Massenankauf im Antiquariat: Wie KI-Konzerne Bücher fressen
Plötzlich kam der Tsunami. Mehrere Tage lang rollte eine Bestellwelle durch das Antiquariat von Michael Rüger in Frankfurt-Sachsenhausen. "Die haben uns komplett ausgelutscht", erzählt der Antiquar. Über Nacht stiegen seine Verkaufszahlen um ein Drittel. Der Käufer hinter den Großbestellungen war kein passionierter Sammler, sondern die in Kanada registrierte Firma Zoom Books. Auch der US-Konzern Anthropic kauft unter Codenamen wie "Project Panama" für seine KI "Claude" systematisch physische Literatur auf. Vom Dorfbuch zum Algorithmus Immer ging es um Sachbücher: ein jahrzehntealter Restaurant-Führer aus Wiesbaden, ein Sachbuch über die geologischen Schichten im Harz, Dorfchroniken, so Rüger. Das Prinzip dahinter ist so einfach wie brachial. KI-Unternehmen brauchen unendliche Mengen an verlässlichen Daten, um Systeme wie "ChatGPT" oder "Claude" klüger zu machen. Weil frei verfügbare Texte im Netz oft fehlerhaft sind, greifen sie auf gedruckte Werke zurück. So werden seit Monaten in automatisierter Massenarbeit antiquarische Bücher aufgekauft, in Containern verschifft, aufgeschnitten und eingescannt. Wirtschaftlicher Segen mit Kehrseite So erzählt es jedenfalls Wolfgang Rüger, der mittlerweile ganze Excel-Listen erhält mit Buchtiteln und dem Wunsch nach einem Angebot. Für den Frankfurter Händler Rüger entsteht ein extremes Dilemma. Wirtschaftlich sind die Bestellungen ein Segen. Doch die Kehrseite sieht er glasklar: "Es wird die Antiquariate ausradieren. Die KI wird uns ausradieren", betont Rüger. Denn wer liest künftig noch ein 30-Euro-Sachbuch, wenn die KI auf Nachfrage den Inhalt in Sekunden zusammenfasst? Börsenverein spricht von "barbarischem Akt" Für die Buchbranche ist diese Praxis ein Rechtsbruch mit Ansage. Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, findet deutliche Worte: Das ungefragte Verwerten urheberrechtlich geschützter Werke sei ein "barbarischer Akt" und der organisierte Diebstahl geistigen Eigentums. Der Börsenverein fordert knallharte Transparenz von den Tech-Konzernen, strengere Regulierung auf EU-Ebene und faire Lizenzmodelle. Autoren und Verlage dürften nicht tatenlos zusehen, wie ihr geistiges Eigentum ohne Entschädigung als Datenfutter für Milliarden-Unternehmen zweckentfremdet wird. Nationalbibliothek sieht keine Gefahr Ganz ohne Panik, aber mit klarer Kante blickt man wenige Kilometer weiter auf die Debatte: in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt. Generaldirektor Frank Scholze sieht die physische Sammlung nicht in Gefahr. Als "Gedächtnis der Nation" verwahrt die DNB das kulturelle Erbe fälschungssicher. Für Scholze bleibt das physische Buch das unantastbare Original und die unverzichtbare Referenzquelle für alle digitalisierten Bücher – egal, wie viel Content KI-Systeme daraus generieren. Ein Kulturwandel auf Kosten der Urheber? Der Fall zeigt, wie tief der Wandel ist. Zwischen den Interessen der Händler, den Forderungen der Verlage und dem Auftrag der Bibliotheken, Wissen zu bewahren, steht eine zentrale Frage: Wie viel unseres gedruckten Wissens darf die Künstliche Intelligenz einfach nutzen – und was bedeutet das für die Menschen, die es geschrieben haben?