„Maybrit Illner“: Reichinnek wegen Dobrindt nicht zu bremsen - „absolut widerlich“
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Dass Alexander Dobrindt (CSU) und Heidi Reichinnek (Die Linke) politisch viel trennt, ist bekannt. Doch die Art und Weise, wie die Debatte zwischen den beiden bei Maybrit Illner an diesem Abend läuft, sollte am Ende doch allen Beteiligten zu denken geben.
Als Erstes geraten die beiden beim Thema Migration aneinander. Dobrindt versucht hier, seine Politik als Erfolg darzustellen und spricht von einer „Migrationswende“. Reichinnek sieht das anders und kritisiert Dobrindts Grenzkontrollen: „Sie haben bewusst EU-Recht gebrochen. Sie haben den Familiennachzug ausgesetzt und Kinder und Frauen in Krisengebieten zurückgelassen.“
Dobrindts Strategie ist es, darauf nicht inhaltlich einzugehen, sondern Reichinnek mit Einwürfen aus dem Konzept zu bringen und damit ihre Argumentation zu schwächen. „Das macht sich gut auf TikTok“ ist eine dieser Unterbrechungen. „Kümmern Sie sich lieber um den Antisemitismus in Ihrer Partei“, ein anderer. Reichinnek bricht deshalb immer wieder ab, um auf Dobrindt zu antworten und ihm vorzuwerfen, vom Thema abzulenken.
Reichinnek wirft Union „Hetz- und Schmierenkampagne“ vor
Dass Dobrindt an dieser Stelle bereits den Antisemitismus-Vorwurf platziert, ist keine Überraschung. Seit der Berlin-Wahl lässt kaum ein Unions-Politiker eine Gelegenheit aus, die Partei in die Nähe von Antisemiten zu rücken – etwa wegen antisemitischer Texte eines Rappers auf einer Linken-Veranstaltung und anderen Ausfällen bei ähnlichen Anlässen.
Illner befragt Reichinnek dazu, die betont: „Ich werde nicht zulassen, dass meiner Partei pauschal Antisemitismus vorgeworfen wird, nur weil wir ganz klar sagen, dass wir den Völkermord in Palästina kritisieren.“
Der Union wirft sie eine „Hetz- und Schmierenkampagne“ vor und verweist darauf, dass in Berlin 150 Jüdinnen und Juden in einem offenen Brief die Linke gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen haben. Argumente hört man dagegen von Dobrindt nicht.
Illner kann die Gemüter kaum beruhigen
Dafür versucht er auch bei diesem Thema, die bekannten Vorfälle auf Linken-Veranstaltungen in den Fokus zu rücken. Reichinnek und Dobrindt sind nun beide ungehalten, keiner bricht ab, um den anderen zu Ende zu sprechen zu lassen. Die Stimmung kocht hoch.
Illner gelingt es erst spät, für Ruhe zu sorgen, allerdings nur, indem sie einen Einspielfilm zeigt. Da es aber beim Thema Antisemitismus bleibt, beruhigen sich die Gemüter nicht, deshalb stellt Illner lieber dem „Stern“-Journalisten Gregor Peter Schmitz eine Frage: „Elif Eralp sagt, sie ist keine Antisemitin“, beginnt sie. Dobrindt kommentiert das nur mit einem leichtfertigen „Ja doch“.
Da geht Reichinnek so richtig aus dem Sattel: „Elif Eralp als Antisemitin zu bezeichnen, ist wirklich absolut widerlich. Und ich finde das wirklich eine Schande, wie Sie hier gerade mit der zukünftigen Bürgermeisterin umgehen.“
Wie eine politische Diskussion aus dem Ruder läuft
Die Dynamik zwischen Dobrindt und Reichinnek hat etwas von einer Familienfeier, die wegen einer politischen Diskussion aus dem Ruder läuft. Dobrindt gefällt sich in der Rolle des provozierenden Onkels, der offenbar genau weiß, mit welchen Sätzen er die linke Tante wütend und die Feier zum Platzen bringen kann.
Um in diesem Bild zu bleiben, präsentiert sich SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf als der vernünftige Sohn. Lächelnd sagt er, er sei bei der heftigen Auseinandersetzung gerade nur „Zaungast“ gewesen und finde, man müsse die Menschen im Blick behalten, um die es gehe: „Und wenn ich mir jetzt vorstelle, die sehen diese Sendung und hören diesen Schlagabtausch, dann weiß ich nicht, ob die sich danach wohler fühlen.“
An die Streithähne gewandt fährt er fort: „Ich hatte gerade ein ungutes Gefühl, weil es nicht mehr um die Sache ging. Ich kann beide verstehen in der Emmotionalität, aber das hilft uns, glaube ich, nicht weiter.“
Klüssendorf sieht Antisemitismus-Vorwurf auch strategisch begründet
Dann analysiert er die Debatte aus SPD-Sicht. Er stellt klar, dass die SPD nur mit der Linken zusammenarbeiten könne, wenn diese klare Schritte gegen Antisemitismus unternehme. An Dobrindt gewandt sagt er aber auch: „Ich habe schon den Eindruck, dass versucht wird, eine Zusammenarbeit systematisch zu delegitimieren. Also das Rot-Rot-Grün, vielen Menschen auch über den Vorwurf des Antisemitismus hinaus, ein Dorn im Auge ist.“
Den Antisemitismus-Vorwurf seitens der Union sehe er deshalb nicht nur inhaltlich begründet, sondern auch strategisch: „Um diese Zusammenarbeit zu tabuisieren“. Denn fällt die Linke als Koalitionspartner weg, bliebe in Berlin nur noch die Möglichkeit einer Schwarz-grün-roten Koalition unter Führung der CDU.
„Illner“: Auch zum Abschluss wiederholt sich das Muster
In der chaotischen Debatte um Antisemitismus hat Illner ganz die Zeit vergessen. Sie habe unbedingt noch über das Vergesellschaften von Wohnen sprechen wollen. „Das geht jetzt nur noch in einer Schnellrunde.“
Doch auch diese Debatte gerät zur Farce, sobald das Wort an Reichinnek geht, denn das Muster wiederholt sich auch zum Abschluss. Wieder provoziert Dobrindt mit einem „TikTok“-Kommentar, worauf Reichinnek genervt sagt: „Ich frage mich wirklich manchmal, wer Ihnen diesen Quatsch aufschreibt. Sie sollten Ihre Leute entlassen. Es ist wirklich schlecht.“
So entsteht nur selten eine Diskussion, bei der für den Zuschauer wirklich etwas Erhellendes herausspringt. Für Zaungäste allerdings, die gerne dabei zuschauen, wie sich zwei Gäste so richtig in die Haare bekommen, denen sei die Illner-Sendung wärmstens empfohlen.