Materialismus: Er war nie wirklich tot
In den westlichen Gesellschaften habe es einen „postmaterialistischen Wertewandel“ gegeben. Diese These hat der amerikanische Politologe Ronald Inglehart bereits 1971 in seiner bahnbrechenden Studie „The Silent Revolution“ aufgestellt, und sie gehört heute zum Selbstverständnis auch der deutschen Gesellschaft. Danach seien Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden – heute also längst die übergroße Mehrheit der Bevölkerung –, Postmaterialisten. Damit wurde unter anderem das Erstarken rechtspopulistischer Parteien erklärt, nämlich als eine Art autoritärer Reflex („Cultural Backlash“), der zunehmend in Bedrängnis geratenen Anhänger traditioneller, also materialistischer Werte. Träfe diese Erklärung zu, müssten die Wähler dieser Parteien schwerpunktmäßig in den älteren Geburtskohorten zu finden sein, da sich nur hier noch Materialisten finden sollten. Allerdings stimmt das schon empirisch nicht. In Deutschland findet die AfD nämlich ihre größte Unterstützung bei Personen mittleren Alters und nicht bei den ganz Alten. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Materialismus bedeutet hier etwa: Sicherheit vor Freiheit Der Politologe Markus Klein von der Universität Hannover erklärt diesen Befund jetzt damit, dass diese fehlerhaften Vorhersagen der Cultural-Backlash-Theorie darauf zurückzuführen seien, dass es den von Inglehart entdeckten intergenerationalen Wertewandel in Wahrheit gar nie gegeben habe. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen In der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage“ (ALLBUS) wird der sogenannte Inglehart-Index zur Erfassung der gesellschaftspolitischen Werteorientierungen seit 1980 erhoben. Wer laut diesem Index die „Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in diesem Land“ höher schätzt als den „Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung“, wird als Materialist gezählt. Wer dagegen „mehr Einfluss der Bürger auf Regierungsentscheidungen“ dem „Kampf gegen steigende Preise“ vorzieht, gehört zu den Postmaterialisten. Inglehart zufolge sollte der Wertewandel in den westlichen Gesellschaften zu einem stetigen Anstieg der Postmaterialisten führen, insbesondere unter den jüngsten Geburtskohorten. Kleins Daten zeigen allerdings ein ganz anderes Bild: Ein kontinuierlicher Anstieg der Postmaterialisten in der deutschen Gesellschaft ist nicht feststellbar. In Westdeutschland lag er nur 1990 und 2016 einmal kurz über der 30-Prozent-Marke, um dann bis 2023 sowohl in West- als auch in Ostdeutschland wieder auf rund 18 Prozent zu fallen. Postmaterialisten stellten höchstens ein Drittel. Das ist zehn Jahre her. Richtig sei, dass der Anteil der reinen Materialisten, der 1970 noch bei fast 50 Prozent lag, vor allem bis 1990 rapide zurückging. Heute allerdings hat sich der Anteil von Materialisten und Postmaterialisten bei rund 16 Prozent eingependelt. Ingleharts Prognose, dass die Gruppe der Postmaterialisten schon von der Jahrtausendwende an die Mehrheit stellt und dann sogar noch wachsen sollte, hat sich also als falsch herausgestellt. Vielmehr sei der Anteil der Postmaterialisten selbst in Westdeutschland über ein halbes Jahrhundert insgesamt gerade einmal von 10,5 auf 18 Prozent angestiegen. Ihr Anteil nehme seit einem Maximum von knapp 33 Prozent im Jahr 2016 sogar recht drastisch ab. Was sich vielmehr ereignet hat, sei die Vermischung von postmateriellen und materiellen Wertehaltungen in der Bevölkerung, die sich heute in Ost- wie in Westdeutschland bei etwa 35 Prozent eingependelt hätten. Inglehart war auch davon überzeugt, dass gerade die jüngeren Geburtskohorten heute Postmaterialisten sein müssten. Tatsächlich aber, so Markus Klein, ginge von der jüngsten Kohorte der zwischen 1986 und 2005 Geborenen kein signifikanter Effekt auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der Postmaterialisten aus, und zwar gleichermaßen für West- wie Ostdeutsche. Für die jüngste Geburtskohorte lasse sich auch keine geringere Wahrscheinlichkeit beobachten, zur Gruppe der Materialisten zu gehören. In Westdeutschland hätten die Angehörigen dieser Geburtskohorte im Gegenteil sogar eine noch höhere Wahrscheinlichkeit, Materialist zu sein. All diese Befunde, so Kleins Fazit, widersprächen Ingleharts Theorie. Damit braucht man auch keinen Cultural Backlash, um den Anstieg rechtspopulistischer Parteien zu erklären. Klein widerspricht nicht der Annahme, in den postmaterialistisch geprägten westlichen Gesellschaften könne das aufgrund des Wertwandels eigentlich gar nicht (mehr) möglich gewesen sein. Aber diese Gesellschaften, jedenfalls die hier untersuchte deutsche, waren nie mehrheitlich postmaterialistisch. Und wenn man die reinen Materialisten und den materialistischen Mischtyp zusammenrechnet, kommt man heute in Westdeutschland auf einen Anteil von etwa 49 Prozent und in Ostdeutschland sogar auf rund 52 Prozent. Die Annahme ist berechtigt, dass hinter diesen Zahlen durchaus sogar ein ganzes Wählerpotential für rechtspopulistische Parteien liegen könnte.