„Markus Lanz“: Journalistin bringt AfD-Kandidaten mit Zettel in Bedrängnis
„Lassen Sie uns nicht mit diesem Quatsch aufhalten.“ Markus Lanz meint das Gendern. Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, sitzt ihm gegenüber, lächelt und sagt im nächsten Satz selbst, man habe „andere Probleme als Gendern“. Es ist einer dieser Momente, in denen beide gleichzeitig recht behalten wollen. Und keiner bereit ist, den eigenen Punkt loszulassen. Die Sendung am Donnerstagabend steht im Schatten der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Siegmund kommt zum ersten Mal in die ZDF-Runde. Neben ihm sitzen Ursula Weidenfeld, Autorin und Wirtschaftsjournalistin, und Justus Bender, Journalist und stellvertretender Leiter des Politikressorts der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Weidenfeld soll rechnen, Bender soll erklären, wie sich die AfD auf eine mögliche Regierungsübernahme vorbereitet. Siegmund wiederum soll zeigen, ob hinter dem Wahlkampfprogramm mehr steckt als Atmosphäre. Auch interessant AfD-Kandidat Ulrich Siegmund erklärt bei Lanz erst einmal Düfte Denn: Er habe früher Düfte verkauft, sagt Siegmund, positive Atmosphäre geschaffen. Lanz fragt, ob es gendersensible Düfte gewesen seien. „Gendersensibel heißt einfach, dass es einen unterschiedlichen Anspruch zwischen Mann und Frau gibt“, sagt Siegmund. Lanz dreht sich zu Bender: „Wussten Sie das?“ Bender wusste es nicht. Es ist ein bemerkenswerter Auftakt, weil er harmlos wirkt und trotzdem ziemlich genau zeigt, wie dieser Abend laufen wird. Siegmund spricht gern weich, freundlich, ausweichend. Er sagt „positiver Mehrwert“, „politische Transparenz“, „langfristige Vision“. Lanz hält gelegentlich dagegen, manchmal schneidend, manchmal etwas verliebt in die eigene Grillzange. Sachsen-Anhalt schrumpft – Siegmund verspricht Familiengeld Sachsen-Anhalt sei seit 2000 um fast eine halbe Million Menschen geschrumpft, sagt Lanz, es habe die älteste Bevölkerung Deutschlands. „In der ganzen westlichen Welt brechen die Geburtenraten ein.“ Weidenfeld ordnet das größer ein: weniger Wachstum, weniger Innovation, alles werde langsamer. KI könne viel ersetzen, sagt sie, „aber man kann nicht Leben, Originalität, Erfindung damit ersetzen“. Siegmund nimmt den Ball auf. Fast 20.000 offene Stellen gebe es schon jetzt in Sachsen-Anhalt, in zehn Jahren könnten es doppelt so viele sein. „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist fast schon zwölf“, sagt er. Deshalb wolle die AfD Familien finanziell stärker unterstützen. „Aber die sind ja noch nicht mal produziert“, wirft Lanz ein. Siegmund kontert souverän: Wenn man so argumentiere, brauche man nicht antreten. Auch interessant Sachsen-Anhalt: Welche Ministerien will die AfD streichen? Zwei Ministerien will er streichen. Welche, sagt er nicht. „Wir wollen euch überraschen.“ Er wisse das „ganz genau“, aber sagen werde er es nicht. Lanz lässt nicht locker, bekommt aber keine Antwort. Siegmund begründet das strategisch. Wenn er die erste AfD-geführte Regierung verantworte, „auf die nicht nur dieses Land guckt, auf die ganz Europa guckt“, müsse er Abwägungen treffen, damit er keine Fehler mache. Er wolle „bei der Sache bleiben“. Nur ist die Sache eben genau das: Wie sähe eine solche Regierung aus? Mit wem? Mit welchen Ministerien? Mit welchem Geld? Auch interessant Justus Bender spricht über AfD-Kaderschmieden Bender erzählt, die AfD suche bundesweit nach Personal. Es gebe eine „schwarz-rot-gold-Akademie“, es gebe Kaderschmieden, die Partei habe oft Probleme, Stellen zu besetzen. Siegmund reagiert empört. „Ich staune grad, dass das Gänsehaut hervorruft, wenn man sich qualitativ auf eine Regierung vorbereitet.“ Dann fällt Potsdam. Bender verweist auf das bekannte Treffen, bei dem auch über Personal gesprochen worden sei. Siegmund nennt es das „Potsdamer Kaffeekränzchen“. Bender sagt, dort seien Rechtsextreme gesucht worden, Juristen etwa aus rechtsgerichteten Burschenschaften. Siegmund kontert, er sei erstaunt, dass Bender schon mehr wisse als er. Bei der AfD gebe es keine Gesinnungsprüfung, „bei uns ist Qualität entscheidend“. Auch interessant Kostenlose Kita, mehr Polizei, Familiengeld: Wer soll das bezahlen? Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft; ein Verfahren gegen diese Einstufung läuft weiter. Eine Partei mit dieser Einstufung spricht also über Regierungsbildung und will keine Gesinnnungsprüfung. Lanz geht an dieser Stelle nicht ein. Auch bei den großen Versprechen bleibt vieles weich: kostenlose Kitas, mehr Polizei, Geld für Familien. „So schnell wie möglich“, sagt Siegmund. Wann genau, bleibt offen. Weidenfeld hört zu, greift irgendwann in die Hosentasche und zieht einen Zettel heraus. „Ich hab mir das mal alles aufgeschrieben“, sagt sie. Mehr Politik-News Journalistin rechnet das AfD-Programm nach Dann liest sie vor: Steuersenkungen, Prämien, Subventionen. „Für mich geht das nicht auf.“ Sie bleibt ruhig dabei, fast sachlich streng. Kein großes Zerlegen wie Lanz probiert, eher eine Liste von Zweifeln. Siegmund lächelt wieder. Er spricht von Visionen, von kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen. „Wir versprechen nicht das Unmögliche.“ Ein Satz, der gut klingt – und bei dem niemand genau weiß, wo das Mögliche anfängt. Konkret wird es trotzdem nur bedingt. Siegmund sagt, er werde so schnell wie möglich alles einsparen, was einzusparen sei. „Wir halten uns an Recht und Gesetz.“ Das ist beruhigend, aber noch kein Haushalt. Lanz erinnert daran, dass allein die Biersteuer rund 16 Millionen Euro bringe, die die AfD abschaffen wolle. „Sie können den Zettel übrigens gerne haben und Ihren rechten ausgebildeten Leuten mitbringen“, bietet Weidenfeld an. Sie habe das Gefühl, „die hätten einfach ein bisschen mehr rechnen sollen“. Siegmund kontert es mit einem Jobangebot. „Vielen Dank, ich bin Journalistin“, sagt sie.