Medizinische Ernährung: Compliance, Outcomes, Effizienz
Die Relevanz medizinischer Ernährung für die Krankenhäuser steigt signifikant, so der Tenor beim Kongress der europäischen Fachgesellschaft für klinische Ernährung und Stoffwechsel. „Studien der letzten 20 Jahre haben gezeigt, dass bei krankheitsbedingter Mangelernährung (20 bis 30 Prozent aller Klinikpatienten) eine individuell angepasste Ernährung die Kliniksterblichkeit um etwa 27 Prozent senken kann, betonte Prof. Dr. Matthias Pirlich. „Die Wiederaufnahme in die Klinik – der Drehtüreffekt – wird ebenfalls signifikant reduziert.“ Daraus, so der Kongresspräsident weiter, lasse sich auch eine Kostenersparnis für die Behandlung errechnen, die in einer Metaanalyse auf bis zu 2.800 Euro pro Fall mangelernährter Patienten beziffert wurde.
Neue Regelungen für Krankenhäuser
Ernährung wird auch zum Compliance-Thema: „Das Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) hat einen weitreichenden Beschluss zur besseren Erkennung und Behandlung von Mangelernährung bei Klinikpatienten getroffen, der zu einer grundlegenden Änderung der ernährungsmedizinischen Versorgung in deutschen Krankenhäusern führen wird“, erklärte Pirlich. Das KHAG legt fest:
„Der Gemeinsame Bundesausschuss legt in einer Richtlinie nach § 92 Absatz 1 Satz 2 Nummer 13 geeignete Maßnahmen zur Sicherung der Qualität der Versorgung in Krankenhäusern bei der Erkennung und Behandlung von Patienten mit Mangelernährung fest.
In der Richtlinie bestimmt er insbesondere die Anforderungen für eine systematische Erkennung betroffener Patienten bei der Aufnahme in eine stationäre Behandlung, die Anforderungen an das für die Erkennung und Behandlung der Mangelernährung vorzuhaltende Personal sowie die Vorgaben für eine wirksame Planung und Durchführung der Behandlung.
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat die Festlegungen erstmals bis zum 31. Dezember 2027 zu treffen.“
In der Umsetzung, so der Kongresspräsident weiter, sollte dies aus Sicht der Fachgesellschaften bedeuten, dass alle Patienten bei der Aufnahme ins Krankenhaus bezüglich einer möglichen Mangelernährung untersucht – gescreent – werden und alle Kliniken qualifizierte interprofessionelle Ernährungsteams etablieren müssen, um dann auch eine adäquate Behandlung gewährleisten zu können.
Erkenntnisse vom Kongress
Beim Kongress wurde der "Berlin Consensus“ mit dem Titel „Indications to Nutritional Therapy and Support (GLINTS)“ vorgestellt – und zeitgleich in der Zeitschrift Clinical Nutrition publiziert. Es handelt sich hier um einen globalen Konsens aller großen ernährungsmedizinischen Fachgesellschaften über die Indikationen für eine Ernährungstherapie bzw. Ernährungsunterstützung. „Kurz gesagt: Wer sollte/muss wann eine medizinische Ernährungstherapie erhalten, um die Prognose zu verbessern“, erläuterte Pirlich.
Ein ähnlicher Konsensus über die Diagnostik der Mangelernährung – die „GLIM“-Kriterien aus 2019 – wurde inzwischen von der WHO in der überarbeiteten Version des ICD-11 als Liste moderner Diagnosekriterien übernommen. Pirlich: „Zu weiteren Erkenntnissen vom Kongress zählt ferner, dass die Effektivität einer Ernährungstherapie nicht nur von der Art und Zusammensetzung der Makro- und Mikronährstoffe abhängt, sondern ebenso vom Timing … also wann im Tagesverlauf was aufgenommen wird, ‚Chrononutrition‘“.
In Berlin wurde die gesundheitsrelevante Bedeutung von Mikro- und Nanoplastik in der Nahrung diskutiert, ebenso die Planetary Health Diet: „Eine pflanzenbetonte Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion sind nicht nur gesund für den Einzelnen, sondern auch für den Planeten“. Zum Hintergrund: Die Fleischproduktion trägt wesentlich zur Emission von klimaschädlichen Gasen bei. Ein Thema beim ESPEN war ferner: Die Evidenz wächst, dass hochverarbeitete Lebensmittel langfristige gesundheitsschädliche Wirkungen haben – darunter kognitiven Abbau und Demenz durch Fertiggerichte.
Welche Rolle für KI?
Pirlich resümierte die Botschaften im Tagungshotel: Neben der Medikationssteuerung wird KI zum wertvollen Tool zur raschen Erstellung individueller Ernährungspläne – für die medizinische (früher „künstliche“) Ernährung auf der Intensivstation, aber auch in der Forschung, um Zusammenhänge zwischen Lebens- und Ernährungsstil in großen Kohortenstudien zu analysieren. Sessions gaben Beispiele für die positiven Effekte des Einsatz der Technologie bei der Zusteuerung von Medikation. Zu den Perspektiven zählt ferner, dass die ESPEN-Leitlinien dank KI auf einzelne Fälle mit Synopsen und Handlungsempfehlungen heruntergebrochen werden sollen.
Handlungsaufforderung an die Führungsebene
Die Kliniken sollten sich darauf einstellen, dass die gesetzlichen Regelungen, die der G-BA erarbeitet, zur Etablierung interprofessioneller Ernährungsteams und übergeordneten Ernährungskommissionen führen wird, stellte der Kongresspräsident fest. „Falls nicht schon vorhanden, würde ich jeder Klinik empfehlen, eine Arbeitsgruppe unter der Leitung eines Ernährungsmediziners einzurichten, um diese Strukturen aufzubauen.“
Ideal wäre es, so Pirlich, bereits in den Aufnahmeprozess ein einfaches digitales Screeninginstrument zu integrieren. „Dies wird schon in etlichen Kliniken so umgesetzt, zum Beispiel in den Universitätskliniken Leipzig und Frankfurt.“ Bereits vorhandene Diätassistentinnen und Diätassistenten sollten in der Thematik Mangelernährung geschult sein oder entsprechend qualifiziert werden, außerdem werde in den meisten Kliniken die Anzahl von Ernährungsfachkräften aufgestockt werden müssen. Pirlich: „Die Studienlage spricht dafür, dass dies kostenneutral sein wird bzw. sogar Kosten sparen wird, da mit einer Reduzierung von Komplikationen – vor allem nosokomialen Infektionen – zu rechnen ist.
Andere Länder machen es uns im Übrigen vor, stellte der Kongresspräsident fest. So wird in vietnamesischen Krankenhäusern wird hinsichtlich Mangelernährung gescreent, vielfach gibt es im Verlauf der Therapie Nachscreenings.