Leben weitergehen“, sagt Elke Dick. „Auch wenn es gerade kaum auszuhalten ist.“ In der Wäsche tauchen immer noch Klamotten von Marius auf. Elke Dick bügelt sie dann, so wie sie es seit mehr als 20 Jahren macht. „Ich kann einfach nicht anders.“