Mehr als 1000 Festnahmen, Dutzende Verletzte: Frankreichs Schulproteste eskalieren
Auch an diesem Mittwoch sitzen sie nicht in ihren Klassenzimmern, sondern haben sich vor dem Eingangstor des Schulgeländes aufgestellt. Bereits am Vortag waren Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Montebello im nordfranzösischen Lille in den Streik getreten. „Wir kämpfen für bessere Lernbedingungen, denn die Zustände hier sind eine Schande“, sagt eine Teenagerin in einer Videoreportage von BFM-TV. In Grüppchen stehen die jungen Leute zusammen, manche stimmen immer wieder Gesänge an.
Ihnen gegenüber haben sich schwer bewaffnete Polizisten aufgebaut, die nervös in Richtung einer angrenzenden Straße blicken. Dort kam es am Morgen zu erneuten Zusammenstößen zwischen den Sicherheitskräften und gewaltbereiten Jugendlichen, die mit Mülltonnen Barrikaden errichteten und anzündeten.
Diese Randalierer seien ihr unbekannt, sie unterscheide zwischen ihnen und den friedlich demonstrierenden Gymnasiasten, sagte die Schuldirektorin Florence Delannoye dem französischen Fernsehsender TF1. „Die Gewalt brach sehr schnell aus. Noch vor wenigen Jahren hätten Schulleiter niemals die Polizei wegen einer Schülerdemo gerufen.“ Jetzt aber sah sie keine andere Lösung.
„Die Gewalt brach sehr schnell aus“
Mehr als 400 Bildungseinrichtungen wurden am Dienstag blockiert, als die Gewerkschaften zu einem nationalen Streiktag im öffentlichen Dienst aufriefen. In mehreren Städten, darunter Saint-Denis bei Paris, Lyon und Rennes kam es zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. 440 Personen wurden festgenommen. Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez waren am Mittwoch 356 Schulen betroffen. 625 Menschen wurden festgenommen, 83 Polizisten und Gendarmen verletzt.
„Unser Schulgebäude ist vollkommen baufällig, es fehlt an Stühlen. Und: Wir verlieren Unterrichtszeit, wenn wir diese erst suchen müssen“, zählte ein Schüler des Gymnasiums Paul-Éluard in Saint-Denis die Probleme auf.
Landesweit könnten die Streikaktionen laut dem Schülerverband USL ab Donnerstag fortgesetzt werden, sollte Bildungsminister Édouard Geffray dessen Vertreter nicht schnellstmöglich empfangen, hieß es in einem Kommuniqué: „Wir, Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, mobilisieren uns, damit wir Mittel für angemessene Lernbedingungen bekommen.“ Geffray nannte die Forderungen „legitim“, verurteilte aber die gewaltsamen Ausschreitungen am Rande der Proteste.
Unter die jungen Protestierenden mischen sich oft auch Lehrkräfte. Etwa Irène Cailletau, Mathematik-Lehrerin in Saint-Denis. Sie fordere eine Gleichbehandlung der Bildungseinrichtungen in den Metropolen und den oft vernachlässigten Banlieues, sagt sie dem Studierendensender Letudiant TV. Allerdings verschlechtere sich die Lage an den französischen Schulen allgemein. „Ausfallende Lehrer werden nicht ersetzt, Stellen gestrichen, es gibt immer weniger Personal.“
Hinzu kämen Probleme mit den Räumlichkeiten: Wegen notwendiger Bauarbeiten müssten in ihrer Schule 600 Jugendliche in Container ausweichen, die sich im Sommer extrem aufheizen und im Winter eiskalt seien. „Jetzt stehen Minderjährige, die sich gegen diese Bedingungen auflehnen, schwer bewaffneten, brutalen Polizisten gegenüber“, empört sich Cailleteau. Mehrere Schüler seien teils gewaltsam in Gewahrsam genommen worden.
Der permanente Geldmangel habe massive Auswirkungen, klagt auch Jean-Rémi Girard, der an einem Gymnasium im Pariser Vorort Asnières-sur-Seine unterrichtet und Präsident der Lehrer-Gewerkschaft SNALC ist.
„Wir halten die Schulen mit allen Kräften am Laufen, aber der Staat hilft uns nicht dabei, sondern die Bedingungen verschlechtern sich“, sagte er dem Sender RNC. Seit 30 Jahren lasse die Kaufkraft seines Berufsstandes ständig nach. Das Durchschnittsnettogehalt von Lehrkräften in Frankreich liegt bei 3090 Euro, bei Berufseinsteigern bei nur knapp 1900 Euro.
Das ist einer OECD-Studie zufolge nicht nur verhältnismäßig wenig im europäischen Vergleich, sondern auch gegenüber anderen Beschäftigten mit Hochschulabschluss in Frankreich. Die Folge sei ein Mangel an motiviertem Personal, sodass Stellen unbesetzt bleiben, so Girard. „Wir haben europaweit die größten Klassen mit oftmals 35 Schülerinnen und Schülern.“ Von der Politik erwarte er nur noch wenig.
Schon Präsident Emmanuel Macron hat in der Vergangenheit immer wieder versichert, dass die Schulbildung einen besonderen Stellenwert für ihn habe – passiert ist so gut wie nichts. Auch jetzt vor der nächsten Präsidentschaftswahl 2027 versprechen wieder mehrere Kandidaten, darunter Macrons frühere Premierminister Édouard Philippe und Gabriel Attal, Gehaltserhöhungen für Lehrkräfte. Er habe das alles schon gehört, sagt Lehrer Girard. „Aber dann heißt es später: ‚Wir müssen auf das Budget achten, Frankreich muss Prioritäten setzen.‘“ Die liegen seit Jahrzehnten anderswo.