Massiver Aufschrei nach Kürzungsplänen der Goethe-Uni
Startseite
Frankfurt
Auf Druck der Landesregierung: Kürzungspläne für Goethe-Uni – und eine komplett neue Struktur
Von: Baha Kirlidokme
Uns auf Google folgen
Das Präsidium plant die Zusammenlegung von Fachbereichen, um den Sparplänen der Landesregierung nachzukommen. Kritik daran kommt von Politik, Studierenden und Lehrenden.
Wenn es nach ihrem Präsidium geht, soll die Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität bald von Grund auf neu strukturiert werden. Der FR liegt ein 59-seitiges Dokument unter dem Titel „Zukunftsfähigkeit gestalten – Rahmenkonzept für die Goethe-Universität als Stiftungsuniversität 2031+“ vor. In diesem wird unter anderem die Zusammenlegung von Fachbereichen beschrieben.
Laut dem Dokument geht es aber nicht darum, dass das Land Hessen der Uni die Gelder kürzt. Rund 30 Millionen Euro müssen Hessens Hochschulen selbst in diesem Jahr einsparen. Bis 2031 droht sogar ein dreistelliges Millionen-Minus. Grund ist der Hochschulpakt der schwarz-roten Landesregierung, dessentwegen sie in der Kritik steht. Aufgrund dieses Sparprogramms sehen sich die hessischen Hochschulen gezwungen, Hunderte Stellen zu streichen.
„Die Umsetzung unseres Anspruchs erzeugt einen Veränderungsdruck unabhängig von jeder Haushaltsfrage, denn gerade allgemeine Entwicklungen zwingen uns, Forschung, Lehre und Organisation weiterzuentwickeln“, heißt es in dem internen Papier, das am Mittwoch im Senat unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert werden soll.
Vielmehr seien die Pläne notwendig, weil Wissenschaft und ihre Institutionen unter gesellschaftlichen Druck gerieten sowie Demografie, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung vieles verändern würden. Laut dem Dokument soll die Zahl der Fachbereiche von 16 auf sieben reduziert werden. Bis auf Medizin würden sämtliche Fachbereiche hierfür mit anderen zusammengelegt werden. Außerdem sollen Institute künftig acht bis 16 Professuren haben. Aktuell gibt es noch Institute mit nur zwei Professuren. Diese würden demnach wegfallen oder in neue Institute integriert werden. Die Dekanate der neuen Fachbereiche sollen an das Präsidium angegliedert werden. Sie sollen mit dem Präsidium das „erweiterte Präsidium“ bilden.
Angst vor Zentralisierung
Aktuell rumort es an der Goethe-Uni. Die Pläne werden von Studierenden, Personal wie auch Lehrenden diskutiert. Die Sorge vieler ist, dass die Pläne zur Liquidierung etablierter demokratischer Strukturen und Praktiken führen würden mitsamt einer Reduktion der Fächervielfalt der Goethe-Uni. Kritiker:innen fürchten, es ginge bei den Plänen um die Zentralisierung von Macht im Präsidium zur besseren Umsetzung der Kürzungen und zur „strategischen“ Steuerung der Universität im Kontext staatlicher Unterfinanzierung.
Ein Studierender äußert, „dass das Präsidium sich grundsätzlich wohl unseren Bundeskanzler als Vorbild nimmt: Möglichst geringe Beliebtheitswerte, ein hoher Anspruch auf Entdemokratisierungsförderungen und eine konstitutive Doppelmoral und Verantwortungslosigkeit.“
Diese Sorge äußert unter anderem Marcel Wolf, Vorsitzender der Fachschaftenkonferenz der Goethe-Uni, im Gespräch mit der FR. Das Gremium ist die Zusammenkunft aller Fachschaften. „Alle Fachschaften empfinden die Pläne als ein ziemliches Desaster“, so Wolf. Die Fachbereiche sollten 25 Prozent sparen, was für die meisten bedeute, Personal zu kündigen. Der Fachbereich Physik habe seit einem halben Jahr Einstellungsstopp. Hier seien alle wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die aus Landesmitteln bezahlt werden, gekündigt worden – mehr als 30 Stück, so Wolf, verglichen zu den acht, die sie aus Rücklagen bezahlten. Doch diese reichten nicht ewig.
