Mediziner findet Achillesferse resistenter Brustkrebszellen
Startseite Stadt Gießen Mediziner findet Achillesferse resistenter Brustkrebszellen Von: Gesa Coordes Uns auf Google folgen Niklas Gremke hat einen Ansatz entwickelt, therapieresistente Tumorzellen gezielt zu zerstören. Die Krebszellen bezahlen ihre Resistenz mit erhöhter Verwundbarkeit gegenüber Diabetes-Medikamenten. Marburg – Seine Entdeckungen sind ein Hoffnungsschimmer für Krebspatientinnen mit resistenten Tumorzellen. Der Mediziner Niklas Gremke hat einen Ansatz gefunden, diese Krebszellen gezielt zu zerstören. Für die Forschung ist er nun mit dem Marburger Förderpreis für Bio- und Nanotechnologie von Stadt, Universität und Unternehmen ausgezeichnet worden. Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Was das bedeutet, weiß Niklas Gremke als Gynäkologe nur zu genau. Seit sieben Jahren arbeitet er als Arzt in der Frauenklinik der Universität. Auf der onkologischen Station hat er schon viele Frauen von der Diagnose über Therapie und Operation bis zur Nachsorge – oft über Jahre – begleitet. „Brustkrebs hat mittlerweile eine sehr gute Prognose“, sagt der 34-Jährige. Es gibt aber eine kleine Gruppe von Krebspatientinnen, deren fortgeschrittene Erkrankung nicht mehr heilbar ist. Mit Anti-Hormon-Therapien und molekularen Therapien lässt sich der Krebs meist noch Jahre kontrollieren. Doch irgendwann entstehen Resistenzen: „Das ist unser großes Problem“, so Gremke. Diesen Frauen würde der aus dem Harzvorland stammende Forscher gern helfen. Und er hat einen Hebel gefunden, der sich auch auf andere Krebsarten übertragen lässt: „Wir bekämpfen nicht die Resistenz selbst, sondern nutzen deren metabolische Konsequenzen“, sagt er. Der Ansatz stammt eigentlich noch aus der Zeit seiner Promotion. Damals ging es um therapie-resistenten Lungenkrebs. Von seinem Doktorvater Michael Wanzel ließ er sich für die Arbeit im Labor des Instituts für molekulare Onkologie begeistern: „Und wenn man dafür lebt, endet das meist in etwas Gutem“, sagt der Wissenschaftler. Seine Ergebnisse waren so beeindruckend, dass sie von Stiftungen gefördert und in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Zeit für Forschung Deshalb konnte er in der Uni-Klinik drei Jahre lang in einer Doppelrolle arbeiten. Als Teilnehmer des „Success-Programms“ der Uni Marburg konnte er die Hälfte seiner Zeit forschen. Und mithilfe der Behring-Röntgen-Stiftung, der UKGM-Forschungs-Förderung und zweier kleinerer Stiftungen baute er sich eine eigene Nachwuchsgruppe auf. Die Grundfragen: Was sind die Mechanismen von Therapieresistenzen bei Brustkrebs? Und wie kann man sie bekämpfen? Dabei betrachtet er den Krebs einer Subgruppe von Patientinnen (hormonrezeptor-positives, HER2-negatives Mammakarzinom), bei der sich Tumorzellen der Wirkung der Krebstherapeutika entziehen, indem sie einen intrazellulären Schalter (mTOR-Signalweg) aktivieren, der das Wachstum der Tumorzellen wieder hochfährt. Dabei wird nämlich auch die zelluläre Müllabfuhr (Autophagie) gehemmt, mit der beschädigte Zellen und andere Bestandteile abgebaut werden – ein wichtiger Überlebensmechanismus für den Menschen. Gremke entdeckte aber auch, dass darin zugleich eine Achillesferse steckt. Die Tumorzellen, bei denen die Müllabfuhr nicht mehr funktioniert, sind nämlich besonders empfindlich gegenüber Wirkstoffen, die den Energiestoffwechsel stören. Dazu gehört das in der Diabetes-Therapie genutzte Metformin. „Unsere Forschung zeigt, dass Tumorzellen ihre erworbene Resistenz teuer bezahlen – nämlich mit einer erhöhten Verwundbarkeit“, erklärt Gremke. Die resistenten Brustkrebszellen konnten zumindest im Labor und bei Mäusen gezielt zerstört werden. Auch die Untersuchung von 1100 Gewebeproben zeigte, dass die Patientinnen davon profitieren könnten. Für den Zelltod unter der Therapie mit Metformin verantwortlich ist ein Mangel der Aminosäure Aspertat, erläutert Gremke. Aber erst klinische Studien können zeigen, ob der Therapieansatz auch bei Menschen funktioniert. In jedem Fall hat ihm die Forschung schon viel Anerkennung und Preise gebracht. So war der Mediziner einer der wenigen Nachwuchswissenschaftler, der sein Projekt während einer Tagung der Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier vorstellen konnte. Sie erhielt den Nobelpreis für die Entwicklung der Genschere Crispr. Mit dieser Technologie arbeitet auch Gremke in seiner Arbeit. Doch trotz aller Begeisterung für die Forschung möchte Niklas Gremke nicht ganz in die Wissenschaft gehen. Er versteht sich als forschenden Arzt, der im Labor nach Lösungen für Probleme sucht, die ihm in der Klinik begegnen. Deswegen hat der Familienvater inzwischen die Verantwortung für die klinischen Studien zu Brust- und Eierstockkrebs seiner Abteilung übernommen. „Ich möchte die beiden Welten miteinander verbinden“, sagt er. Oberbürgermeister überreicht Preis Im Zentrum für synthetische Mikrobiologie überreichte Oberbürgermeister Thomas Spies – zugleich Vorsitzender der Initiative Bio- und Nanotechnologie – den mit 5000 Euro dotierten Preis. Niklas Gremke ist der erste Mediziner, der den Marburger Förderpreis Bio- und Nanotechnologie erhalten hat. Damit werden junge Forschende aus der Region ausgezeichnet. Der Hintergrund: Marburg ist ein wichtiger Standort für diese Technologie. Deshalb hat es sich die von Stadt, Universität und Unternehmen gemeinsam gegründete Initiative zum Ziel gesetzt, Wirtschaft und Wissenschaft durch Gespräche, Seminare und Treffen besser zu vernetzen und Nachwuchswissenschaftler zu fördern.