Die Zusammenführung von Fachbereichen führe außerdem zu einem Repräsentationsproblem. So gebe es nicht nur weniger Fachbereiche. Auch die Vertreter:innen würden im Zweifelsfall Studiengänge vertreten, mit denen sie sich nicht auskennen. Man müsse nun den Hochschulpakt neu verhandeln. Die Pläne des Präsidiums dürften so nicht durchkommen: „Daran werden wir alles setzen.“
Auch aus dem Senat gibt es Kritik. Nikolaus Müller-Schöll sitzt für die Demokratische Liste im Senat. Er ist Professor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Was gerade passiert, bezeichnet er nicht als Transformation, wie das Präsidium es nenne. „Mit den Plänen kommt ein fortlaufendes Chaos auf uns zu, einige sprechen deshalb nicht von ungefähr von einer ‚Disruption‘.“ Er sei sehr kritisch eingestellt, weil diese Strukturreform zu diesem Zeitpunkt verheerende Folgen hätte. „Eine Strukturreform kann in Einzelfällen sinnvoll sein. Das muss aber bottom-up passieren“, so Müller-Schöll. Stattdessen aber würde sie top-down durch das Präsidium vorgegeben. „Leute am Schreibtisch haben sich diese Architektur ausgedacht, noch bevor sie in den betroffenen Fachbereichen und Instituten diskutiert wurde.“
Ahmed Hussein ist studentisches Senatsmitglied für den Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband (SDS). Er sieht den Plan des Präsidiums nicht als Sparkonzept, sondern als ein Konzept für den „autoritären Umbau“ der Goethe Universität. Studierende, Beschäftigte und Wissenschaftler:innen seien der Uni nicht „brav genug“ in der Umsetzung der massiven Kürzungen. „Unsere Ideen werden gebraucht für Friedenssicherung, sozial-ökologische Transformation, und vieles mehr. Es braucht eine Neuverhandlung des Hochschulpakts und gesamtgesellschaftliche Investitionen in Bildung und Soziales statt Rüstung“, so Hussein.
Auch der Asta kritisiert die Kommunikation. Maxim Warburg vom Hochschulpolitischen Referat erklärt im Gespräch mit der FR, dass sie erst durch die Presse von den Plänen des Präsidiums erfahren hätten. „Das ist schwierig, weil wir Teil dieser Uni sind“, so Warburg. Zu dem, was bekannt sei, habe man aktuell Bedenken. „Wir fordern eine Einbindung der Studierendenschaft und die Offenlegung des Konzeptes.“
Universität verweist auf Kürzungen
Auf Anfrage erklärt die Universität, dass die erheblichen Kürzungen der Landesregierung am Budget der Hochschulen bei gleichzeitig steigenden Kosten die Notwendigkeit verstärkten, „diesen Wandel selbstbestimmt zu gestalten“.
Das Präsidium habe in den vergangenen Monaten auf Basis von Konzepten der Fachbereiche und einer gesamtuniversitären Betrachtung Vorschläge erarbeitet sowie Leitplanken und Zielbilder für die Weiterentwicklung der Zentralen Hochschulverwaltung sowie der Dienstleistungs- und Unterstützungsstrukturen formuliert.
Die Hochschulleitung betont ausdrücklich den Entwurfscharakter des vorgelegten Papiers. „Es handelt sich um einen ersten Vorschlag, der in den kommenden Monaten in einem partizipativen Prozess zu einem Entwicklungskonzept ausgestaltet werden soll. Dabei werden selbstverständlich alle zu beteiligenden Gremien der Universität einbezogen.“ Aus der Politik gibt es derweil ebenfalls Kritik. Die Pläne würden „zwangsläufig zu weiteren Einschnitten im Studienangebot und zu mehr Arbeitsbelastung für das wissenschaftliche Personal führen“, teilte am Dienstag Nina Eisenhardt, hochschulpolitische Sprecherin der hessischen Grünen-Landtagsfraktion, mit.
„Während sich die schwarz-rote Landesregierung für den Exzellenzerfolg der Rhein-Main-Universitäten feiern lässt, werden an der Goethe-Uni die Folgen ihrer Kürzungspolitik sichtbar“, teilte am Dienstag Jakob Migenda, Vorsitzender der hessischen Linkspartei, mit.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen schließt sich dem an. „Mittelfristig rechnen wir damit, dass die ohnehin schon stark belasteten Beschäftigten mit zusätzlicher Mehrarbeit konfrontiert sein werden. Darunter wird auch die Lehre leiden. Ich kann nur von den Kürzungen warnen“, teilte die stellvertretende Vorsitzende Simone Claar auf Anfrage mit und forderte zudem Transparenz vom Präsidium.
Die Leitung der Goethe-Uni möchte bis zum Ende des Jahres drei „Fachbereich-Transformations-Teams“ und ein unterstützendes Kernteam bilden. Sie sollen bis zum vierten Quartal 2027 Veränderungen vorbereiten, also bis das Konzept voraussichtlich beschlossen wird. Die neuen Fachbereiche sollen im Wintersemester 2028/29 gegründet werden. Bis 2032 soll die neue Gesamtarchitektur der Universität dann „operativ“ sein.